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Dr. Jürgen Gerlach †

Der »Doc« ist tot

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(ra). Der »Doc« lebt nicht mehr. Der Frauenhandball-Erfolgstrainer der 80er-, 90er- und 2000er-Jahre ist am Freitag im Alter von 74 Jahren einer Herzattacke erlegen. Dr. Jürgen Gerlach war der erfolgreichste deutsche Frauenhandball-Trainer aller Zeiten. Mit dem TV Gießen-Lützellinden feierte er deutsche Meisterschaften, Siege im DHB-Pokal und im Europapokal.

Drei Jahrzehnte war der »Doc« im Trainer-Geschäft, seit dem Aus des Frauen-Zweitligisten TV 05 Mainzlar vor zehn Jahren hatte er aber keinen Trainerjob mehr inne.

Der letzte von drei Europapokal-Erfolgen (1991, 1993, 1996) liegt 25 Jahre zurück, der letzte von sieben DM-Titelgewinnen (1988, 1989, 1990, 1993, 1997, 2000, 2001) exakt 20 Jahre. Zu den Triumphen gehören noch fünf DHB-Pokal-Siege (1989, 1990, 1992, 1998 und 1999) sowie der DM-Titel mit der Lützellindener A-Jugend 2006.

Der Handball-Trainer Dr. Jürgen Gerlach, geboren am 17. November 1946, stand seit langem nicht mehr in der Öffentlichkeit. Nach 30 Trainer-Jahren beim inzwischen aus dem Vereinsregister gelöschten TV Lützellinden und dem Aus des TV 05 Mainzlar rückten beim Biebertaler verstärkt wieder der Beruf und die Musik in den Mittelpunkt.

Der »Doc« hatte mehr erreicht als a ndere. Von sich selbst behauptete er »Fleißarbeiter und Visionär « zugleich zu sein. Dr. Gerlach hatte seit seinen ersten Auftritten auf der nationalen und internationalen Frauenhandball-Bühne für Furore gesorgt. Er war in seinem Vorwärtsstreben immer auf heftigen Widerstand gestoßen und hat dennoch - besonders hierzulande - Pionierarbeit geleistet.

Das Leben des »Doc« war faktensatt und anekdotenreich Und als besonnener Arzt hat er ebenso den Erfolgsweg eingeschlagen und Vertrauen gewonnen. Über den Mann auf der Bank, der an der Seitenlinie in die Rolle des herumtobenden Poltergeistes schlüpfte und dabei vor allem denen einen Schrecken einjagte, die seine vielen anderen Seiten kannten, hat man viele Geschichten schreiben können. An Dr. Gerlach schieden sich die Geister.

Für die einen war er Handball-Guru oder Hexenmeister, der aus einem diffusen Denken immer wieder ein lehrbares, innovatives System entwickelte. Für die anderen war er Doppelzüngler und Machtbessener, der mit zuweilen unbequemer Hartnäckigkeit seine Ziele verfolgte und dabei auch vor Konfrontationen nicht zurückschreckte. Vor allem aber war er ein Handball-Besessener.

Keine Frage: Dr. Gerlach hat den deutschen Frauenhandball revolutioniert, hat als fleißiger Kopfarbeiter stets Entwicklungen erkannt oder selbst in Gang gesetzt. Im Rampenlicht der Öffentlichkeit bewegte sich Dr. Gerlach über Jahrzehnte. Zahlreiche Ehrungen bei Empfängen und Bällen sind dem Biebertaler Orthopäden durch Sport, Politik, Verbände und Verein zuteil geworden. Handball war lange sein Leben. Der Tag von Dr. Gerlach begann über Jahre hinweg schon weit vor sechs Uhr in der Früh, erst weit nach Mitternacht endete er.

Der Region Mittelhessen hat er über zwei Jahrzehnte ein permanentes Wachstum im Frauenhandball beschert, besonders bei den von seiner Tätigkeit profitierenden unterklassigen Clubs. Dr. Gerlach hat mit dem und für den Frauenhandball unzählige Geschichten geschrieben. Jetzt ist es still um ihn geworden. Ruhe in Frieden, »Doc«! FOTO: REHOR

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