Als Tipp-Kick-Fußballer hat Michael Kaus alles erreicht - dennoch denkt der 49-Jährige im Gegensatz zu vielen Alterskameraden auf dem grünen Rasen noch lange nicht an ein Ende seiner Karriere.
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Als Tipp-Kick-Fußballer hat Michael Kaus alles erreicht - dennoch denkt der 49-Jährige im Gegensatz zu vielen Alterskameraden auf dem grünen Rasen noch lange nicht an ein Ende seiner Karriere.

Tipp-Kick

Dieser Bad Vilbeler ist einer der erfolgreichsten Tipp-Kick-Spieler Deutschlands

  • vonAndreas Matlé
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Michael Kaus aus Bad Vilbel ist ein ganz großer in seinem Sport: Insgesamt neunmal wurde er bereits deutscher Meister. Der 49-Jährige gehört zu den besten Tipp-Kick-Spielern Deutschlands.

Nähert man sich dem Haus von Michael Kaus in Bad Vilbel, sieht man hinter den Fensterscheiben die Pokale. Von ihrer Größe und von ihrem Umfang her stehen sie den Trophäen, die in der Champions League vergeben werden, in nichts nach. Allerdings bleibt es in dem Sport, dem sich der 49-jährige Immobilienmanager verschrieben hat, nur bei dieser greifbaren Belohnung - auf seinem Konto bewegt sich nach einer Meisterschaft nichts. Zwar ist Kaus einer der erfolgreichsten seiner Zunft auf dem 106 mal 70 Zentimeter großem Spielfeld, das also im Verhältnis 1:100 gegenüber dem "richtigen Fußball" abgebildet ist; aber er geht diesem Sport ganz und gar als Hobby nach.

Tipp-Kick-Patent stammt bereits aus den frühen 1920er Jahren

Tipp-Kick, ein Tischfußballspiel, das Generationen von Jugendlichen und Männern begeistert, wahrscheinlich, weil es so unkompliziert zu spielen ist. Patentieren ließ es ein deutscher Möbelfabrikant bereits 1921. Die Spielweise ist denkbar einfach. Jeder der beiden Spieler hat einen Torwart und einen Kicker, dessen Bein sich mit einem Tippen auf den Kopf zum Schießen des Balls auslösen lässt. Der eckige Ball hat zwei Farben. An der Reihe ist, wessen Farbe gerade nach oben zeigt. Also Glückssache? "Wenn man das professionell betreibt, sind nur noch zehn Prozent Glück dabei", schätzt Kaus. "Mit einer bestimmten Schusstechnik kann man die Farbe des Balles beeinflussen." Beim ersten Kick tritt der berühmt-berüchtigte Vorführeffekt auf, doch beim zweiten Schuss trifft seine Vorhersage zu. Da er gerade in Fahrt kommt, demonstriert er gleich noch eine weitere Finesse. Der Rechtshänder schlenzt den Ball von links außen ins Tor - wobei er zum Tippen die linke Hand benutzt.

Diese besondere Fertigkeit gründet auf einem Reiz des Tipp-Kicks, den viele Männer noch aus ihrer Kindheit kennen. In einer Epoche, in der der Computer noch keine verlockenden Möglichkeiten anbot, konnte man die Freizeit wunderbar damit verbringen, auch alleine Tipp-Kick zu spielen und in seiner Fantasie zwei Mannschaften gegeneinander antreten lassen. Wobei Kaus dieses Spiel noch darin steigerte, abwechselnd die linke und die rechte Hand einzusetzen, um Tempo rein zu bekommen. "Wobei bei mir verdächtig oft die Frankfurter Eintracht gewann", erinnert er sich schmunzelnd.

Michael Kaus ist seinem Tipp-Kick-Verein bis heute treu geblieben

Aufgewachsen im Frankfurter Stadtteil Gallus/Gutleut, spielte er zunächst auf dem grünen Rasen Fußball, ehe er sich im Alter von 14 Jahren an Knie und Ferse verletzte. "Wahrscheinlich war ich auch nicht der talentierteste Kicker", räumt er ein. Mit einem Freund entdeckte er Tipp-Kick und die beiden verloren sich regelrecht in das Spiel, eiferten am kleinen Feld die Begegnungen der Bundesliga nach. Schließlich entdeckten sie 1986 den Tipp-Kick-Club (TKC) Gallus, der gerade mal zwei Jahre zuvor in der Nachbarschaft gegründet worden war. Sehr schnell stieg Kaus in die erste Mannschaft auf, nahm an Turnieren und Meisterschaften teil. "Trainiert wurde ein- bis zweimal die Woche. Die erfahrenen Spieler haben einem etwas beigebracht. Ansonsten konnte ich alle möglichen Schusstechniken auch zu Hause alleine üben."

Auch nach dem Umzug mit seiner Familie vor elf Jahren nach Bad Vilbel ist Kaus dem Verein, der so etwas wie das Bayern München der Tipp-Kicker ist, treu geblieben. Immerhin sechsmal Deutscher Mannschaftsmeister (zuletzt 2016, 2017 und 2018) wurde Kaus in dieser Zeit mit dem TKC, im vergangenen Oktober gewann er zudem zum dritten Mal die deutsche Einzelmeisterschaft. Dazukommen etliche Landesmeisterschaften und Podestplätze. "Mehr als 20 Jahre habe ich auf die Deutsche Meisterschaft im Einzel hingespielt. Lang Zeit war ich vielleicht zu verkrampft, zu verbissen. Irgendwann hat sich dann eine gewisse Lockerheit eingestellt. Die braucht man, um Erfolg zu haben", sagt er heute.

Ein offizielles Tipp-Kick-Match dauert zweimal fünf Minuten

Tipp-Kick ist mehr oder weniger eine Angelegenheit in Deutschland geblieben, Ausnahmen bilden Österreich und die Schweiz. In der Bundesliga spielen derzeit neun Vereine mit jeweils vier Spielern. Die treffen sich von Flensburg bis München mehrmals im Jahr, um an Dreier-Spieltagen den Meister auszuspielen. Dazukommen die Einzel- und die Landesmeisterschaften. Im Laufe der Jahre, freut sich Kaus, seien bundesweit tolle Freundschaften entstanden. Zwei dieser neuen Freunde wurden gar seine Trauzeugen.

Ein Spiel dauert zwei mal fünf Minuten. An einem Turniertag kommen schon mal 25 Einzelspiele zusammen. "Die mentale Anforderung ist im Wettkampf so hoch wie im Leistungssport. Da man jedes Spiel mit voller Konzentration angehen muss, ist man am Ende eines solchen Tages ausgelaugt", erzählt Kaus. "Deshalb kommt es vor, dass man nach einem Erfolg die Anspannung herausbrüllt wie beim großen Spiel."

Schwierige Nachwuchssuche belastet Tipp-Kick-Vereine

Freilich, die Faszination die er und seine Mitkicker für den Fußball en miniature empfinden, ist nicht mehr so einfach an die jüngere Generation zu übertragen. Der TKC Gallus hat gerade noch sechs Spieler. Stellvertretend für die schwierige Rekrutierung des Nachwuchses steht Kaus junior, der lieber bei "Fifa" am Computer oder auf der Konsole dem virtuellen Fußball nachjagt. Der Vater zeigt Verständnis. "Wäre ich heute Jugendlicher, würde ich wahrscheinlich genauso ticken."

Wäre in seinem Alter beim großen Rasensport wahrscheinlich schon längst Ultimo, sieht Kaus für seine Tipp-Kick-Karriere noch lange kein Ende. "Ich bin da regelrecht entspannt. Außerdem gilt doch das Motto: Je oller, desto doller, nicht wahr?"

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