Auch Daniyel Cimens (l.) Vertrag hat sich verlängert: "Ich möchte eine Mannschaft, die für einen aktiven Fußball steht." FOTO: HF
+
Auch Daniyel Cimens (l.) Vertrag hat sich verlängert: "Ich möchte eine Mannschaft, die für einen aktiven Fußball steht." FOTO: HF

FC Gießen

Daniyel Cimen: "Das muss sich beim FC Gießen ändern"

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
    schließen

Trainer Daniyel Cimen spricht im Interview über ein kraftraubendes Jahr beim Fußball-Regionalligisten FC Gießen und über seine Wünsche für die Zukunft.

Der FC Gießen blickt auf eine Saison, "die mich geprägt hat. Ich war häufig mehr Psychologe als Trainer", verrät Daniyel Cimen im Interview. Dass das Coronavirus samt seiner Begleitumstände und der bentragten Kurzarbeit letztlich zur finanziellen Rettung des heimischen Fußball-Regionalligisten beigetragen hat, passt zu dieser verrückten Saison.

Angefangen mit der verzerrten Kaderzusammenstellung, fortgeführt mit einem Benefizspiel gegen Eintracht Frankfurt vor 7000 Zuschauern im Waldstadion, verspäteten Gehaltszahlungen an Mannschaft und Mitarbeiter, dem Rücktritt von Geschäftsführer Jörg Fischer und dem vorzeitigen Saisonabbruch durch Corona.

Der 35-jährige Ex-Profi Cimen blickt noch einmal zurück, aber auch voraus und sagt: "Unser Job ist es, alles darauf auszurichten und so vorzubereiten, dass es im September wieder losgehen kann."

Herr Cimen, gab es eigentlich während der coronabedingten Spielpause eine Saisonbilanz, folgt diese noch oder fällt sie aufgrund der besonderen Umstände flach?

Wir haben uns schon in der Winterpause viele Gedanken gemacht, wo man personelle Veränderungen vornehmen kann, was sportlich besser laufen muss. Nach der Winterpause wurden dann nur noch drei Spiele gespielt. Während der Corona-Pause haben wir uns schon gefragt: Wie wollen wir uns aufstellen? Ein riesiges Manko der nun beendeten Saison war die hinausgezögerte Kaderplanung, dass der Kader erst zu Saisonbeginn stand. Am Ende waren wir dann auch an den Markt gebunden und was er noch hergegeben hat. Ich hoffe, dass sich das alles vor der nächsten Saison ändert.

Was macht Sie optimistisch, dass Sie angesichts aktueller stark begrenzter finanzieller Mittel und einer gewissen Ungewissheit nicht wieder gleichen Problemen hinterherlaufen werden?

Zum einen die Zeit, wir haben bis zum geplanten Start im September noch drei Monate. Zum anderen, glaube ich, wird der Spielermarkt in den nächsten Monaten überfüllt sein. Wir müssen wie viele andere Vereine abwarten, mit welchem Budget wir planen können. Wir können im nächsten Jahr wieder Regionalliga bieten, das ist ein großer Pluspunkt. Vielleicht können wir auch den einen oder anderen Spieler mit einer Ausbildungsstelle oder einem Job durch unser Netzwerk locken. Zum anderen können wir auch ein Verein mit der Plattform für junge, talentierte Spieler sein. Mit diesen Ansätzen wollen wir in die Spielergespräche gehen.

Wie wurde die Entscheidung, den Trainingsumfang künftig zu reduzieren, getroffen?

Markus (Haupt, kommissarischer Geschäftsführer, Anm. d. Red.) hat klar gemacht, dass wir mit einem geringeren Budget als in der Vorsaison planen müssen. Von daher war es eine logische Entscheidung: Wenn wir weniger Geld bieten können, müssen wir den Spielern die Möglichkeit geben, nebenbei Geld zu verdienen. Wobei der Unterschied im Trainingsumfang insgesamt natürlich nur begrenzt ist. Es werden höchstens zwei Einheiten weniger in den Vorbereitungswochen sein und maximal eine Einheit weniger während der Saison. Ich tue mich schwer damit, uns in Zukunft als Feierabendfußballer zu bezeichnen. Wir versuchen nach wie vor, so professionell wie möglich zu arbeiten.

An der Gültigkeit und dem Umfang der teils teuren Verträge von elf Spielern, die sich mit dem Klassenerhalt verlängert haben, ändert das aber nichts.

Es kann gut sein, dass Markus auf diese Spieler, deren Verträge sich verlängert haben, noch zugehen wird. Definitiv Einfluss haben wird es auf die Spieler, die neu zu uns stoßen und mit den Spielern mit denen wir verlängern werden.

Was waren ihre persönlichen Highlights dieser turbulenten ersten Regionalligasaison des FC Gießen?

Das Benefizspiel gegen Eintracht Frankfurt vor 7000 Zuschauern, das wir 3:1 gewonnen haben, war für Gießen einmalig. Ich weiß nicht, ob wir so etwas in dieser Art in Gießen noch einmal erleben werden - wir hoffen es. Zum anderen fällt mir der 1:0-Sieg gegen die Offenbacher Kickers Ende des Jahres ein, mit dem wir zum zweiten Mal in Folge ins Halbfinale des Hessenpokal eingezogen sind. Und auch wenn es sich blöd anhört: Zumindest bis zum Anpfiff war der Saisonstart der Regionalliga in Elversberg (Endstand 1:7, Anm. d. Red.) auch ein Highlight, das war Vorfreude pur. Darauf hatten wir ein Jahr lang hingearbeitet.

Und die Schattenseiten der Saison?

Ich hatte das Gefühl, dass es wenige Tage gab, an denen man sich wirklich voll auf den Fußball konzentrieren konnte. Es fing im Sommer mit dem Abgang von Michael Fink und der Installation aus dem Nichts von Franz Gerber als Sportlichem Leiter an. Das hat auch mit der Mannschaft etwas gemacht. Über die verspäteten Gehaltszahlungen bis hin zum Rücktritt von Jörg (Fischer, ehemaliger Geschäftsführer, Anm. d. Red.) - vieles hat sich nicht wirklich um den Sport gedreht. Mit etwas mehr Ruhe hätten wir wahrscheinlich eine andere Saison gehabt. Es ist eine Saison, die mich geprägt hat. Es gab viele Situationen, die man sich als Trainer nicht wünscht. Ich versuche, das Positive herauszuziehen und kann viele wichtige Erfahrungen mitnehmen.

Man wächst mit den Herausforderungen.

Ich war häufig mehr Psychologe als Trainer. Dass uns die schwere Zeit so zusammengeschweißt hat, das hat mich beeindruckt. Ich muss den Charakter der Mannschaft extrem loben. Ich habe gesehen, was möglich ist, wenn man wirklich eng zusammenrückt. Mit der gesunden Vorbereitung im Winter und dem guten Start nach der Pause hatten wir alle das Gefühl: Wir schaffen den Klassenerhalt.

Dann kam Corona und hat den FC Gießen, dem zu diesem Zeitpunkt rund 200 000 Euro zur Restfinanzierung der Saison fehlten, letztlich gerettet, indem der Verein auf 100 Prozent Kurzarbeit schalten konnte und einen Großteil der Spielergehälter nicht mehr zahlen musste.

Durch Corona haben wir jedenfalls die absolute Gewissheit bekommen, die Klasse gehalten zu haben.

Welches Gesicht soll die Mannschaft in der nächsten Saison haben?

Ich möchte eine Mannschaft, die für einen aktiven Fußball steht. Zuletzt mussten wir uns den Gegebenheiten anpassen. Die Zuschauer sollen gerne ins Waldstadion kommen - ich empfinde ohnehin große Dankbarkeit für die Fans, die ins Waldstadion gekommen sind. Als bei schlechtem Wetter im Frühjahr gegen Koblenz bei wahrlich mäßigem Fußball trotzdem 900 Zuschauer gekommen sind, war das bemerkenswert.

Für die Kaderplanung zeichnen Sie und Marco Vollhardt verantwortlich, der zunächst als Teammanager gekommen ist und mittlerweile andere Aufgaben übernommen hat.

Er unterstützt mich bei Spielergesprächen, Terminen, der Organisation. Darüber bin ich sehr froh. Vom ersten Gespräch an hatte ich ein gutes Gefühl bei ihm - dass er bereit war, andere Aufgaben zu übernehmen, zeigt, dass er gerne für den FC aktiv ist.

Auf welchen Trainingsstart stellen Sie sich ein?

Wir richten uns nach den Angaben der Regionalliga Südwest, nach denen ein Saisonstart im September angedacht ist. Das heißt, dass wir spätestens Anfang August mit der Saisonvorbereitung beginnen werden. Davor wird es Laufpläne geben. Jetzt gerade halten sich die Jungs selbstständig fit und gehen mit der Situation verantwortungsvoll um.

Eine Voraussetzung für den Saisonstart der Regionalliga Südwest wird vermutlich sein, dass Ansammlungen von über 1000 Personen erlaubt sein werden - andernfalls dürften viele Vereine die Kosten auch künftig kaum decken können.

Definitiv. Auch wenn wir uns von den Infektionszahlen her in Deutschland auf einem guten Weg befinden, bin ich ehrlich gesagt noch skeptisch, dass wir im Herbst regelmäßig vor über 1000 Zuschauern Fußball spielen können, auch wenn im Freien vieles einfacher zu gestalten ist als in einer Halle. Wir wären alle froh, wenn es möglich ist. Unser Job ist es, alles darauf auszurichten und so vorzubereiten, dass es im September wieder losgehen kann.

Abschließend: Was braucht der FC Gießen in den nächsten Monaten am meisten?

Vertrauen in die neue Vereinsführung, dass Mannschaft und Verein eine starke Einheit bilden. Natürlich wäre es schön, wenn die Saison mit Zuschauern starten könnte, weil sich in Gießen eine positive Zuschauer- und Fankultur gebildet hat. Wir müssen alle bodenständig bleiben und wünschen uns, von allen Seiten Vertrauen, das wir dann auch gerne zurückzahlen möchten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare