Die Coronavirus-Pandemie wird den Amateursport vermutlich auch über das Jahr hinaus einschränken.
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Die Coronavirus-Pandemie wird den Amateursport vermutlich auch über das Jahr hinaus einschränken.

Coronavirus-Pandemie

Bloß keine Schwarzmalerei: So sieht der Wetterauer Sportkreisvorsitzende den zweiten Lockdown

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Nach März der zweite Lockdown - wieder kein Training, keine Spiele, keine Wettkämpfe im Amateursport. Jörg. K. Wulf, Vorsitzender des Sportkreises Wetterau, wünscht sich im Interview mehr Differenzierung bei den Einschränkungen, weniger Schwarzmalerei mit Blick auf die Zukunft und vor allem mehr Nähe von den Profis zur Basis.

Lockdown "light" - für den Amateursport sind die Einschränkungen seit Anfang November keinen Deut besser als im Frühjahr: Der Betrieb muss in Sachen Training und Wettkampf erneut komplett ruhen, vielerorts sind sogar Sportstätten ganz geschlossen, obwohl zumindest das Training alleine, zu zweit oder mit Angehörigen des eigenen Hausstands prinzipiell erlaubt ist. Eine schwierige Situation - auch für die Klubs in der Wetterau. Dennoch will der Sportkreisvorsitzende Jörg K. Wulf nicht alles schwarzsehen - gleichwohl auch er Kritik übt.

Herr Wulf, wie ist die Situation für den Sportkreis und Ihre Geschäftsstelle durch den neuerlichen Lockdown?

Jörg K. Wulf, Vorsitzender des Sportkreises Wetterau, blickt trotz Coronavirus-Pandemie nicht nur skeptisch in die Zukunft.

Wir sehen zu, dass wir so wenige Begegnungen wie möglich produzieren und die Hygieneregeln vollständig umsetzen. Deshalb haben wir schon Sitzungen in den Räumen des Wetteraukreises abgehalten, weil unsere eigenen Räumlichkeiten zu klein sind. In der Geschäftsstelle ist der Zulauf aktuell eher gering, weil natürlich in den Vereinen auch weniger los ist und einige Klubs auch aus finanziellen Gründen Aus- und Weiterbildungen aufschieben. Es ist also alles wieder sehr eingedampft.

Wie sieht es in Sachen Veranstaltungen aus?

Wir sind momentan in der Planung für das kommende Jahr. Aber wir werden darauf verzichten, einen Flyer mit den Angeboten zu erstellen, weil das Papier bei Veröffentlichung schon wieder hinfällig sein könnte. Wir werden also unser Angebot nur digital verbreiten und dann sehen, was wir durchführen können - das steht völlig in den Sternen. Wir sind damit ein Spiegelbild zu unseren Vereinen und entsprechend zurückhaltend. Ich gehe derzeit ehrlich gesagt davon aus, dass wir vor Ende der Weihnachtsferien keinen Sportbetrieb haben werden.

Inwiefern bearbeiten die Sportkreise und der Landessportbund (lsb h) hier Probleme zusammen?

Die Sportkreise sind, wie der lsb h auch, grundsätzlich gut organisiert. Ich bin selbst für die Region Mitte im Beirat der Sportkreise, und wir sprechen uns hier auch intern noch einmal ab. Es ist also ein sehr demokratischer Prozess von unten, auf den der lsb h aber auch hört und sich dann engagiert. Es gibt viele Dinge, die man am lsb h kritisieren kann, aber hier läuft der Job gut. Bei der Politik wird sich für die Vereine und Sport eingesetzt und Druck ausgeübt.

Für die Vereine gibt es weiterhin die Möglichkeit, Finanzhilfen zu beantragen. Allerdings sind viele Mittel noch nicht abgerufen - auch weil die bürokratischen Hürden hoch sind. Wie sehen Sie das?

Vor allem Vereine, die einen echten Geschäftsbetrieb, also mit Angestellten, eigenen Sportstätten und Kursangebot haben, haben auch bei uns im Kreis die Unterstützung, die angeboten wurde, bereits abgerufen. Bei allen anderen ist es aber deutlich schwieriger, weil sie einen Verlust über den Nachweis von laufenden Kosten beweisen müssen. Auch Vereine, die bereits vor der Krise Schwierigkeit mit ihrer Liquidität hatten, sind von den Hilfen ausgeschlossen, und der Rest soll erst seine Rücklagen aufbrauchen. Meiner Meinung nach hätte man die Sache anders anpacken müssen, damit das Geld auch bei den kleinen Vereinen ankommt. Denn für diese ist es schon schlimm, wenn sie nur ein paar Mitglieder verlieren.

Auch viele Ehrenamtliche sind in den vergangenen Monaten an die Grenzen gekommen. Glauben Sie, diese werden auch in Zukunft noch in diesem Maß zur Verfügung stehen?

Natürlich gibt es Ehrenamtliche, die unter diesen Bedingungen nicht mehr weitermachen wollen bzw. denen die Gefahr vorher schon zu groß war. Dass diese Leute aber gar nicht mehr zurückkommen, glaube ich nicht. Hier bin ich optimistisch, dass die Vereine ihren Mitglieder ans Herz gewachsen sind. Viele sind ihren Vereinen sehr treu und auch weiterhin bereit, sich einzubringen, auch wenn die Umsetzung der Hygienekonzepte sicher aufwendig und lästig ist. Natürlich ist es so, dass Vereine, die ohnehin am Existenzminimum sind, was vor allem in den ländlichen Räumen unseres Kreis der Fall ist, Schwierigkeiten haben werden, insgesamt genug Mitglieder beisammenzuhalten. Aber vielleicht ist die Krise auch eine Chance, sich neu darüber Gedanken zu machen, Kooperationen einzugehen.

Gab es vonseiten der Vereine ein Aufbegehren aufgrund der neuerlichen Maßnahmen?

Bislang habe ich das nicht feststellen können. Natürlich finden die Vereine das alles nicht toll, aber sie halten sich an die Regeln und versuchen, möglichst positiv nach vorn zu schauen - auf unterschiedlichste Art und Weise. Kritik oder gar Aufbegehren stelle ich eher im Privaten fest.

Verbände wie der Landessportbund Hessen (lsb h) haben die Politik für ihre Maßnahmen kritisiert und üben nun Druck aus. Wie stehen Sie dazu?

Der Sport hat mit dem Schulsport natürlich ein großes Pfand in der Hinterhand - denn auch der liegt angesichts geschlossener Hallen brach. In meiner Brust schlagen aber zwei Herzen. Einerseits sage ich, dass jeder Kontakt weniger gut ist, andererseits glaube ich aber auch, dass Sport in der aktuellen Situation und vor dem Hintergrund weiterer möglicher Verschärfungen der Einschränkungen so etwas wie der letzte Kit der Gesellschaft ist. Deshalb finde ich, dass man Sport dort zulassen sollte, wo es möglich ist - etwa Tennis oder Reiten. Ich hätte mir hier mehr Differenzierung gewünscht, denn am Ende des Tages müssen die Menschen die Entscheidungen der Politik erklärt bekommen und verstehen können. Pauschale Regeln, bei denen zum Beispiel Kinder in Schulen oder Kitas weiter zusammen sind, aber nicht gemeinsam Sport treiben dürfen, führen zu Widersprüchen und Unverständnis.

Auch die deutsche Fußballnationalmannschaft mit ihren Auslandsreisen oder die Planungen für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio stehen aktuell in der Kritik. Können Sie das nachvollziehen?

Genau das meinte ich eben. Das ist schlicht nicht zu vermitteln. Bei den Fußballprofis stehen 22 Spieler auf dem Platz, klatschen sich ab, sind ohne Maske und Abstand nah beieinander, reisen durch ganz Europa, während anderswo das Mutter-Kind-Turnen oder der Jugendfußball nicht mehr stattfinden darf. Auch eine Entscheidung bezüglich der Olympischen Spiele halte ich für deutlich verfrüht. Natürlich brauchen Sport und Sportler eine Perspektive, aber doch nicht so. Als Verfechter des Amateur- und Breitensports stehe ich diesen Dingen sehr kritisch gegenüber, zumal es ohne die Arbeit an der Basis auch gar keinen Spitzensport geben würde. Es bewahrheitet sich mal wieder. Dort, wo Geld im Vordergrund steht, ist der Charakter schon kaputt.

An der Basis könnte es - einigen Prognosen zufolge - nicht nur finanziell, sondern auch in Sachen Mitglieder eng werden. Haben Sie diesbezüglich schon Rückmeldungen aus den Wetterauer Vereinen?

Es gibt auch viel Panikmache. Ich höre bislang von Austritten in ganz normalem Umfang. Bei den Eintritten ist es natürlich momentan deutlich schwieriger. Dennoch gibt es keine Flucht aus den Vereinen, von daher will ich kein Schwarzmaler sein. Aber natürlich sind die Vereine auch aufgefordert, digitale Angebote zu machen, um die Verbindung zu den Mitgliedern zu halten. Darauf kommt es an.

Die Digitalisierung war ja bereits vor dem ersten Lockdown ein großes Thema im Sportkreis. Hat sich die Situation seit Anfang des Jahres verbessert?

In Sachen Sportangebot hat sich die Situation zum Positiven verändert. Aber wir haben weiter eine grundsätzliche Problematik in der Vereinsarbeit, bei der es darum geht, Prozesse vor Ort oder auf Papier zu digitalisieren. Hier gibt es nach wie vor erheblichen Nachholbedarf. Das ändert sich auch nur langsam. Natürlich ist es auch hier wieder wichtig, die Leute mitzunehmen und ihnen Dinge zu erklären. Dieser Problematik trägt der Sportkreis mit Sportförderprojekten Rechnung. Hier ist das Geld bereits da, und es herrscht Einigkeit mit dem Landrat. Wir müssen nur schauen, dass wir das Geld auch sinnvoll ausgeben, zumal die Preise aufgrund von Nachholprozessen, etwa in Schulen, aktuell sehr hoch sind.

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