Paralympics

Berstädterin tritt bei den Paralympics an

  • vonHarald Schuchardt
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Sport ist ein wichtiger Teil im Leben von Heike Melchior. Auch ihre Behinderung hat daran nichts geändert. Ab 9. März tritt sie bei den Paralympics an – im Curling für Rollstuhlfahrer.

Die Heilpädagogin, die seit fast 30 Jahren bei der Behindertenhilfe Wetterau (bhw) tätig ist, erkrankte 2004 an Leukämie. Metastasen im Spinalkanal und den Wirbelkörpern zwangen sie ab 2008 nach und nach in den Rollstuhl. Das hielt die gebürtige Frankfurterin, die in Friedberg aufgewachsen ist, aber nicht davon ab, weiter Sport zu treiben. Tischtennis, Handbiken und im Sommer Schwimmen gehören ebenso dazu wie Curling. Hier ist die 50-Jährige seit 2011 Mitglied des Nationalteams, das sich für die Paralympics qualifiziert hat. Die WZ sprach mit der Paralympics-Teilnehmerin, die seit sechs Jahren mit ihrem Partner Stefan Pfister, Trainer des Schweizer Curling-Nationalteams, und Hund Jupp in Berstadt lebt.

Frau Melchior, wie kamen Sie zum Curling?

Heike Melchior: 2010 bot der Rollstuhlsportclub Frankfurt eine Curling-Schnupperstunde an. Da machte ich mit und war sofort begeistert. Mein Heimatverein ist die Frankfurter Eintracht. Ich gehöre dort zur Eissportabteilung.

Seit wann sind Sie im Nationalteam?

Melchior: Schon 2011 war ich als Ersatzfrau bei der WM in Prag dabei. Seit 2012 bin ich im vierköpfigen Team der Lead, der die beiden ersten Steine setzt. Meine Aufgabe ist es, die Taktik unseres Skips umzusetzen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Curling der Fußgänger und dem im Rollstuhl?

Melchior: Wir haben keine Wischer, die das Tempo und die Richtung des Steins steuern. Das erfordert noch mehr Präzision. Wenn ich einen Stein spiele, blockt mich ein Mitspieler ab, damit beim Abstoßen des Steins der Rollstuhl nicht wegrutscht. Es gibt nur gemischte Teams, mindestens eine Frau muss mitspielen. Wir sind eine der wenigen Mannschaften, die mit zwei Frauen spielen.

Gibt es im Rollstuhl-Curling verschiedene Klassen, je nach Grad der Behinderung?

Melchior: Alle Mannschaftsmitglieder müssen im täglichen Leben auf den Rollstuhl angewiesen sein, die überwiegende Zeit im Rollstuhl verbringen. In einigen Teams spielen auch Beinamputierte mit.

Wie qualifizierte sich die Nationalmannschaft?

Melchior: Bei der WM 2014 sind wir in die A-Gruppe aufgestiegen. Seitdem zählten die Platzierungen bei allen Weltmeisterschaften. Bei der letzten WM wurden wir Neunter.

Wie sehen Sie ihre Medaillenchancen?

Melchior: Im Curling ist alles möglich. Realistisch betrachtet sind Teams wie Kanada, China oder Norwegen als Favoriten zu betrachten. Die machen nichts anderes, als Curling spielen. Wir sind ja alle berufstätig. Aber wir haben auch solche Teams schon geschlagen. Wir wollen unser Bestes geben, aber auch der Spaß und das Erlebnis der paralympischen Spiele sind uns wichtig.

Sie arbeiten bei der Behindertenhilfe Wetterau, unterstützt Sie Ihr Arbeitgeber?

Melchior: Ja, ich werde vom 4. bis 19. März freigestellt. Das sieht der Tarifvertrag nicht vor, aber unsere Geschäftsführerin Eva Reichert hat einen Weg gefunden, dafür werbe ich jetzt etwas für die bhw (lacht). Dafür bin ich sehr dankbar.

Bekommen Sie sonst noch Unterstützung?

Melchior: Ich wurde von der Stiftung Sporthilfe Hessen ins »Hessenteam 2018« berufen, zusammen mit sieben weiteren hessischen Wintersportlern wie Skispringer Stefan Leyhe oder Biathletin Nadine Horchler. Wir erhalten eine finanzielle Unterstützung. Ansonsten übernimmt der Deutsche Behindertensportbund (DSB) alle Kosten für die Paralympics.

Haben die fünf Curler im 19-köpfigen Paralympics-Team Deutschland ein eigenes Betreuerteam?

Melchior: Neben unseren beiden Trainern kümmern sich eine Teammanagerin, ein Physiotherapeut und ein Mentaltrainer um uns. Das gab es so noch nie.

Wann geht es für Sie nach Südkorea?

Melchior: Wir fliegen am Sonntag ab Frankfurt, bereits am Donnerstag treffen wir uns zum letzten Training in Baden-Baden. Am Flughafen werden wir von Bundespräsident Walter Steinmeier verabschiedet. Da freuen wir uns sehr drauf.

Und worauf freuen Sie sich in Südkorea?

Melchior: Natürlich auf die Eröffnungs- und Abschlussfeier, aber auch auf spannende Spiele. Ansonsten haben wir wenig Zeit, die zwölf Teams spielen jeder gegen jeden. Wir haben in sechs Tagen elf Vorrundenspiele. Dann spielen der Erste gegen den Vierten, und der Zweite gegen den Dritten die Halbfinals. Das zu schaffen, wäre ein Traum.

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