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Vor dem Derby: Die Roten Teufel und Frankfurt

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6. März 1987: In der Aufstiegsrunde zur Eishockey-Bundesliga verliert der EC Bad Nauheim gegen Eintracht Frankfurt mit 5:8. Zwei Drittel lang hatten die Roten Teufel vor 6000 Zuschauern in der Eissporthalle am Ratsweg als Außenseiter mitgehalten, bevor der Spitzenreiter seine konditionelle Überlegenheit hat ausspielen können.

Torschützen für den Gast aus der Wetterau: Fred Carroll, der heutige Trainer, Mike Hannan (je 2) und Gordon Blumenschein. Bald 25 Jahre sind seitdem vergangen, seit die Metropole Frankfurt in jener Zeit der eishockey-verrückten Kleinstadt Bad Nauheim als Nummer eins der 60er- und 70er-Jahre den Rang abgelaufen hat. Der 28. Oktober 2011, der Freitag dieser Woche, führt Bad Nauheim und Frankfurt nun zum ersten Pflichtspiel seit eben jenem März-Abend 1987 wieder zusammen - auf Augenhöhe, zum Spiel der Oberliga West. WZ-Redakteur Michael Nickolaus hat sich vor dieser Partie mit Geschäftsführer Andreas Ortwein von den Roten Teufeln Bad Nauheim und Michael Bresagk, dem Sportlichen Leiter und Gesellschafter der Löwen Frankfurt, getroffen. Rund eineinhalb Stunden haben die beiden Funktionäre in lockerer Runde über nachbarschaftliche Kooperation, Rivalität und die Entwicklung des Eishockeysports in der Rhein-Main-Region gesprochen.

Andreas Ortwein, am Freitag steigt das Spiel auf das Bad Nauheim sich seit Jahren freut...

Ortwein: Ja. Die Vorfreude, auch bei mir, ist riesengroß. Das Stadion ist zum ersten Mal seit 1999 ausverkauft. Das sagt doch eigentlich alles. Frankfurt, das Derby - das elektrisiert.

Michael Bresagk, wenn in Frankfurt vom Derby gesprochen wird, dann meist im Zusammenhang mit Mannheim und Kassel. Können Sie den Hype um diese Partie aus Sicht der Roten Teufel nachvollziehen?

Bresagk: Wenn das Stadion ausverkauft ist, wenn die Emotionen hochkochen, dann spielt’s keine Rolle, ob Derby oder nicht. Das ist einfach eine tolle Geschichte. Und für viele Spieler ist’s noch immer Neuland, vor einer solchen Kulisse zu spielen.

Andreas Ortwein, welche Chance für den Eishockeysport in Bad Nauheim sehen Sie in dieser Partie?

Ortwein: Die Mannschaft hat die Möglichkeit zur Werbung in eigener Sache. Mit einem begeisternden Auftritt kann sicherlich der eine oder andere Zuschauer, der über Jahre nicht mehr im Stadion war, gelockt werden, sich auch andere Partien anzuschauen. Umso wichtiger ist es, wie sich das Team präsentiert - unabhängig von Sieg oder Niederlage.

Wer ist Favorit?

Ortwein: Beide Klubs hatten einen etwas holprigen Start. Da wird sich keiner die Bürde auferlegen. Ich denke, die Tagesform wird entscheiden.

Bresagk [blättert in der WZ-Beilage]: Wenn man die Prognose hier liest, dann Bad Nauheim. Wir wollen gewinnen, keine Frage. Derzeit kann keiner den Leistungsstand des anderen so richtig einschätzen. Ich sehe zwei Szenarien: Entweder geht’s von Beginn an heiß und emotional zur Sache, um Duftmarken zu hinterlassen, auch für die kommenden Duelle. Oder wir sehen ein taktisches Geplänkel und zwei Mannschaften, die erstmal bemüht sind, keinen Fehler zu machen. Ich erwarte nicht unbedingt einen Torreigen, sondern ein Spiel mit Playoff-Charakter. Und wer da verschläft, hat Pech gehabt.

Sie sitzen hier so friedlich zusammen. Beide Klubs sind in den letzten 25 Jahren völlig getrennte Wege gegangen und kooperieren nun fast partnerschaftlich auf Führungsebene. Allein im Löwen-Kader stehen sieben Spieler, die einst das Trikot der Roten Teufel getragen haben. Ist denn die viel zitierte Rivalität nur ein Überbleibsel der Eishockey-Historiker; eine Sache der Fans?

Bresagk: Natürlich werden diese Gedanken von Fans aufrecht erhalten. Die Zuschauer lechzen nach solchen Partien. Das kennen wir in Frankfurt ja aus unseren Spielen wie gegen Mannheim. Da wird beschimpft und beleidigt. Während des Spiels sind Freundschaften untereinander vergessen. Und danach gibt man sich wieder die Hand.

Ortwein: Wir freuen uns, dass wir Frankfurt endlich wieder auf Augenhöhe begegnen. Vielleicht kommen diese Duelle im Laufe der Zeit an den Charakter der Derbys wie Mannheim gegen Frankfurt heran.

Mit Kassel, Frankfurt und Bad Nauheim spielen erstmals drei hessische Klubs unter der Regie des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen in der Oberliga West. Wie ist der Austausch untereinander? Und inwiefern lassen sich hessische Vorstellungen im NRW-Spielbetrieb umsetzen?

Bresagk: Wir sind gegenüber dem Verband um eine Kommunikation auf einer normalen Ebene bemüht, was durch gewisse Vorgaben aber nicht ganz einfach ist.

Ortwein [nickt]: Bad Nauheim wurde in den DEL-Zeiten von Frankfurt und Kassel nicht so recht wahrgenommen. Inzwischen findet ein regelmäßiger Austausch statt, wir unterstützen uns auf allen Ebenen. Und was den Verband angeht: Da können wir nur gemeinsam Einfluss nehmen und müssen entsprechend mit einer Stimme sprechen.

Michael Bresagk, wachen Sie manchmal auf und hoffen, dass alles nur ein böser Traum ist? Über Jahre spielte Frankfurt in der DEL. Oder sind die Löwen in der Oberliga angekommen?

Bresagk: Wir spielen Oberliga, und wir sind da ganz realistisch. Der Neustart im vergangenen Jahr wurde im Umfeld akzeptiert und von Fans und Partnern mitgetragen. Dass von außen höhere Erwartungen an uns herangetragen werden, als wir uns selbst vorgegeben haben - damit müssen wir leben.

Wie beurteilen Sie beiden das Niveau der Oberliga West nach den ersten vier Wochen?

Ortwein: Momentan sehe ich neun Mannschaften im Kampf um acht Plätze. Herford, Krefeld und Netphen scheinen wohl den Anschluss zu verlieren. Aber - und das macht’s interessant - es gibt fast jeden Spieltag eine Überraschung. Ich denke da gerade an Königsborn. Das zeigt, dass die Mannschaften vom Leistungsvermögen enger zusammengerückt sind. Jeder Gegner verdient Respekt.

Bresagk: Im Laufe der Saison werden sich die Qualitätsunterschiede im Kader zeigen. Jetzt sind einige Klubs noch in der Findungsphase. Da kann es schon mal die eine oder andere Überraschung geben, was wir selbst auch schon erleben mussten. Die Außenseiter stellen sich hinten rein und warten, was passiert. Wenn man diesen Riegel früh knacken kann, läuft’s von selbst. Wenn nicht, kann’s auch Überraschungen geben. Jetzt hoffen wir, dass natürlich auch die Konkurrenz mal unerwartet stolpert.

Die Fans der Roten Teufel waren kürzlich vom 1:7-Zwischenstand ihrer Mannschaft in Duisburg erschüttert. Gleichzeitig unterliegen die Löwen in Königsborn, was sicherlich noch die größte Überraschung darstellt. Wie konnte das passieren?

Bresagk: Chancen waren da, aber wir waren einfach nicht zwingend genug. Wir haben eine junge Mannschaft, waren nicht geduldig, sondern zu heißspornig und sind unseren taktischen Zwängen nicht treu geblieben. Im Laufe der Zeit wurden die Spieler dann oft zu eigensinnig. Jeder wollte etwas versuchen, und die Mitspieler haben geschaut, was ihr Teamkollege da so macht. Das war der falsche Weg und sah von außen natürlich katastrophal aus. Man kann den Jungs sicher nicht vorwerfen, dass sie nicht gewollt hätten. Alle sind gerannt. Deshalb stelle ich mich auch vor das Team und schütze die Jungs. Wir durchlaufen einen Prozess und sind im Aufbau, um das bestmögliche Produkt anzubieten.

Sie beide müssen mit Boris Ackers und Dylan Stanley jeweils einen Schlüsselspieler langfristig ersetzen. Sind Sie im Nachhinein froh, die Punkte nicht mit in die nächste Runde zu übernehmen?

Bresagk: Im Nachhinhein müssen wir uns für diese Entscheidung bedanken [Ortwein klopft Bresagk auf die Schulter und schmunzelt]. Mit Verletzungen muss man immer rechnen. Aber ein solcher Ausfall auf der Schlüsselposition tut natürlich weh.

Ortwein: DEL-Klubs würden wahrscheinlich nachverpflichten. Das macht aus unserer Sicht bei diesem Modus wirtschaftlich wahrscheinlich keinen Sinn. Ein Feldspieler ist zudem leichter zu ersetzen als ein Torhüter.

Michael Bresagk, wie war das eigentlich im Sommer? Frankfurt wird doch dank seines Potenzials sportlich wie wirtschaftlich von auswärtigen Spielern als Paradies wahrgenommen.

Bresagk: Beim Thema Geld muss ich schon widersprechen. Es haben sich Spieler gemeldet, die gerne gekommen wären, aber das sportliche Niveau nicht hatten. Andere dagegen wollten nur abkassieren. Unser Ziel ist es - innerhalb gewisser Normen - gesund zu wirtschaften. Ich denke, wir bewegen uns gegenüber anderen Mannschaften mit vergleichbaren Zielen auf einem Level. Wir haben Verantwortung übernommen und wollen langfristig etwas aufbauen. Dafür stehen wir - auch ich - mit unseren Namen.

Bezüglich der Neuverpflichtungen haben Sie sich speziell in Dortmund und Bad Nauheim, also bei Top-Klubs aus dem Vorjahr, bedient. Ein Zufall?

Bresagk: Wir sind gezwungen, gewisse Gegebenheiten zu berücksichtigen und kostensparend Spieler zu verpflichten. Bei Spielern aus der West-Gruppe entfallen beispielsweise Kosten für den Reindl-Pool. Im Fall Dortmund war es auch relativ einfach, Spieler von Frankfurt zu überzeugen.

Ortwein [lacht]: Da willst Du jetzt aber nicht im Detail darüber reden, oder?

Bresagk: Nein, das will ich nicht. Mit Bad Nauheim hatten wir frühzeitig Gespräche aufgenommen und klar gemacht, Spieler wie Lanny Gare oder Tobias Schwab nicht abwerben zu wollen. Der Kader soll für Identifikation und Verbundenheit stehen. Die Zahl der Spieler, die infrage kommt, ist begrenzt. Wir haben das Maximale herausgeholt, zumal wir im älteren Nachwuchs ein gewisses Loch haben.

Ortwein: Unser Nachwuchs hat in den letzten Jahren mehrfach in den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft mitgespielt und ist deshalb näher dran an der Oberliga. Wir haben unseren Spielerstamm und können aufbauen und optimieren. Unseren Kader hätten wir gewiss mit zehn weiteren Spielern füllen können. Bad Nauheim hat eben ein sympathisches Kleinstadt-Flair.

Ist denn der Aufstieg in die 2. Bundesliga mit seinen zunehmenden wirtschaftlichen Risiken angesichts der derzeitigen Konstellation mit den Derbys erstrebenswert?

Ortwein: Wir sind seit Jahren nah dran und klopfen an die Tür zur zweiten Liga. Dieses Ziel wollen wir auch realisieren. Optimal wäre eine 2. Bundesliga - möglicherweise zweigeteilt - mit allen drei hessischen Klubs. Die Durchführungsbestimmungen geben das derzeit aber nicht her.

Bresagk: Die 2. Liga ist unser Ziel - allerdings nicht zwingend in dieser Saison. Auf Dauer lässt sich die Zwei-Klassen-Gesellschaft mit Netphen und Herford in Frankfurt nur schwer verkaufen. Die Erwartungshaltung der Fans ist da einfach eine andere. Vielleicht sollte die ESBG über Strukturänderungen nachdenken, überlegen, was für das Eishockey das Beste ist.

Ortwein: Man muss auch Veränderungen berücksichtigen. Als der Regionalisierungsprozess in der Oberliga vor zwei Jahren angestoßen wurde, hatte doch keiner die Entwicklung in Kassel und Frankfurt auf der Rechnung.

Wie wird denn die Drittklassigkeit in der Bankenstadt Frankfurt angenommen?

Bresagk: Wir sind Aufsteiger. Da ist es zunächst einmal erforderlich, mehr als 50 Prozent unserer Spiele zu gewinnen, um eine gewisse Euphorie zu schaffen und die Zuschauer zu gewinnen. Dazu müssen wir ein gewisses Niveau anbieten. Der Dauerkarten-Vorverkauf zeugt vom Vertrauen in unsere Arbeit, zeigt aber auch, dass die Oberliga angesichts unserer Möglichkeiten nur eine Übergangsstation sein kann.

Die Konkurrenz fürchtet, dass die Löwen in der Weihnachtszeit auf Shopping-Tour gehen und ordentlich nachrüsten könnten.

Bresagk: Natürlich beobachten wir den Markt. Auch im Hinblick auf die kommende Saison. Doch ist es Quatsch, den halben Kader auszutauschen. Zum einen ist es unfair den Spielern gegenüber, die jetzt da sind, zum anderen lässt sich doch überhaupt nicht absehen, ob diese Spieler, die wir brauchen können, im Dezember überhaupt auf dem Markt sind.

Andreas Ortwein, was erhoffen Sie sich vom Freitagabend?

Ortwein: Dass wir drei Stunden lang eine Top-Atmosphäre im Stadion haben und anschließend nach einem hoffentlich tollen Spiel ein Bierchen trinken können.

Michael Bresagk, die Löwen haben eine junge Mannschaft. Welche Rolle spielt die Kulisse?

Bresagk: Die Jungs freuen sich riesig auf das Spiel. Vielleicht ist der eine oder andere im Vorfeld etwas nervös. Aber das gibt sich, wenn’s erstmal angefangen hat. Wenn wir einen kühlen Kopf behalten, kann eine solche Kulisse gerade auswärts für uns von Vorteil sein.

Ortwein: Ob jung oder alt, spielt keine Rolle. Die Jungs spielen, um Abende mit einer solchen Atmosphäre erleben zu können.

Bresagk: Die sollen rausgehen und das Spiel genießen. Aber nicht nur genießen, sondern daraus einen Nutzen für ihre weitere Entwicklung ziehen.

Das Colonel-Knight-Stadion hat schon lange nicht mehr einen derartigen Ansturm erlebt. Mit annähernd 1000 Fans aus Frankfurt ist zu rechnen. Wie steht’s da um die Sicherheit?

Ortwein: Da muss sich niemand sorgen. Die Partie wird in der notwendigen Form von externer Security und der Polizei begleitet. Schlachtrufe und Emotionen gehören dazu. Die Entscheidung fällt aber auf dem Eis.

Bresagk: Ich denke, Eishockey-Fans tragen ihre Rivalität eher verbal aus. Aber auch wir kennen einige unserer Pappenheimer und werden unsere Sicherheitsleute am Freitag im Stadion haben.

Abschließend: Ihr Tipp?

Bresagk: 4:2 für Frankfurt.

Ortwein: Das muss ich natürlich toppen - 5:2 für uns.

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