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Eishockey

Begrenzter Spaß: Wie die Roten Teufel im Sommer trainieren

  • Erik Scharf
    vonErik Scharf
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Endlich wieder Training, die Teamkollegen sehen, den Schläger im Gepäck. Alles wie immer? Nicht ganz! Beim Nachwuchsverein Rote Teufel Bad Nauheim läuft seit einigen Wochen das Sommertraining unter Corona-Bedingungen.

Es ist ein bisschen wie im Supermarkt. Nur, dass hier der Neunte und Letzte in der Reihe nicht ungeduldig nach der zweiten Kasse brüllt. Im Gegenteil, die Elf- bis 13-Jährigen warten vor dem Nebeneingang des Colonel-Knight-Stadion geduldig an ihren Markierungen, die den Abstand gewährleisten, bis ihr Trainer Marcus Jehner sie hereinbittet. Es ist Hockey-Zeit in Corona-Tagen für die Trainingsgruppe Donnerstag, eine Hälfte der U 13 der Roten Teufel Bad Nauheim.

Anstrengender Aufbau

Jehner hat sein Aufwärmprogramm schon hinter sich. "Eine Viertelstunde dauert es ungefähr, bis alles aufgebaut ist. Da hat man auch gut zu tun", sagt er. Eine halbe Stunde mehr Aufwand sei noch vertretbar, allerdings hat er die Organisation und Verwaltung, die eine Trainingsstunde in Zeiten des Coronavirus mit sich bringt, noch nicht mitgerechnet. Als alles hergerichtet ist, bittet Jehner die Spieler einzeln ins Stadion. Auf dem Weg zu ihrem vorgegebenen Platz auf der Wechselbank bleiben diese nur am Hygienespender kurz stehen. Auf der Betonfläche warten schon ihre "Hasenställe".

Für jedes Kind hat Jehner eine rund vier Quadratmeter große Fläche abgegrenzt. Die eine Hälfte mit Pfosten und Absperrband wie am Flughafen, die andere mit querliegenden Baken. Das Material hat Sponsor "partyrent" kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine enorme Erleichterung für die Roten Teufel, finanziell und logistisch.

Ihren begrenzten Platz werden die Nachwuchsspieler während der Trainingsstunde nicht verlassen. "Es ist ungewohnt, aber es macht trotzdem Spaß", sagen die Kinder. Nach Wochen des Stillhaltens tut jede Abwechslung gut.

Für Jehner und seinen Co-Trainer Jens Mörschel ist das Training unter Corona-Bedingungen logischerweise eine große Herausforderung. "Durch den begrenzten Raum fehlt die Bewegung. Letztlich können wir uns nur auf Technik, Koordination und Athletik fokussieren. An Spielformen oder Torschusstraining ist nicht zu denken", sagt Jehner.

Außerdem sei es durch den geforderten Abstand schwierig, Korrekturen vorzunehmen. "Wenn ein Kind den Stock falsch hält, kann ich ihm das normalerweise direkt zeigen. Nun muss ich das aus der Entfernung machen", sagt Jehner. Dabei legen er und Mörschel beim Zurückspielen der aus den Boxen herausgerollten Bälle mehr Meter zurück, als ihre Schützlinge während der Trainingsstunde zusammen.

Immerhin sind die beiden Trainer live dabei, im Gegensatz zu den Eltern. Während der Einheit bleibt das Eisstadion abgeschlossen. "Für manche ist es gar nicht so einfach, nicht zu sehen, was das Kind macht, wie es sich entwickelt", sagt Jehner. Hin und wieder lunzt mal ein Augenpaar durch die Fensterscheibe am Eingang für den öffentlichen Eislauf, verrät Jehner mit einem Lachen.

Währenddessen kommen die Kinder bei einer Übung, bei der sie auf Signal in einer farblich markierte Ecke ihres Vierecks flitzen müssen, zumindest ein wenig in Bewegung. Mehr ist nicht drin, die Freude darüber schmälert das aber nicht.

Impulse freigesetzt

Die Coronavirus-Pandemie ist aus sportlicher Sicht aber auch eine Chance, den Horizont der Trainingsarbeit zu erweitern. Bei den Roten Teufeln haben sie diese offensichtlich genutzt. "Dana Prada und Matthias Ott bieten ein Online-Athletiktraining an. Da hatten wir zuletzt teilweise bis zu 70 Teilnehmer. Das ist schon eine enorme Resonanz", sagt Jehner.

Vor allem aber hat diese Art von Training Impulse freigesetzt. Das Einzugsgebiet des Bad Nauheimer Eishockey-Nachwuchses ist enorm gewachsen. "Für Kinder, die aus Gießen oder der Nähe von Lauterbach kommen, ist es schon praktisch, wenn sie manche Trainingsinhalte von zu Hause aus machen können. Das spart Zeit und Aufwand, auch für die Eltern", sagt Jehner.

Die Möglichkeiten dabei scheinen grenzenlos. Dass Profis der Zweitliga-Mannschaft per Video Tipps und Tricks an den Nachwuchs weitergeben, ist nur eine Idee, die demnächst diskutiert werden soll. Auch Jehner blickt häufig über den Tellerrand hinaus, um sich Anregungen für das Training mit seiner Mannschaft zu holen.

Überhaupt haben sich virtuelle Treffen als nützlich erwiesen. "Wir haben kürzlich per Videochat einen Teamabend organisiert. Da haben sich die beiden Trainingsgruppen auch mal wieder gesehen. Jeder hat erzählt, was es Neues gibt", erzählt Jehner.

Und während man gerade feststellt, wie sehr man an diesem Sommertag die bitterkalten Nachmittage und Abende im Eisstadion doch vermisst, und sich gleichzeitig fragt, wann hier wohl wieder Hockey wie Hockey gespielt werden darf, ist die Stunde auch schon rum. Eigentlich unspektakulär, ins Schwitzen ist bis auf Jehner, der nun die Pfosten und Baken wieder einzupacken hat, niemand gekommen.

Und doch ist die Zufriedenheit in den Gesichtern der Jugendspieler deutlich zu erkennen. Über die Strafbank geht es zum Haupteingang, der in Corona-Zeiten lediglich ein Ausgang ist. Dort warten schon die Eltern. Trainingsgruppe Donnerstag hat nun eine Woche Pause. Dann geht das Spiel von vorne los.

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