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Beim EC Bad Nauheim »stehen alle auf dem Prüfstand«

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(mn) Irgendwann, das Resultat mag bereits zweistellig gewesen sein, da schien Jacob Lamers alles egal. Der Torwart des Herforder EV hatte resigniert. Ob er nun angeschossen worden war, ob der Puck mal wieder hinter ihm im Netz zappelte, ob seine Mitspieler nach einem Gegentreffer für einige aufmunternde Worte zu ihm kamen:

Der 23-Jährige zeigte keinerlei Regung und ließ das Debakel einfach über sich ergehenZu deutlich waren die Unterschiede, um seinen Vorderleuten Vorwürfe zu machen, von schlichtweg anderer Präzision und Härte die Schüsse, die ihm am Sonntagabend regelrecht um die Ohren geflogen sind. Fünf Gegentreffer binnen sieben Minuten zu Beginn und vier Gegentore binnen drei Minuten zum Ende des zweiten Drittels hatten dem Torwart jeglichen Spaß an seinem Hobby genommen. Lamers blickte immer öfter hoch zur Anzeigetafel, die die Fakten des sportlichen ungleichen Duells in Bad Nauheim deutlich sichtbar werden ließ. 22:2 gewann die Roten Teufel gegen den Aufsteiger aus Ostwestfalen. Lamers (14) und Lars Morawitz (8) teilten sich die Arbeit - und die Gegentreffer. Als »Frustabbau« überschrieb Fred Carroll, der Coach der Roten Teufel, jene 60 Minuten, die die 850 Zuschauer - mehr als nach den bislang gezeigten Leistungen zu erwarten waren - zunehmend amüsiert und dankbar aufgenommen haben; natürlich in der Hoffnung, der höchste Saisonsieg in der Eishockey-Oberliga West möge richtungsweisend für die kommenden Wochen sein.

Rückblende: Nur 48 Stunden zuvor war der selbsternannte Titelkandidat wie in einem Strudel weiter in die sportliche Krise hineingesogen worden. In Duisburg - bei einer Mannschaft ohne die großen Namen der letzten Jahre - hatten die Hessen zwölf Minuten vor dem Ende mit 1:7 zurückgelegen. »Das war eine Frechheit, die Art und Weise war peinlich. Einige Spieler leben zu sehr in der Vergangenheit. Sie müssen für ihr Ziel arbeiten und bekommen nichts geschenkt«, sagte Carroll während der Pressekonferenz und hatte erkennbar Mühe, seinen Ärger in druckreife Worte zu fassen. Bis zur 36. Minute war Bad Nauheim beim Stand von 1:1 im Spiel, hatte Rückschläge weggesteckt. Insbesondere Alexander Baum und Dylan Stanley schienen während der ebenso zahlreichen wie umstrittenen Unterzahl-Situationen im ersten Abschnitt das Eis überhaupt nicht mehr verlassen zu wollen. Nach dem zweiten Gegentreffer, dem prompt das 1:3 folgte, fiel die Mannschaft allerdings regelrecht in sich zusammen. Letztlich konnte zum 3:7-Ergebniskosmetik betrieben werden. Mit Lanny Gare war der Kopf der Hessen schon nach 17 Minuten verletzt ausgeschieden. Bad Nauheim wirkte nach ordentlichem ersten Abschnitt trotz zahlreicher Häuptlinge ohne Führung.

Das Selbstvertrauen fehlte; ebenso die Leidenschaft. »Wir müssen einfach weiter an uns arbeiten. Sollen wir denn jetzt einfach die Schläger in die Ecke stellen und die Saison für beendet erklären«, fragte Lanny Gare in die Runde, als er das Krankenhaus verließ, wo seine Lippe genäht worden war.

In der Heimat hatten die Reaktionen nicht lange auf sich warten lassen. Nach der dritten Niederlage im fünften Spiel wurde im Fan-Forum der Homepage ebenso wie an den Stammtischen der RT-Fans die Trainer-Frage diskutiert. »Wir alle stehen täglich auf dem Prüfstand. Die Mannschaft, der Trainer und ich nehme auch mich nicht aus. Schließlich trage ich eine Mitverantwortung für den Kader«, sagte Geschäftsführer Andreas Ortwein. Er stehe hinter dem Trainer und dem Team, und »alle 22 Spieler wurden zurecht unter Vertrag genommen«, sagte der 33-Jährige im Vorfeld der zweiten Wochenend-Partie.

In der Herford-Partie wurde mächtig Dampf abgelassen. Der Spielraum für Denkzettel im personellen Bereich, die angesichts der Carrollschen Enttäuschung am Freitag zu erwarten waren, war allerdings sehr begrenzt. Max Pohl und Tim May waren nach dem Einsatz bei den Junioren am Mittag nicht im Kader, mit Dennis Cardona kam ein Stürmer hinzu. Kevin Lavallee rotierte mit Gare, der geschont wurde. Das Tor wurde von Patrick Glatzel gehütet, aber dieser Tausch gegen Markus Keller lag so oder so auf der Hand. »Die Jungs zeigen die Reaktion, die wir sehen wollten«, war Ortwein erleichtert. Ein 5:0 nach zehn Minuten hatten wohl die wenigsten Stadion-Besucher auf der Rechnung. Und die Roten Teufel hielten die Drehzahl konstant hoch, waren dem überforderten Gast mehr als nur den berühmten Schritt voraus und schienen so richtig Gefallen am Toreschießen zu finden.

»Das ist schon eine heftige Packung. Es wird schwer, die Jungs wieder aufzurichten«, ahnte HEV-Coach Bruce Keller, während Fred Carroll zu spüren glaubte, »zehn Kilogramm Frust abgenommen« zu haben. »Wir hatten in den ersten fünf Spielen fast 20 Pfosten- oder Lattenschüsse. Ein Zentimeter hier oder da - dann würden wir in der Tabelle schon dort stehen, wo wir uns selbst sehen.«

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