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Kontaktsport auch mal körperlos: An den DFB-Stützpunkten haben sich die Trainer auf die Einschränkungen durch die Pandemie reagiert.

Jugendfußball

Die große Erleichterung: Was die neuen Corona-Regeln für die Arbeit am DFB-Stützpunkt in Karben bedeuten

  • Michael Nickolaus
    vonMichael Nickolaus
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Die Normalität kehrt zurück. Am DFB-Stützpunkt Karben wird wieder fußball-spezifisch trainert. Coach Kai Möller spürt Erleichterung, blickt zurück und befürchtet Auswirkungen auf die Nachwuchsarbeit.

Die erfreuliche Nachricht vom Deutschen Fußball-Bund erreichte am Sonntagabend per WhatsApp-Chat das Trainer-Team am Stützpunkt Karben. Training mit Vollkontakt und unbegrenzter Spielerzahl für Jugendliche bis 14 Jahren ist aufgrund der niedrigen Inzidenz im Wetteraukreis ab sofort wieder möglich. Die DFB-Elite-Lizenz-Trainer Kai Möller, Alexander Jörg und Thomas Dechant sowie A-Lizenz-Coach Süleyman Karaduman kümmern sich am Günter-Reutzel-Sportfeld montags um die Talentförderung; aktuell die Jahrgänge 2006 bis 2009 betreffend. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Möller über seine Erleichterung über die jüngste Entwicklung, über Trainingsgestaltung unter Einschränkungen und Auswirkungen auf die Nachwuchsarbeit.

Kai Möller, in der Wetterau dürfen Jugendliche bis 14 Jahre wieder ohne Abstandsregeln trainieren. Was bedeutet das nach wochenlangen Einschränkungen?

Für uns am Stützpunkt und natürlich für die Kinder ist es eine tolle Sache, endlich wieder sportartspezifisch zu trainieren. Alleine schon aus organisatorischen Gründen und bezüglich der Gestaltung unserer Trainingsplanung ist das eine große Erleichterung. Wir können mit Körperkontakt und in Spielformen wie Sechs-gegen-sechs trainieren. Das ist dem eigentlichen Spiel näher, und natürlich macht’s mehr Spaß, sich wieder mit anderen messen zu können.

Wie wurden die vergangenen Wochen und Monate organisiert?

Die Vorgaben haben sehr oft gewechselt, sodass wir in vielen Dingen flexibel sein mussten. In Online-Meetings hat der DFB aufgezeigt, was möglich ist und was nicht. Dabei hat sich der Verband nach den Richtlinien auf Bundesebene orientiert. Wir haben beispielsweise im Herbst kontaktlos in Fünfer-Gruppen trainiert, während die Kinder am nächsten Tag in ihren Vereinen, die sich an Landesvorgaben gehalten haben, schon wieder Sechs-gegen-sechs mit Kontakt spielen konnten. Das war schon schwer zu erklären. Fußball ohne Kontakt ist eben auch nicht sportartspezifisch. Übungen in den Bereichen Torschuss, Dribbling, Finten oder auch ein Parcours - das kann man alles machen, aber Körperkontakt gehört beim Fußball nunmal dazu.

Sind Auswirkungen auf die Entwicklungen der Kinder erkennbar?

Ja. Wir haben einen Leistungstest unter sportwissenschaftlichen Gesichtspunkten durchgeführt, um zu sehen, wo die Kinder stehen. Gerade im Punkt Beweglichkeit und Gewandtheit ist vieles auf der Strecke geblieben.

Welcher Mehraufwand war erforderlich, um ein Stützpunkttraining anbieten zu können?

Das beginnt bei Punkten wie der Ein- und Ausgangssituation am Sportgelände, bei Fahrgemeinschaften, die nicht erlaubt waren, der Dokumentation, welcher Trainer eine Gruppe von maximal fünf Kindern betreut und endet bei der Trainingsgestaltung. In den Regelplänen gibt’s Bausteine, auf die man aufbauen kann. Das war in dieser Zeit nicht möglich, sodass wir individuelle Lösungen finden mussten, um ein Training anzubieten, das nicht langweilig wird.

Wie war die Stimmungslage bei den Kindern und ihren Eltern?

Die Kinder waren einfach froh, dass sie spielen konnten. Die, die bereits bei größeren Vereinen spielen, kannten auch schon die corona-konformen Abläufe. Der Austausch mit den Eltern war rege, vom DFB gab’s reichlich Info-Material. Die Trainingszeiten waren verkürzt, und natürlich muss man auch Verständnis haben, wenn Eltern ihre Kinder dann mal nicht quer durch die Wetterau zum Training fahren, zumal dies keine Übungseinheit im eigentlichen Fußball-Sinne war.

Wie bewerten Sie die Corona-Notbremse?

Es ist 15-Jährigen schwer zu vermitteln, warum sie nach ihrem Geburtstag plötzlich nicht mehr kommen dürfen, während ihre zwei oder drei Monate jüngeren Freunde weiterhin dabei sein können. Auch fehlen die Vergleichsspiele gegen andere Stützpunkte oder mal ein Testspiel gegen ein Nachwuchsleistungszentrum. Das sind - ebenso wie der Tag der Talente in Grünberg, der ausfallen musste - für die Kinder natürlich absolute Highlights. Ein anderer Punkt, der völlig unter den Tisch gefallen war, ist die Sichtung. Diese erfolgt meist zwischen den Oster- und den Sommerferien. Jetzt wäre der Jahrgang 2010 dran, aber wir haben keine Möglichkeit und müssen quasi auf Zuruf den Kader zusammenstellen.

Wie sehen Sie für Situation für kleinere Vereine?

Ich stelle mir das sehr schwierig und problematisch vor und weiß von einigen Spielern unserer jüngeren Jahrgänge, dass in deren Heimatvereinen teilweise kein Training angeboten wurde. Die Kinder der älteren Jahrgänge sind meist schon bei größeren Vereinen etabliert, da wurde meist auch trainiert - in vielen kleinen Gruppen. Da stehen aber auch mehr Trainer zur Verfügung.

Wie gehen Sie bei schwankenden Inzidenzen mit wechselnden Öffnungen und Schließungen um?

Das ist problematisch. Wir wussten mitunter morgens nicht, was abends erlaubt ist. Ein Eins-gegen-eins mit Abschluss beispielsweise oder ein rein technisches Training. Es gibt Rahmenpläne, die dann über den Haufen geworfen werden mussten. Gerade in den Inzidenz-Grenzbereichen ist es schwer. Da wird zwei Wochen normal trainiert, dann wieder nicht. Wichtig ist aber, dass die Kinder kommen, Spaß haben und wir sie entwickeln können.

Vor wenigen Wochen hat unter anderem die Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) in einem offenen Brief an die Bundesregierung erklärt, dass Sport im Freien ungefährlich ist. Dies scheint aber in der Politik wenig Gehör gefunden zu haben - können Sie sich das erklären?

Es gibt sicher 100 Gründe, die für oder aber auch gegen Maßnahmen sprechen. Man wird sich seine Gedanken machen, warum Beschränkungen wichtig und nötig sind. Mir als Fußballer blutet aber das Herz, wenn ich sehe, wie Kinder scheinbar hinten runter fallen. Das ist schade, aber schrumpfende Mitgliederzahlen beispielsweise treffen auch nicht nur den Fußball.

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