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Ein Brite in Bad Nauheim

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David Hirst hat in der »Brexit«-Debatte eine klare Meinung.	(Foto: Nici Merz)
David Hirst hat in der »Brexit«-Debatte eine klare Meinung. (Foto: Nici Merz) © Red

(mn) David Hirst bezeichnet Bad Nauheim als einen »Diamanten«, den er gefunden habe. Vor 29 Jahren ist der Brite in die Wetterau gekommen und hat sich im Tennis-Sport über die Region hinaus einen Namen gemacht. Die »Brexit«-Debatte verfolgt Hirst mit klarer Position.

Montagmorgen, 8.30 Uhr: David Hirst sitzt am Computer in seinem Shop im Sportpark Bad Nauheim. Die Wochenend-Resultate sind dem Verband zu melden. Chronistenpflicht. Im Sommer schlägt der 52-Jährige für den TC Rot-Weiß im Kurpark auf, im Winter veranstaltet der Trainer nationale Ranglistenturniere auf den Hallenplätzen in der Talaue. »Ich habe mit meiner Familie hier in Bad Nauheim meinen persönlichen Diamanten gefunden«, sagt Hirst. 1987 ist er mit seiner heutigen Frau Beverley aus der nordenglischen Grafschaft Yorkshire nach Mittelhessen gekommen. In Rosbach hat sich der Brite seine berufliche Existenz im Tennis-Geschäft aufgebaut, heute lebt er mit seiner Familie, zu der Sohn Jake (20 Jahre) und Tochter Tiffany (18 Jahre) gehören, im Ortsteil Schwalheim.

Britisch sei sein Pass, seine Denkweise bezeichnet Hirst aber längst als »europäisch«. Deutsche Gewohnheiten und Tugenden hat er in fast drei Jahrzehnten angenommen. »Wenn ich nach Hause zur Familie auf die Insel fahre, dann fällt mir das erst so richtig auf. Dann fühle ich mich schon mal wie in Ausländer; gerade in Sachen Mode«, sagt Hirst mit einem Schmunzeln.

In Barnsley ist er aufgewachsen, einer 70 000-Einwohner-Stadt, einst für den Bergbau und heute als Industriestadt bekannt. Die Eltern hatten ihm den Besuch einer privaten Schule ermöglicht, um ihm die besten Voraussetzungen mitzugeben. »Alles war sehr streng. Ich habe viel gelernt und wenig Tennis gespielt.« Die britischen Klischees von tätowierten Trunkenbolden in miefigen Muckibuden kennt und teilt er.

Als »sauber, korrekt, verlässlich« benennt Hirst seine ersten Eindrücke von Deutschland. Ein Bild, das sich in all den Jahren festigen sollte. »Ich fühle und denke weder deutsch noch britisch. Ich sehe mich als Europäer.« Zu Hause, in England, spüre er hingegen »gute Laune, Lebensfreude und weniger materialistisches Denken«. Man komme leichter mit den Mitmenschen ins Gespräch, während in Deutschland doch »viele stur geradeaus schauen und gehen«.

So gern er in Deutschland lebe, Kultur und Kulinarik zu schätzen weiß, den britischen Pass würde Hirst nie abgeben wollen. Nicht in den 90er Jahren, zu seiner sportlich aktiven Zeit, als ein Wechsel der Staatsbürgerschaft die Verhandlungsposition gegenüber dem Tennisklubs verbessert hätte (die Zahl der Ausländer in der Mannschaft ist begrenzt), und schon gar nicht heute. Da ist einmal noch der sportliche Ehrgeiz, 2019 bei Ü55-Weltmeisterschaften in Helsinki einmal für die Nationalmannschaft zu spielen, und da ist zum anderen der Stolz auf England. »Ein Land mit Tradition, mit Königsfamilie. Ein kleines Land, das mit Namen wie Robby Williams, Elton John, den Stones, den Beatles Musikgeschichte geschrieben hat.«

Was wäre, wenn?

Die »Brexit«-Debatte verfolgt Hirst mit einer klaren Position. »England muss in der EU bleiben. Wenn es um die Stabilität von Europa geht, darf nicht allein die Frage, ob England eigenverantwortlich Entscheidungen treffen und nicht abhängig sein möchte, im Mittelpunkt stehen. Angesichts der Probleme in dieser Welt muss Europa zusammenhalten«, sagt Hirst. »Ich mag Premierminister David Cameron. Es funktioniert, und deshalb soll es auch so bleiben.«

Die eigentliche Diskussion um Pros und Kontras hat Hirst lange Zeit im wahrsten Wortsinne aus der Distanz verfolgt. Bei vielen Engländern, gerade in den ländlichen Regionen, komme das Für und Wider in der »Brexit«-Frage gar nicht an, glaubt er.

Jake und Tiffany, die Kinder, haben wie ihre Eltern David und Beverley nur die Staatsbürgerschaft des Vereinigten Königsreichs. Etwas anderes sei nie ein Thema gewesen, sagt Vater Hirst, der sehr wohl einräumt, sich angesichts des »Brexit«-Diskussion auch mit deren berufliche Zukunft beschäftigt zu haben. Was wäre, wenn? Hätten Jake und Tiffany als Briten dann Nachteile in der EU? Ist eine doppelte Staatsbürgerschaft sinnvoll? »Unsere Kinder lieben England, die Kultur und die Landschaft. Den britischen Pass beispielsweise komplett abzugeben, war nie ein Thema«, sagt er.

Konfrontiert mit der Thematik wurde die Familie angesichts des sportlichen Talents von Jake, dem der Weg in die Hessenauswahl aufgrund seiner Staatsangehörigkeit verbaut war. Fußball und Tennis sind dessen Leidenschaften. Der Torjäger spielte einst in der U19 des FSV Frankfurt, inzwischen läuft er beim Kreisoberligisten TSG Ober-Wöllstadt auf. Auf dem Court bestreitet Jake, 2014 in der U18-Hessenliga für Kronberg spielend, dem Vater zuliebe die Tennis-Saison in der Herren-Bezirksoberliga in Bad Nauheim. Den Traum, mit dem Sport Geld zu verdienen, hat er abgehakt; wenngleich er einige der höher ambitionierten Spieler schon geschlagen hat. »Im Tennis muss man zu den Top 300 gehören, und im Fußball ist auch die Regionalliga oft nur schwer mit einem zweiten Standbein zu verbinden, sagt Hirst junior, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Und vielleicht tritt er ja irgendwann in die Fußstapfen seines Vaters.

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