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Auf dem Podium: Harald Stenger hat über viele Jahre hinweg die Pressekonferenzen des Deutschen Fußball-Bundes gelietet.

Früherer DFB-Sprecher und Wahl-Rosbacher Harald Stenger wird 70

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Keiner kann einen, der gar nicht eingeladen war, so elegant wieder ausladen, wie Harald Stenger. Natürlich war alles haarklein geplant und organisiert, vor Monaten schon, Adressenliste geschrieben, Lokalität ausgesucht, reserviert, Sitzordnung festgelegt, selbst der Wein stand fest, einen Pino Grigio hätte es gegeben. Es hätte ein rauschendes Fest werden sollen, heute Abend, 70 wird man nur einmal.

Aber es ging ja nicht, die Pandemie, und das allein sagt ein Menge über die Gefährlichkeit dieses Virus aus: dass es sogar einen Harald Stenger kapitulieren lässt. Zumindest für einen Moment. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Eigentlich ist es nicht zu glauben, dass dieser umtriebige, rastlose Kerl 70 wird. Da sitzen andere in gemütlichen Puschen im Lehnstuhl, die Fernbedienung in der Hand. Nicht so Harald Stenger, der Streiter für die gute Sache, hier ist ein Rat gefragt, dort muss ein Projekt angeschoben, da soll eine Kolumne geschrieben sein, und der Schlappekicker lässt einen eh nie zur Ruhe kommen. Da ist Harald Stenger Zweiter Vorsitzender, er hat der traditionsreichen Aktion der Frankfurter Rundschau mit neuen Ideen frischen Schwung verpasst. Stenger ist halt auch mit 70 stets eher Lokomotive als Anhänger.

Genug zu tun hat er weiterhin, engagiert wie eh und je, ob wie früher im Evangelischen Jugendwerk, als jahrzehntelanger Schreiber für die Frankfurter Rundschau oder jetzt als freier Journalist, und still ist er nie. Der gebürtige Bornheimer, dessen Vater ein Steinmetzbetrieb hatte, ist sich treu geblieben. Und das heißt: nicht bequem sein, nicht pflegeleicht sein, zuweilen eckt er an. Manchmal kann der Mann immer noch ganz schön anstrengend sein. Seit bald 50 Jahren lebt er mit und im Fußball.

Als die Eintracht 1959 Deutscher Meister wurde, hatte ihm die Mutter eine Fahne genäht, Klein-Harald, 8, jubelte in der Kaiserstraße seinen Helden zu. Schon als Schüler schrieb er für die FR. Bald war er Redakteur, er schrieb über Fußball (und Tischtennis), über die Eintracht, die Bundesliga, über Europa- und Weltmeisterschaften, die Nationalelf sowieso, die Oberliga Hessen, über Gott und die Welt. Fundiert ohnehin, denn der Südfrankreich-Liebhaber, längst in Rosbach heimisch geworden, war und ist immer bestens informiert.

Über seinen Schreibtisch in der FR liefen viele Fäden zusammen, Stenger hing viel am Hörer (»Mit schönen Grüßen von Haus zu Haus«), bald reichte ihm ein Telefon nicht aus. Natürlich trug er schon damals ein Headset und im Redaktionsbüro manchmal sehr seltsame Hawaiihemden zu kurzer Hose.

2001 wechselte der Bergfex zum DFB, wurde Mediendirektor im Stadtwald. Es war, als werfe man einen Fisch ins Wasser. Das war sein Ding: Organisieren, delegieren, in vorderster Front stehen, moderieren, Krisen managen, Lösungen finden, schaffen. Er war nie aus der Fassung zu bringen, wenn er oben in den DFB-Pressekonferenz auf dem Podium saß, deshalb hatte er den nett gemeinten Spitznamen Buddha weg, Stenger war ein Möglich-Macher, er kümmerte sich - um die Kollegen, den Verband, die Nationalspieler.

2012 ist sein Vertrag beim DFB nicht verlängert worden. Es war kein schöner Abschied, und Stenger hatte daran knabbern müssen. Bald ist er wieder eingetaucht in die Arbeit, hat sich als Freelancer die WM 2014 in Brasilien gegönnt. Und die Verleihung des Herbert-Awards für seine Lebensleistung hat ihm auch gut getan.

Ansonsten weiß der passionierte Saunagänger ganz gut mit seiner freien Zeit umzugehen. Up to date ist er sowieso. Und abseits der Kreidelinien, abends beim Äppler und/oder einem leckeren Essen, ist -ger- ohnehin ein amüsanter, entspannter Gesprächspartner. Wenn nicht gerade das Virus dazwischenfunkt.

THOMAS KILCHENSTEIN

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