+
Der Screenshot von Wettanbieter bet365 zeigt: Die Buchmacher verschweigen die verkürzte Spielzeit, wissen aber genau, was auf dem Rasen gerade passiert.

Wetten auf Kreisliga-Niveau?

Aufregung in der Wetterau: Live-Sportwetten auf Stadtpokal-Spiele

  • schließen

Auf Spiele des Friedberger Stadtpokals konnten in den vergangenen Tagen Live-Wetten abgeschlossen werden. Die Vereine bekommen Nachrichten aus ganz Europa. Und sie haben Angst.

Es läuft die 13. Minute im Spiel zwischen dem FSV Dorheim und der SKG Albanischer Verein Wetterau. Dorheim führt im Gruppenspiel des Friedberger Stadtpokals schon mit 2:0. Wer zu diesem Zeitpunkt aber glaubt, dass die SKG das Spiel noch gewinnen wird, kann beim Sportwettenabieter Bet365 darauf eine Wette platzieren. Die Quote: 10,0. Heißt: Der Einsatz wäre im Falle eines Gewinns verzehnfacht worden.

War der Zuschauer am Handy ein Informant des Wettanbieters?

Einen Tag später stehen sich Gastgeber SV Bruchenbrücken und der VfB Friedberg gegenüber. Den Verantwortlichen aus Bruchenbrücken wird während des Spiels die Information gesteckt, dass das Spiel als Live-Wette bei Bet365 im Angebot ist. "Ab da macht man sich nur noch Gedanken", sagt SVB-Spielausschussvorsitzender Frank Schäfer. Dabei war es schon vor Anpfiff der Partie möglich, Wetten zu platzieren, genauso wie bei den Halbfinalspielen am Freitagabend.

Lesen Sie hier das Interview mit dem Wetterauer Sportwetten-Experten Dirk Raczkowski

Tatsächlich soll am Donnerstag abseits von den restlichen Zuschauern ein Mann gestanden haben, der permanent mit seinem Handy beschäftigt gewesen sein soll. Schneider und Kollegen sprachen den Mann nach dem Spiel an, dieser gab sich aber lediglich als fußballinteressiert aus. Der Verdacht liegt trotzdem nahe, dass genau dieser Mann den Wettanbieter mit Informationen versorgt hat. Zumal beim Testspiel des SV Steinfurth am Sonntag in Rödgen ein Mann gegenüber Funktionären des Türkischen SV Bad Nauheim zugegeben haben soll, für einen Wettanbieter vor Ort zu sein. Fest steht: Irgendwo müssen die Anbieter die Live-Daten herbekommen haben. Freistöße, Einwürfe, Ecken, Torschüsse - alles lief live auf der Plattform mit.

Vereine sind besorgt - Spielmanipulationen möglich?

Bei den Vereinen ist man schockiert. Einerseits, weil es "gefährlich ist und den Amateurfußball kaputt macht", sagt Schäfer. Auch Benni Bindewald, Vorsitzender des FSV Dorheim, sagt: "Der Spielmanipulation wird so Tür und Tor geöffnet. Wenn das Einzug erhält, können wir direkt aufhören." Beide Vereine bekamen den Mechanismus im Sportwettengeschäft voll zu spüren. Über die Facebook- und Instagramkanäle wurden die Vereine während und nach den Spielen mit Nachrichten überflutet - aus Russland, aus Griechenland, aus Österreich, aus ganz Europa. Es wurde unter anderem gefragt, warum das Spiel schon nach 2 x 25 Minuten abgepfiffen wurde. Ein Detail, dass Bet365 seinen Nutzern verschwieg. Zufall? Wohl kaum. Und es kamen auch eindeutige Angebote. "Match fixing", wie es im Sportwettenjargon heißt, die bewusste Absprache eines Ergebnisses oder Ereignisses.

Keiner weiß, wer in seiner Mannschaft empfänglich für derlei Angebot sein kann. Bei den Vereinen spürt man eine gewisse Ratlosigkeit, verbunden mit der Angst, beim nächsten unglücklichen Gegentor oder einer unerwarteten Niederlage sofort mit Spielmanipulation in Verbindung gebracht zu werden, und über die Wirkung von strittigen Schiedsrichterentscheidungen hat da noch keiner nachgedacht.

Vereine und Verbände sind aus rechtlicher Sicht machtlos

Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International Deutschland und ehemalige Leistungssportlerin, kann diese Ängste nachvollziehen. Bei ihr landen Informationen über Live-Wetten im Amateurfußball immer wieder auf dem Tisch. Zusammen mit der Deutschen Fußball-Liga startete sie 2010 ein Projekt gegen Spielmanipulation, der Deutsche Fußball-Bund stieg wenig später mit ins Boot. Seither werden den Vereinen auf der Internetseite des Projekts (siehe Infokasten) zwar Informationen und ein E-Learning bereitgestellt, doch in den Tiefen des Amateurfußballs scheint dieses Angebot noch nicht angekommen zu sein. Der Hessische Fußballverband lud vor zwei Jahren zu diesem Thema in die Sportschule Grünberg ein, um Vereine zu sensibilisieren. Mehr passierte nicht, mehr war auch bislang nicht notwendig.

Beim Verband in Frankfurt ist man informiert, hat aber keine Möglichkeiten, den Live-Wetten einen Riegel vorzuschieben, wie Pressesprecher Matthias Gast sagt. Im Fußballkreis Friedberg wurden die Vereine per Mail aufgefordert, sich zu melden, sollten sie Wettangebote auf ihre Spiele finden. "Wir gehen offen damit um, da gibt es auch nichts klein zu halten", sagt Harald Wilke vom Kreisfußballausschuss, der am Donnerstag auch in Bruchenbrücken vor Ort war. Klar ist, und das sagt auch Schenk: "Die Verbände können nicht zu jedem Verein kommen, es muss sich über die Vereine ein Schneeballsystem entwickeln."

Angst vor gefährlichem Schneeballsystem

Die Gefahr ist nur, dass der Schneeball in die falsche Richtung rollt. Die Angst der Vereine ist berechtigt, allerdings tragen sie auch ein Stück weit selbst dazu bei, indem sie Spieler verpflichten, die mitunter auch die bessere finanzielle Entschädigung als Wechselgrund ansehen. Dass unter den Spielern gescherzt wurde, wie man sich am besten die Mannschaftskasse aufbessern könne, ist ein offenes Geheimnis. Zudem sagt Schenk: "In der berühmten Phase am Saisonende schauen die Protagonisten betreten zu Boden, andere grinsen, wenn komische Ergebnisse zustande kommen. Solange das akzeptiert wird, wo soll das Unrechtsbewusstsein bei Angeboten zum Match fixing herkommen?"

Bet365 hat sich auf WZ-Anfrage bis zum Freitagabend nicht geäußert. Das Spiel wurde allerdings aus dem Angebot entfernt. Zufall? Wohl kaum.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare