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Beschimpfungen, Beleidigungen und ein Bierglas

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(mn) Der Ostersamstag 2009 wird den Eishockey-Fans in der Wetterau noch einige Zeit in Erinnerung bleiben:

ein mehr als dreistündiges Playoff-Finale vor offiziell 3 526 Zuschauern (gefühlt wurde nach fünf Jahren erstmals die 4000er-Marke »geknackt«), eine Massenschlägerei vier Minuten vor Schluss, beachtliche 209 Strafminuten, ausgesprochen von DEL-Schiedsrichter Steffen Klau, dem die Partie auf Grund seiner nicht erkennbaren Linie mehr und mehr aus den Händen geglitten war, Gäste-Trainer Joe West, der den Vorwurf erhob, im Hagel von Gegenständen von einem Weizenbierglas am Kopf getroffen worden zu sein, und angesichts einiger Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Version die Pressekonferenz vorzeitig verließ, Schiedsrichter-Beobachter Thomas Frenzel, der vor laufenden Kameras die Kompetenz von RT-Coach Fred Carroll untergraben sollte (»Wenn Sie das Regelwerk kennen würden, dann wüssten Sie, dass. . .«) sowie der Spieler Kevin Lavallee, der von Adam Dewan einen Finger in das Auge gestochen bekam und zur Untersuchung in eine Klinik gefahren wurde - all das wird in den kommenden Tagen für Gesprächsstoff sorgen.

Leidenschaftlich kämpfte der EC Bad Nauheim gegen die Hannover Indians in Spiel zwei der Playoff-Finalserie der Eishockey-Oberliga Nord um den Ausgleich, musste aber auch im Colonel-Knight-Stadion die Überlegenheit der Niedersachsen akzeptieren und verlor, wenn auch zu hoch, mit 1:5 (0:1, 1:2, 0:2). »Hannover hat verdient gewonnen«, meinte RT-Trainer Fred Carroll, während sein Pendant Joe West von einer der »besten Auswärtsleistungen seiner Mannschaft« zu berichten wusste - der Beginn einer außergewöhnlichen Pressekonferenz.

In Mittelpunkt stand die 56. Minute. Der RT-Kanadier Lanny Gare hatte sich für eine Attacke von Rob Hisey revanchiert und sogleich die Strafbank aufgesucht. Statt der erwarteten Zwei-Minuten-Strafe gab es für den Top-Scorer der Roten Teufel aber eine Spieldauer-Disziplinarstrafe, die den 30-Jährigen derart aus der Fassung brachte, dass er statt in Richtung Kabine direkt noch einmal auf seinen Gegenspieler Hisey zusteuern und damit eine Massenschlägerei auslösen sollte, in deren Verlauf auch Indians-Rauhbein Adam Dewan die Strafbank verließ und ordentlich austeilte - unter anderem stach er Kevin Lavallee einen Finger ins Auge, so dass dieser vorzeitig ausschied, ebenso wie sein Teamkollege Lanny Gare (erhielt zusätzlich eine Matchstrafe).

Neben dem Center handelten sich auch John Hooks (Bad Nauheim) sowie Adam Dewan und Josiah Anderson (beide Hannover) Sperren für die dritte Partie ein. Gegenstände flogen - und das bedauerlicherweise nicht zum ersten Mal in dieser Partie. Steffen Klau, der bereits in den ersten beiden Dritteln mit seinen Entscheidungen beide Trainer gegen sich aufgebracht hatte und im Kabinengang Erklärungen liefern sollte, schickte die Mannschaften zur Eisaufbereitung in die Kabine. Aufregung plötzlich an der Indians-Bank: Joe West kühlte eine Beule an der Stirn - ein Weizenbierglas soll ihn getroffen haben. »Ich bin in meiner Karriere als Spieler und Trainer schon oft beleidigt und beschimpft worden, aber noch nie mit einem Bierglas beworfen worden. Ich bin kein Tier in irgendeinem Zirkuszelt. Und dann gibt es Leute, die das lustig finden«, war West mächtig verärgert, erst recht, als Pressesprecher Christian Berger den Vorwurf des Kanadiers nicht unwidersprochen stehen lassen wollte und auf Kamera-Aufnahmen verwies, die eine andere Version zeigen würden. West bahnte sich schimpfend seinen Weg nach draußen.

Für die Erklärungen von Thomas Frenzel, der sich - und dies ist in der Tat ungewöhnlich - anstelle des Unparteiischen öffentlich zum Strafmaß äußerte, gab’s derweil Buhrufe im emotional aufgeladenen VIP-Raum. »Ein Schiedsrichter muss auch mal Kritik annehmen. Der Unparteiische sollte sich für seine heutige Leistung schämen«, meinte Fred Carroll, der einem harten Check von Tobias Stolikowski gegen Kevin Lavallee als jenen Moment ausmachen wollte, in dem der Unparteiische die Kontrolle über die Partie verloren hatte (34.). Lavallee blutete unter dem linken Auge, dennoch gab’s für den Indians-Verteidiger »nur« eine kleine Strafe. »Ich habe eine Aktion gegen den Körper und nicht gegen den Kopf gesehen«, begründete Klau sein Strafmaß.

Gut die Hälfte der Partie war zu diesem Zeitpunkt absolviert. Bad Nauheim war trotz der insgesamt drei Unterzahl-Situationen mit zwei Spielern weniger auf dem Eis besser im Spiel als noch 48 Stunden zuvor am Pferdeturm. Bei insgesamt fünf Hinausstellungen alleine im ersten Durchgang rieb sich die Mannschaft allerdings in Unterzahl mächtig auf, konnte - durch einen Nachschuss von Adam Dewan in Rückstand liegend - nach vorne keine Akzente setzen.

Als Lanny Gare zu Beginn des zweiten Abschnitts mit einem verdeckten Schuss den Ausgleich hergestellt hatte, begann die beste Phase der Gastgeber, die ihrem Konkurrenten für einige Minuten auf Augenhöhe begegnen konnten, ehe ein Doppelschlag von Rob Hisey und Bryan Phillips die Indians mit 3:1 in Führung brachte.

Fred Carroll agierte - auch aufgrund der zahlreichen Hinausstellungen - über weite Phasen der Partie mit zwei Blöcken, die gegen Ende des zweiten Abschnitts aber selbst Powerplay-Situationen bestenfalls zum Durchatmen nutzen konnten. Benjamin Voigt, der überraschend den Vorzug im Indians-Tor erhalten hatte, musste nicht mal viel halten. Schon zwei, drei Meter vor seinem Tor wurde mit körperlicher Präsenz und mit dem Stock auf- und abgeräumt - nur selten kam ein Schuss wirklich durch. Als Christoph Koziol in der 47. Minute schließlich die einzige Schwäche von RT-Torwart Daniel Wrobel mit dem Treffer zum 4:1 genutzt hatte, war die Entscheidung gefallen. In der Schlussphase entluden sich schließlich Frust und Enttäuschung der Roten Teufel in einer Schlägerei.

EC Bad Nauheim: Wrobel - Baum, Gogulla, Vogler, Eade, Ludwig, Franz - Baldys, Hare, Lavallee, Barta, Gare, Schwab, Althenn, Breiter, Hooks, Haiduk.

Hannover Indians: Voigt - Stolikowski, Staltmayr, Bagu, Schadewaldt, Slaton, Hemmes - Chamberlain, Doyle, Koziol, Del Monte, Dewan, Hisey, Wagner, Fendt, Phillips, Rohatsch.

Tore: 0:1 (9.) Dewan (Chamberlain, Del Monte - 5-3), 1:1 (23.) Gare (Eade, Vogler), 1:2 (28.) Hisey (Doyle, Chamberlain - 6-5), 1:3 (30.) Phillips (Hemmes, Fendt), 1:4 (47.) Koziol (Del Monte, Hisey), 1:5 (60.) Doyle (Bagu, Hisey). - Strafen: Bad Nauheim 48 plus 10 für Barta plus 10 für Hooks plus Spieldauerstrafe plus Matchstrafe für Gare, Hannover 41 plus 10 für Del Monte plus 10 für Thomson plus Spieldauerstrafe für Anderson plus Spieldauer für Dewan. - Zuschauer: 3 526.

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