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Chris Romeike in Russlands Osten auf 4579 Meter

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Der Rosbacher Chris Romeike hat in der östlichsten Provinz Russlands den Vulkan Kamen bestiegen. Was er bei minus 30 Grad auf der vierwöchigen Expedition mit seinem Vereinskollegen Philipp Moser erlebte und was seine nächsten Projekte sind, erzählt Romeike hier.

Das Thermometer in der Hütte zeigt minus 28 Grad an. Nicht mal 15 Quadratmeter stehen Chris Romeike und seinem Kletterkollegen Philipp Moser zur Verfügung, um sich zu bewegen. Draußen stürmt es, an Tür öffnen ist nicht zu denken. 72 Stunden rauscht nun schon der Wind durch die Schlitze, schlafen können der Rosbacher Romeike und sein Kamerad auch nicht mehr. Der MP3-Player spielt kein Lied mehr ab, was man nicht schon zweimal gehört hat, die Lebensgeschichte haben sich die beiden jungen Kletterer auch schon erzählt. Was treibt sie an, auf 3300 Meter im tiefen Osten Russlands in einer kleinen Hütte zu sitzen und nicht nur sprichwörtlich auf besseres Wetter zu warten? Die Aussicht auf die Erstbesteigung des 4579 Meter hohen Vulkans Kamen über die noch unbezwungene, mit Eis gepanzerte Ostwand. Immerhin: Wenige Tage zuvor hatten Romeike und Mosler den Gipfel des Kamen über den Nordostgrad erreicht. Insgesamt verbrachten sie vier Wochen in der östlichsten Provinz Russlands, in Kamtschatka.

Mutterseelenallein waren Romeike und Mosler in die Natur hinausgezogen; mit Skiern und einen Schlitten hinter sich herziehend hatten sie eine Expedition aufgenommen, von der ihnen erfahrene Bergkletterer abgeraten hatten. Doch sie haben sich bei Tageshöchstwerten von minus 18 Grad durchgebissen, sich in manchen Orten mit Händen und Füßen verständigt, sich von Astronauten-Nahrung ernährt. 60 Kilometer betrug die Distanz vom letzten bewohnten Ort bis zum Berg, 90 Kilo Gepäck mussten transportiert werden.

Beginn beim Risiko-Spiel

Chris Romeike war einst in Rosbach aufgewachsen und hatte seinen Partner Philipp Mosler in der Neu-Ulmer Sektion des Deutschen Alpenvereins kennengelernt. Das Risikospiel brachte Romeike auf die Idee, die Halbinsel Kamtschatka im ostasiatischen Teil Russlands zu bereisen. »Das ist die östlichste Provinz Russlands. Es hat mich einfach gereizt, dort mal zu klettern«, sagt Romeike. Kamtschatka ist geprägt von felsiger Landschaft und Vulkanen, der Kamen ist einer von ihnen. 4579 Meter hoch – und über die Ostwand noch nie bezwungen. »Das war unser Ziel«, erzählt Romeike. In Russland erfuhren sie, dass sich bereits andere Bergsteiger für diese Route interessierten – doch eine erfolgreiche Besteigung ist bislang nicht bekannt.

Die beiden 27-Jährigen kamen zunächst im Süden Kamtschatkas nach einem Zwischenstopp in Moskau an, in der Hauptstadt Petropawlowsk. Dort hatten sie zuvor Kontakte geknüpft und übernachteten einige Nächte, ehe es zunächst per Bus und Schneemobil weiter Richtung Kamen im Norden ging.

Monatelang hatten die beiden Extremsportler für dieses Vorhaben trainiert. Das Schlittenziehen haben sie vorher geübt; zahlreiche Touren und Urlaube unter anderem in den Alpen verbrachten der frühere Handballer und Moser zusammen, Haupttrainingsgebiete waren der Neu-Ulmer Sparkassen-Dome oder die Felswände im Lautertal nahe ihrer Heimat. Über eine Facebook-Seite hatten sie erfolgreich Sponsoren gesucht, ein halbes Jahr wurde die Expedition in Eigenregie vorbereitet und geplant. Aus eigener Tasche haben sie beispielsweise die Flüge, das Visa und einen russischen Bergführer bezahlt. Jewgeni hatte in Petropawlowsk bei der Organisation geholfen, schließlich waren die beiden Deutschen die einzigen Touristen dort. »Alle Leute waren sehr nett und hilfsbereit«, freuten sich die Kletterer.

60 Kilometer zu Fuß

Im Norden mussten die beiden Neu-Ulmer mit Schneeschuhen, Skiern und Schlitten noch rund 60 Kilometer zurücklegen, ehe sie ihre Wand erreicht hatten. »Schon dort musst du deinen inneren Schweinehund einige Male überwinden. Der Schlitten war nicht mein Freund«, sagt Romeike. »Jeder muss sein eigenes Tempo gehen, seinen eigenen Rhythmus finden«.

Ein großes Hindernis ist natürlich das schwere Gepäck. Isomatte, Schlafsack, Zelt, Kletterausrüstung, Seile, Skischuhe, Essen, Trinken, Brennstoff – und das alles mal zwei. Das ergibt für jeden knapp 50 Kilogramm, die zu transportieren sind. »Wir hatten Glück, das wir in einem Sportgeschäft Sonderkonditionen bekommen haben«, sagt Romeike.

Fünf Tage dauerte der Aufstieg zu einem Bergsattel zwischen dem Kamen und einem noch aktiven Vulkan. Auf 3300 Metern schlugen die beiden Kletterer ihr Basislager auf. Die Temperatur betrug beim Aufstieg im Durchschnitt minus 30 Grad, das Wetter war gut. »Wir waren guter Hoffnung, die Erstbesteigung schaffen zu können. Es waren tagelang keine Wolken zu sehen«.

Ursprünglich hatten Romeike und Moser die Halbinsel mit dem Floß durchqueren wollen. Erst bei der Planung der Route ist ihnen der Berg aufgefallen. Als klar war, dass die Ostwand des Kamen noch nie bezwungen wurde, stand die Zielsetzung. Diese sollte aber nicht um jeden Preis erreicht werden. Philipp Moser hatte vor der Abreise der Augsburger Allgemeinen gesagt: »Die Expedition soll nicht das Letzte sein, was ich mache. Ich reise nicht nach Kamtschatka, um zu sterben«.

Am Basislager bunkerten Moser und Romeike Schlafsäcke, Ausrüstung und Nahrung, ehe sie den Gipfel in Angriff nahmen. Schnee, große Eisflächen und Steigungen bis zu 80 Grad sollten sie erwarten, doch bereits nach rund sechs Stunden hatten sie über den Nordostgrat den 4579 Meter hohen Gipfel erreicht. Dort blieben sie wegen der schlechten Wetterverhältnisse nur kurz, bei stürmischen Wind und Schneefall benötigten sie vier Stunden für den Abstieg.

380 000 Menschen leben auf Kamtschatka auf einer Fläche, die etwa fünf Prozent größer ist als Deutschland. Etwa 65 Prozent der Einwohner leben in der größten Stadt Petropawlowsk. 1996 wurde die Vulkanregion von Kamtschatka, die größtenteils als Naturpark ausgewiesen ist, von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. 30 aktive Vulkane gibt es insgesamt, der Kamen ist ein inaktiver Stratovulkan (Schichten aus Lava und Lockermasse).

Warum sammele ich keine Briefmarken?

Nach der Rückkehr ins Basislager hatten sich Romeike und Moser die Erstbesteigung der Ostwand vorgenommen. Doch ein heftiger Schneesturm stoppte das Vorhaben. Drei Tage harrten sie in der Hütte aus. »Das war wie eine Schneekanone vor der Hütte. Jeden Tag hatten wir sogar im Inneren zwei Zentimeter Neuschnee. Wir haben von innen die Tür zugenagelt und mithilfe von Tüten und Hölzern versucht, alles abzudichten«, erzählt Romeike. Die Zeit verging kaum, über ein Satelittentelefon checkten sie regelmäßig das Wetter. »Es war schlimm. Du denkst an Zuhause, an die Menschen, die dir wichtig sind«, berichtet Romeike, sein Kumpel beschreibt es so: »Wenn du in dieser Situation steckst, fragst du dich: Was mache ich hier? Warum sammele ich keine Briefmarken?«

Gemäß dem von Moser ausgegebenem Motto, dass diese Tour nicht die letzte sein sollte, fällten die beiden Abenteurer gemeinsam nach 72 Stunden des Wartens die Entscheidung, keine weitere Besteigung vorzunehmen. So machten sie sich auf den Rückweg – und konnten sich im nächstgelegenen Dorf mit Bier, Chips und weiterer Nahrung eindecken.

Trotz der gescheiterten Erstbesteigung zog Chris Romeike ein positives Fazit. »Unsere Planungen haben funktioniert. Es wäre zu viel auf einmal geworden, wir waren schließlich das erste Mal da. Das nächste Mal geht es im Sommer hin«.

Die nächsten Pläne sind gereift und teilweise schon in die Tat umgesetzt. Romeike weilt aktuell in Peru für die Hilfsorganisation »Herzen für eine neue Welt«. Auch dort kommt das Klettern für den 27-Jährigen nicht zu kurz. Romeike wollte den Gipfel des Chicon besteigen. Nach einer Nacht auf 4400 Metern fehlten beim Aufstieg nur noch 500 Höhenmeter bis zum Gipfel auf 5400 Metern, ehe das Wetter dem passionierten Kletterer erneut ein Strich durch die Rechnung machte. Dieses Mal musste Romeike allerdings keine drei Tage bei minus 28 Grad in einer eingeschneiten Hütte verbringen.

Michael Wiener

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