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David Hirst ist seit über 30 Jahren im Wetterauer Tennis verwurzelt. Er kennt weiß, worauf es bei der Ausbildung des Nachwuchses ankommt. (Foto : Nici Merz)

Nachwuchsförderung

Darum ist eine gute Ausbildung für den Tennisnachwuchs gerade in jungen Jahren wichtig

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Die Schwierigkeit, Kinder und Jugendliche für einen Verein zu gewinnen, zieht sich durch alle Sportarten. Tennis hat zudem noch den Ruf als Sport der Reichen. Was ist dran an diesem Klischee? Oder kämpft der Sport mit denselben Problemen wie Fußball und Handball? David Hirst, Inhaber einer Tennisschule in Bad Nauheim, gibt in unserem Interview Antworten.

Nicht die Nummer eins der deutschen Juniorenrangliste ist das vielversprechendste Tennis-Talent, heißt es oft. Vielmehr ist es der Spieler, der die finanzstärksten Eltern im Rücken hat. Einer, der weiß, was es bedeutet, wenn einem Talent die Karriere wegen fehlenden finanziellen Mitteln verwehrt bleibt, ist David Hirst. Der Inhaber der Tennischule "Davids Tennis World", in der sechs Trainer rund 200 Schüler betreuen, ist seit Jahrzehnten im Nachwuchsbereich aktiv und hat in den vergangenen Jahren eine großen Zahl an Spielern für den TC Rot-Weiß Bad Nauheim ausgebildet. Im Interview spricht er über Eltern, bequeme Kinder und natürlich auch über Geld.

Herr Hirst, ist Tennis nur ein Sport für Kinder von reichen Eltern?

David Hirst:Da kann man stundenlang drüber diskutieren. Es kommt auf den einzelnen Fall an. Nehme ich Gruppen- oder Einzelstunden? Eine Trainingsstunde pro Woche oder mehr? Ein bis zwei Stunden pro Woche sind absolut bezahlbar. Als Vereinsmitglied ist es auch nicht teuer, wenn man jeden Tag spielen will, die Platzmiete ist ja im Mitgliedsbeitrag inklusive. Aber wer etwas erreichen will, braucht Trainerstunden und Eltern, die das bezahlen können.

Was ist beim Training im jungen Alter besonders wichtig?

Hirst:Du brauchst gute Techniktrainer. Es gibt viele Trainer, oder solche, die sich so nennen, die die richtige Technik nicht vermitteln können. Ein Beispiel: Erst ab zehn Jahren ist es sinnvoll, mit normalen Tennisbällen zu trainieren, denn dann sind die Kinder meistens groß genug, um den hochspringenden Ball technisch korrekt zu treffen. Fangen sie früher damit an, müssen sie über die Schulter spielen und eignen sich eine falsche Technik an. Deswegen brauchen Kinder eine solide und altersgerechte technische Ausbildung.

Das ist in jeder Sportart essenziell und klingt erstmal nicht nach einem Problem.

Hirst:Das Problem ist, dass viele Eltern sagen: Einen guten Trainer brauchen wir in diesem Alter noch nicht. Dabei ist es genau umgekehrt.

Womit wir wieder beim Finanziellen wären.

Hirst:Genau. Wir sind zum Beispiel sicher etwas teurer als Schulen anderswo, haben dafür aber keinen Trainer mit zwei Balleimern, der - überspitzt gesagt - gerade so den Ball übers Netz bringt. Sollen die Kinder ein bisschen Spaß haben, reicht das sicher aus. Soll es mehr sein, braucht es eben auch mehr.

Was bedeutet das genau?

Hirst:Eltern, die ihr Kind einmal die Woche bei einem weniger gut ausgebildeten Trainer ins Training schicken, merken nach ein, zwei Jahren, dass kaum Fortschritte erkennbar sind. Meistens kommen sie dann zu uns.

Was ist Ihnen besonders wichtig, Ihren Tennisschülern zu vermitteln?

Hirst:Sie sollen immer weiter machen, bis sie ihr Maximum erreicht haben. Außerdem sollte man als Trainer immer bei den Matches der Kinder und Jugendlichen dabei sein. Nur so kann man sehen, wie die Entwicklung verläuft. Das macht man dann natürlich umsonst und rechtfertigt so neben der besseren Qualität der Trainer zusätzlich einen etwas höheren Preis pro Trainingsstunde. Nur so hilft man den Kindern weiter.

Kinder und Jugendliche lassen sich aber immer schwerer motivieren, an Ihre Grenzen zu gehen.

Hirst:Da könnte ich einen Roman drüber schreiben, es gibt Hunderte Beispiele. Manche wollen die Trainingsgruppe wechseln, weil sie mit einem Partner nicht klarkommen. Vor allem aber kämpfen sie in Matches, die verloren scheinen, nicht bis zum letzten Ballwechsel. Die moderne Welt ist bequem.

Macht Ihnen das mit Blick auf die Zukunft Angst?

Hirst:Der Sinn der Medenrunde darf nicht verloren gehen. Das Gesellige, die Zugehörigkeit zu einem Team. Früher hat man nach einem Spieltag mit zwölf Leuten am Tisch gesessen. Dann kamen die Vierer-Mannschaften, nach Spielen gehen heute viele direkt nach Hause und dann sitzt man manchmal nur noch zu dritt am Tisch.

Woran liegt das?

Hirst:Die dritte U 18-Mädchenmannschaft mussten wir beispielsweise zurückziehen, weil die Jugend freitags lieber ausgeht und samstags gerne lange schlafen möchte. Zu Auswärtsspielen fahren manchmal keine Eltern mit, weil sie auch ihre Freizeit anders gestalten möchten. Teilweise musste meine Frau Beverly fahren, damit überhaupt gespielt werden konnte. Es ist aber auch nicht alles schlecht (lacht).

Beim TC Rot-Weiß Bad Nauheim haben Sie vor acht Jahren mit einer Jugendmannschaft in der Kreisliga angefangen. Wie ist der Status quo?

Hirst:In dieser Medenrunde haben wir neun Jugendmannschaften im Spielbetrieb. Die weibliche U 18 spielt Hessenliga, die männliche U 18 Gruppenliga. Wir versuchen, die Seniorenmannschaften immer wieder mit Spielern zu bestücken, die wir von Kleinauf im eigenen Nachwuchs durchgebracht haben. Das gelingt uns seit Jahren immer wieder.

Im deutschen Tennis wird immer wieder über fehlende Vorbilder diskutiert. Wie sehen Sie das?

Hirst:Die Zeiten von Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf, als Tennis damals boomte, sind vorbei. Aus heutiger Sicht wäre ein deutscher Rafael Nadal oder Roger Federer natürlich fantastisch. Alexander Zverev könnte so einer sein.

Trotz seiner immer wiederkehrenden Ausraster?

Hirst:Das ist genau der Punkt. Wenn Zverev seinen Schläger zerhackt, ist es für einen Nachwuchsspieler auch okay, seinen Schläger zu zerstören, wenn es gerade einmal nicht läuft.

Der Traum von der Weltspitze ist aber kaum mit eigenen Mitteln zu realisieren, oder?

Hirst:Die Beispiele Andre Wiesler und Madeline Bosnjak zeigen das. Andre ist jetzt zwar Hitting-Partner von Angelique Kerber, aber ohne Sponsor hatte er kaum eine Chance, über die Top-200 der Welt hinauszukommen. Madeleine wurde als nächste Steffi Graf gehandelt, man hat ihr zugetraut, unter die besten Zehn der Welt zu kommen. Es war aber einfach kein Sponsor zu finden.

Kommt vom Verband keine Unterstützung?

Hirst:Wenn ich Ranglistenturniere ausrichte, muss ich vom Nennungsgeld bei Erwachsenen acht Euro, bei Jugendlichen fünf Euro pro Spieler an den Deutschen Tennis-Bund abgeben. Bei Tausenden Turnieren im Jahr und Tausenden Spielern kommen da Millionen zusammen. Da frage ich mich: Was passiert mit diesem Geld? Beim Nachwuchs scheint kaum etwas davon anzukommen.

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