1. Wetterauer Zeitung
  2. Sport
  3. Lokalsport

Derbys in der DEL 2: »Oh, wie ist das schön«

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bier und Champagner in Strömen: Patrick Schmid duscht hier Stephan Kreuzmann, den Kapitän der Löwen Frankfurt.	(Foto: Storch)
Bier und Champagner in Strömen: Patrick Schmid duscht hier Stephan Kreuzmann, den Kapitän der Löwen Frankfurt. (Foto: Storch) © Joachim Storch

(mn) Frankfurt hat’s geschafft, Kassel ist auch dabei und Bad Nauheim sowieso. Die Deutsche Eishockey-Liga 2 bietet den Roten Teufeln, den Löwen und den Huskies ab dem 12. September neben dem Mitspracherecht um die Playoff-Teilnahme mit dem internen Wettkampf um die Position als Hessens Nummer eins einen weiteren Anreiz.

Stephan Kreuzmann übernahm die Verantwortung. Der Kapitän köpfte zunächst die Magnum-Flasche Champagner, die ihm zur Schlusssirene flugs gereicht worden war, wagte als Erster die Bierdusche bei Geschäftsführer Stefan Krämer und eröffnete schließlich die Karaoke-Show in der Eissporthalle am Ratsweg, als er 7000 Zuschauer mit heißerer Stimme und dem Evergreen »Oh, wie ist das schön« zum Mitsingen und -schunkeln einlud. Die lange Aufstiegs-Party, die am Gründonnerstag, kurz vor 22 Uhr, mit einem 4:2-Sieg in Crimmitschau begonnen hatte, fand zwei Tage und sehr kurze Nächte später ihre Fortsetzung. Die Löwen Frankfurt feierten am Ostersamstag die Qualifikation für die Deutsche Eishockey-Liga 2.

Fünf verbleibende Spielminuten hatte die Stadionuhr angezeigt, als Löwen-Stürmer Clarke Breitkreuz, diesmal Zuschauer, da angeschlagen, von der Tribüne hinunter in die Kabine eilte.

Just als die Sirene das letzte Heimspiel für beendet erklärt hatte und auch die Eispiraten Crimmitschau durch einen 6:3-Erfolg (nach 0:3-Rückstand) Grund zum Feiern hatten, nämlich den Klassenerhalt, lief Breitkreuz in kompletter Eishockey-Kluft aufs Eis, hielt ein Drei-Liter-Bierglas in den Händen und führte die erste von unzähligen Ehrenrunden an diesem Abend an. »Es war ein langes Jahr mit vielen Entbehrungen. Aber jetzt haben wir das Ding nach Hause gebracht«, sprach derweil Chris Stanley in die Mikrofone und Diktiergeräte, die ihm unter die Nase gehalten worden sind. Im Vorjahr hatte der Kanadier den EC Bad Nauheim zum Titel und Aufstieg geführt, nun hat der 34-Jährige mit den Löwen Frankfurt Geschichte geschrieben.

»Uffstieg«

»Das Herz und der Geist wollten, aber Kopf und Körper waren müde. Das ist kein Wunder angesichts unseres Schlafdefizits«, resümierte Löwen-Trainer Tim Kehler, nachdem er sich den langen Weg durch die Fans in der Stehkurve hinüber in den VIP-Raum gebahnt hatte. Noch regelrecht berauscht von der Aufstiegs-Euphorie hatte seine Mannschaft den Zweitligisten 20 Minuten lang an die Wand gespielt und 3:0 geführt.

Die Minuten 21 bis 60 fallen dann sicherlich unter den Begriff Aufbauhilfe Ost. Die Eispiraten, im Grunde genommen chancenlos, schienen immer an sich zu glauben und drehten die Partie. »Ich habe gefühlte 1000 Mal hier verloren - immer mit Kassel. Jetzt muss ich mit Crimmitschau herkommen, um endlich einmal in Frankfurt zu gewinnen«, sagte Fabian Dahlem und sprach von einer Partie, die die Höhen und Tiefen der gesamten Saison widerspiegele. Er dankte Eispiraten-Chef Rene Rudorisch zur Standfestigkeit in den vergangenen Wochen. »Er hat nie den Kopf verloren.« Vielfach, gerade am Donnerstag, als die Sachsen zu Hause den Klassenerhalt noch verpasst hatten, hatte der Übungsleiter wiederholt ein Pfeifkonzert der eigenen Anhänger ertragen müssen.

Der Party-Bus der Löwen war am Freitagmorgen um 4 Uhr von mehr als 200 Anhängern an der Eissporthalle empfangen worden, gemeinsam wurde noch das eine oder andere Fass geleert. Vom Ziel Aufstieg sei im Sommer gesprochen worden, berichtete Tim Kehler, um dann im besten Hessisch zu glänzen. Tatsächlich feiere man hier den »Uffstieg« sagte der smarte Kanadier, der von einer großartigen Mannschaft sprach, die ihm da von Sportdirektor Rich Chernomaz anvertraut worden sei.

»Die Mannschaft hat vom ersten Tag an unglaublich hart gearbeitet, wurde dabei oft im Training mehr gefordert als in so manchem Spiel gegen völlig unterlegene Teams. Charakter muss man aber zeigen, wenn es darauf ankommt. Und das hat sie getan.« Baumeister Chernomaz verfolgte die Entwicklung am Oster-Wochenende im fernen Korea; als Coach der ungarischen Nationalmannschaft bei der B-Weltmeisterschaft.

Felsbrocken seien am Donnerstag von ihm abgefallen. »So laut, dass man das auch in Frankfurt gehört haben muss«, schildert Stefan Krämer, der biergetränkte Löwen-Geschäftsführer, rückblickend die entscheidenden Minuten in Crimmitschau. Nun sei die Basis geschaffen, die Löwen weiterzuentwickeln; ohne Druck. Ein erneutes Scheitern hätte das vorrübergehende Ende der Löwen Frankfurt zur Folge gehabt. »Andere - gerade in der Fußball-Bundesliga - reden schon mal vom Existenzkampf; bei uns war’s wirklich einer. Aber jetzt sehen wir endlich wieder Eishockey-Spiele, keine sportlichen Schlachtfeste mehr.

« Von einer schw(e)er(e)- und sorg(e)-losen Zukunft wurde am Abend im VIP-Zelt in Anspielung auf Markus Schweer und Wolfgang Sorge, die beiden ungebliebten Funktionäre im Landesverband, gesprochen.

Bryan Hogan an der Angel

Den Etat, den Krämer schon jetzt im Budget-Mittelfeld der DEL 2 einordnet, werde man moderat erhöhen. Einen Anlass, das Team komplett auszutauschen, sehe er nicht. »Überragend« seien schließlich der Teamgeist und der Zusammenhalt gewesen, und Abgänge werde man »qualitativ deutlich besser« kompensieren. »Jetzt muss Chernomaz eben beweisen, was er kann«, gab’s von Krämer zugleich eine augenzwinkernde Botschaft. Er selbst hält sich aus sportlichen Fragen, aus dem Kabinen-Leben, komplett heraus. »Das ist als Geschäftsführer nicht meine Aufgabe. Dafür haben wir schließlich einen Sportdirektor«.

Mit James Jarvis, Nils Liesegang David Cespiva, Lanny Gare, Richard Mueller sowie den U23-Spielern Clarke Breitkreuz, Richard Gelke und Marc Schaub besitzen gleich acht Spieler der Aufstiegs-Mannschaft Verträge für die Zweitliga-Saison. Taylor Carnevale und Dennis Reimer vom EC Bad Nauheim (wir berichteten bereits am 14. Februar) sowie Bryan Hogan (DEL 2-Torwart des Jahres/SC Riessersee) werden im internen Kreis als Neuzugänge bereits bestätigt, wenngleich die offizielle Mitteilung noch fehlt. Marton Vas, der ungarische Verteidiger, hat gute Karten für einen Anschlusskontrakt, bei Chris Stanley dürfte seine Einbürgerung (voraussichtlich im Herbst) eine wesentliche Rolle spielen.

Kooperiert wird künftig mit dem DEL-Klub Nürnberg. Martin Jiranek, Ende der Saison 2012/13 Coach am Main und auch am Samstag aufmerksamer Beobachter auf der Tribüne, ist Sportdirektor bei den Ice Tigers. Zwei bis vier Spieler - so heißt’s - werden die Franken zur Weiterentwicklung an die Hessen ausleihen. »Martin schätzt die sportliche Kompetenz von unserem Sportdirektor, dem er seine Perspektivspieler anvertrauen will«, sagt Krämer.

Nahezu pausenlos meldet dessen Handy den Empfang von Glückwunsch-Mails und SMS; gerade in der Relegation habe das Interesse an den Löwen stark zugenommen. »Potenzielle Großsponsoren kommen um die Ecke. Frankfurt sieht, dass sich hier etwas bewegt, bringt sich ein.« Zwei ausverkaufte Heimspiele mit jeweils 7000 Zuschauern, eine weitere Relegationspartie mit mehr als 6000 Besuchern machen die Löwen interessant. Am Samstag hatte sich neben mehreren Dutzend Fans aus Bad Nauheim auch Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann blicken lassen. Dessen Einladung zu einem Empfang am Römer lehnte Krämer in aller Bescheidenheit ab.

Der Aufstieg der Löwen-Profis öffnete der Amateur-Mannschaft des Stammvereins den Weg in die Oberliga. Ohne bezahlte Spieler, wie es heißt, wolle man das Jugend-Konzept fortführen, sich künftig mit Essen, Ratingen und Duisburg messen. Von 500 auf 1000 solle die Mitgliederzahl gesteigert werden. »Wir wollen zeigen, dass hier etwas passiert, wollen nicht nur den Profi-Bereich, sondern auch den Nachwuchs entwickeln«, sagte Krämer noch und entschwand in die Party-Nacht.

Kassel mit Kimm und Gibbs

180 Kilometer nördlich von Frankfurt sollten sich am Samstagabend die Bilder gleichen. Die Kassel Huskies haben nach einem 6:1-Erfolg gegen Freiburg den Zweitliga-Aufstieg feiern können. »Das ist Gänsehaut pur. Was Mannschaft und Fans heute geleistet haben - überragend«, sagte Trainer Jürgen Rumrich. Stefan Traut verfolgte die Szenerie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. »Vor vier Jahren haben wir bei Null in der Hessenliga angefangen, jetzt haben wir den Aufstieg in die DEL 2 geschafft. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Die Huskies behalten einen Platz in meinem Herzen.« Die Spielbetriebs GmbH (KEBG), deren Geschäftsführer Traut ist, wird nach dem 30. April von Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin abgewickelt werden.

Die Zukunft der Huskies liegt einmal mehr in den Händen von Simon und Edith Kimm. Die Hallenbesitzer hatten gemeinsam mit Oberbürgermeister Bertram Hilgen erklärt, Profi-Eishockey in einer modernisierten Halle zu sichern.

Nun liegt es an Kimm, der seinen Vertrauten Joe Gibbs in maßgeblicher Funktion einer neuen GmbH ins Boot holen will, und Marc Berghöfer, dem Vorsitzenden des Nachwuchsvereins (der offiziell ausgestiegen ist), eine Einigung herbeizuführen - vor dem 24. Mai, wenn die Lizenzunterlagen eingereicht werden müssen.

Klar ist: Es geht (auch) ums Geld. 650 Stunden Eiszeit und 135 000 Euro hatte die Spielbetriebs GmbH den Informationen der HNA zur Folge, in der vergangenen Saison dem Nachwuchsverein zur Verfügung gestellt. Einen Betrag, den Kimm reduzieren möchte. In welcher personellen Konstellation (Geschäftsführer, Trainer, Spieler) die Huskies in die neue Saison gehen werden, ist eine von vielen offenen Fragen, die beantwortet werden müssen, wenn der Rausch verflogen ist.

Auch interessant

Kommentare