Claudius Weber in seiner Heimat im Chamäleon in der Gießener Innenstadt. FOTO: SNO
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Claudius Weber in seiner Heimat im Chamäleon in der Gießener Innenstadt. FOTO: SNO

Fußball

Claudius Weber, Gießens anderer Spielerberater

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Claudius Weber spielte unter Trainer Jürgen Klopp und weiß, dass in seiner Fußballerkarriere mehr möglich gewesen wäre. Jetzt will er jungen Spielern mit seiner Berateragentur "Team11eleven" helfen.

Claudius Weber weiß es noch wie heute. Der damals 23-jährige Gießener fällt dem Co-Trainer von Jürgen Klopp, Zelijko Buvac, durch eine starke Hessenliga-Saison 2000/2001 auf.

"Eines Tages, im Sommer 2001, fahre ich von meiner Ausbildung als Elektromechaniker in Frankfurt mit dem Auto nach Hause. Ich komme von der Autobahn runter Richtung Gießener Weststadt und stehe an der großen Kreuzung an der Ampel", erinnert sich Weber. "Mein Handy klingelt, unbekannte Nummer."

"Ja hier ist Jürgen Klopp von Mainz 05."

"Da habe ich erst einmal kurz innegehalten, mir gedacht, dass mich jemand verarschen will und gefragt: Wer ist da?"

"Jürgen Klopp vom FSV Mainz 05, ich habe gehört, du hast in Wiesbaden für die neue Saison schon zugesagt. Wir halten dich für interessant, können wir da noch was machen?"

"Ich habe gesagt: Klar, wann soll ich vorbeikommen? So ein Angebot schlägst du nicht aus. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke."

Weber wechselt an den Bruchweg, bringt es letztlich auf zehn Zweitligaspiele, steigt mit den 05ern unter Trainer Jürgen Klopp auf und spielt danach achtmal in der Bundesliga. Der ganz große Durchbruch aber gelingt dem Gießener im Profigeschäft nicht, es folgen Stationen in den Regionalligen in Wiesbaden und Lübeck, ehe Weber wieder nach Mittelhessen zurückkehrt, es letztlich unter anderem auf 40 Tore in 96 Hessenligaspielen bringt.

"Dass nicht noch mehr daraus wurde, lag an mir selbst, keine Frage", sagt er heute. "Wenn ich weniger auf Hilfe gewartet hätte, wäre wahrscheinlich mehr möglich gewesen. Ich habe immer jemanden gebraucht, der mich pusht", erzählt der Stürmer.

"Ein Bundesligatrainer hat kaum Zeit, sich um persönliche Einzelschicksale zu kümmern. Wenn ich damals einen ehrlichen Berater gehabt hätte, der weiß, worauf es ankommt, der mich antreibt, wer weiß, vielleicht wäre meine Karriere anders verlaufen", sagt Weber, als er Ende Juli 2020 in der Gießener Innenstadt sitzt.

Angetrieben von persönlichen Erfahrungen und der Liebe zum Fußball, gründete er vor sieben Jahren die Spielerberateragentur "Team11eleven" - junge Spieler ehrlich beraten und ihnen auf dem etwaigen Sprung nach oben helfen. "Das Beratergeschäft ist noch immer etwas in Verruf. Ich möchte es anders machen", sagt der 42-Jährige.

Zusammen mit vier Kollegen ist er heute aktiv, auf tatsächlich ganz andere Art und Weise. Er selbst geht als Bautechniker in Wölfersheim einem normalen Beruf nach, genauso wie seine Kollegen.

Nikola Milos, Spielerberater, arbeitet in einer Produktionsfirma im Ebsdorfergrund, Marijo Gelo, im "Team11eleven" Finanzberater, ist hauptberuflich im Finanzdienstleistungswesen unterwegs, Filip Piljanovic berät als Rechtsanwalt im Hauptberuf unter anderem Basketball-Nationalspieler Dennis Schröder. Cüneyt Cemaloglu, Scout, arbeitet in einer Spedition in Wetzlar.

"Wir möchten alle in Kontakt bleiben mit dem Fußball, der in meinem Kopf ist, seit ich denken kann und von dem ich nicht loslassen kann", sagt Weber. "Wir tun, was wir können, wir gehen alle einem Job nach. Hauptberuflich machen wir das Beratergeschäft nicht."

So werden pro Wechselperiode im Schnitt fünf Spieler an Fußballvereine vermittelt. "Wir können und wollen den Spielerpool aufgrund unserer Kapazitäten nicht so hoch halten. Je mehr Spieler du hast, desto geringer wird die individuelle Betreuung."

Richtig los legte das Team im Grunde erst 2016, als der damals 22-jährige Kroate Miro Kovacic an die U23 des 1. FC Köln vermittelt wurde. Zuletzt wurde unter anderem der aus seiner Zeit beim SC Waldgirmes bekannte Tolga Duran an Hessenligist SG Barockstadt Fulda/Lehnerz vermittelt.

"Für ihn gab es auch Möglichkeiten aus der Regionalliga Südwest. Aber er braucht nach seiner schwierigen Zeit in Siegen Spiele, auf lange Sicht ist Fulda eine gute Adresse."

Wie hilft das "Team11eleven" den Spielern wirklich? Sie nutzen vor allem ihre Kontakte. Durch seine Profizeit hat Weber Freunde gewonnen, ehemalige Kameraden, die hohe Positionen bekleiden: Rouven Schröder als Sportvorstand in Mainz oder Thomas Brendel als Trainer beim FSV Frankfurt. "Kontakte sind der erste Schritt und sehr wichtig. Wenn du niemanden kennst, ist es schwer, Spieler zu platzieren."

Das Netzwerk durch Kontakte erweitern, Gespräche für unzufriedene Spieler mit den Verantwortlichen übernehmen - das sind die Hauptaufgaben - Berater in Vollzeit hofieren ihre Klienten zudem oft, gehen für sie zuweilen sogar einkaufen, erledigen alle erdenklichen Dinge, zu denen dann schließlich auch das Ausarbeiten von Verträgen zählt.

"Häufig ist es eher eine Art betreuen", sagt Weber. Durch den Fokus auf den Berufsalltag und das Arbeiten als Berater in der Freizeit sind seine Prioritäten verteilt. "Wenn du es nur teilaktiv machst, ist es schwierig. Vielleicht belächeln uns einige, aber komplett möchte ich mich nicht aufs Beraterwesen konzentrieren."

Und so folgt Weber, dessen Spielerpass in Sachsenhausen liegt und der die U16-Hessenligadamen des FSV Hessen Wetzlar trainiert, seinem Lebensmotto: "Ich habe nie darauf hingearbeitet Profi zu werden, sondern einfach Fußball gespielt. Und manchem hat’s offensichtlich gefallen."

"So", sagt Weber, "verfahre ich in meinem ganzen Leben. Ich mache etwas aus Überzeugung, weil es mir Spaß macht. So ist es mit dem Beraterwesen. Wenn nichts daraus wird, dann ist es so. Erzwingen kann man in diesem Geschäft ohnehin wenig. Wenn etwas daraus wird, ist es schön - für den Spieler und für uns."

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