+

Kunstrad

Dank Blödeleien und Kirmes: So hat es Maike Lind in die nationale Spitze geschafft

  • schließen

Aus Blödeleien auf dem Fahrrad und einem Aha-Effekt auf der Kirmes wurde ein Leistungssport. Die 17-jährige Kunstradfahrerin gehört in ihrer Altersklasse zur nationalen Spitze.

Schon wieder kracht das Fahrrad auf den Hallenboden. Schlagartig drehen sich alle Augenpaare in die Mitte der Dreifelderhalle an der Wölfersheimer Singbergschule. Nichts passiert. Maike Lind ärgert sich kurz und stellt das Fahrrad geduldig wieder auf. Nächster Versuch.

Die 17-Jährige gehört zur Kunstradfahrerelite in Hessen, bei den Deutschen Meisterschaften im Mai erreichte sie Platz 17. Der Lohn für elf Jahre Ehrgeiz und hartes Training. "Als Sechsjährige habe ich mit dem Kunstradsport angefangen. Andere in meinem Alter konnten noch nicht mal Fahrrad fahren, da habe ich schon Blödsinn auf dem Rad gemacht. Auf dem Gepäckträger fahren, nur mit einer Hand. Was man sich als Kind halt so ausdenkt", erzählt Lind.

Dann zum Kunstradfahren zu gehen, lag nahe - zumal sie aus Wölfersheim stammt und der RV Teutonia eine Radsport-Hochburg in der Wetterau ist. "Bei der Kirmes habe ich die Kunstradfahrer gesehen und fand es cool", erzählt Lind.

Sie selbst macht ebenfalls einen coolen, unaufgeregten Eindruck, als sie auf einer Holzbank am Hallenrand sitzt und über ihre Leidenschaft erzählt. "Am Anfang geht alles sehr schnell, da lernt man drei Übungen pro Trainingseinheit. Jetzt arbeite ich an Elementen, die ich bis zu drei Jahre lang übe, bevor ich sie im Wettkampf zeigen kann", sagt die 17-Jährige. Das erfordere viel Geduld. Nicht wenige steigen an diesem Punkt aus dem Sport aus, weil sie das Gefühl haben, sich nicht mehr verbessern zu können.

Großer Reiz bei neuen Übungen

Lind aber sagt: "Der Reiz, neue Übungen zu fahren, ist bei mir größer, als fünf Jahre lang die immergleiche Übung zu zeigen". Jedes Jahr tauscht sie die Elemente mit der geringsten Wertigkeit gegen neue, schwierigere Übungen aus. Bis zum Saisonstart im Februar hat sie dann Zeit, die Übungen zu verfeinern. Das ist aber alles nicht so einfach, denn ihr stehen nur 180 Trainingsminuten in der Woche zur Verfügung. Dazu ist sie einmal im Monat beim Kadertraining. "Eine dritte Einheit pro Woche hätte ich aber schon gerne", sagt die Wölfersheimerin. Die Konkurrenz absolviert teilweise bis zu vier Einheiten pro Woche. "Das wäre mir zu viel, schließlich bin ich mit der Schule gut beschäftigt", sagt Lind. Die Zwölftklässlerin bastelt derzeit an der St. Lioba-Schule in Bad Nauheim an ihrem Abitur, Leistungsfächer sind Mathe und Physik. Zudem leitet sie an der Schule eine Projektgruppe für jüngere Schüler und tanzt in einer Formation.

Lind zeichnet eine gesunde Mischung aus Ehrgeiz und Bodenständigkeit aus. Besonders deutlich wird das, als sie über ihren Weg zu den deutschen Meisterschaften spricht. "Ich möchte nicht prahlen", beginnt sie, es ist ihr fast peinlich, so über sich zu reden. "Aber schließlich muss man sich für nationale Wettkämpfe qualifizieren", sagt sie.

Beeindruckende Qualifikation

Das gelang Lind auf beeindruckende Weise. Beim dritten Masters-Turnier der Saison lag die Wertigkeit ihrer Kür auf Platz 25. Mit einer perfekten Übung und begünstigt durch Fehler der Konkurrenz kam sie unter die besten 20 und qualifizierte sich dadurch für die deutschen Meisterschaften. Bei der DM in Köln hatte ihre Übung im Teilnehmerfeld die wenigsten Punkte, entsprechend musste sie als erste Fahrerin auf die Fläche. "Ich dachte mir, ob ich nun Letzte oder Vorletzte werde, ist egal. Ich denke eher pessimistisch, dann bin ich nicht so enttäuscht, wenn es nicht klappt." Am Ende stand Platz 17 für sie zu Buche. "Ich hab schon damit geliebäugelt. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte ich mich damit auch arrangiert", sagt sie.

Dabei war es ihre letzte Meisterschaft im Juniorenbereich. Im November kommenden Jahres wird sie 19 Jahre alt, deswegen darf sie ab Januar nicht mehr im Nachwuchsbereich starten. Ziele hat sich die Schülerin für den Seniorenbereich noch nicht gesteckt, "das lasse ich auf mich zukommen. Da sammeln sich ja von einigen Jahrgängen die besten Fahrerinnen. Da vorne mitzufahren wird unglaublich schwer", sagt Lind. Große Töne spucken wäre auch nicht ihre Art.

Dann setzt sich Lind nochmal aufs Rad und will ein paar Übungen zeigen. Plötzlich klappt eine Übung nicht wie gewohnt. Ein zweiter Anlauf, noch ein dritter Anlauf. Es wurmt Lind, das ist ihr sofort anzumerken. Auf einmal hat sie der Ehrgeiz gepackt. Kurz darauf ist sie im Kopfstand auf dem Rad, die gerade noch so Hände am Lenker, mit der rechten Schulter balanciert sie ihren Körper auf dem Rahmen aus. Es sieht so einfach aus, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Und so ist es auch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare