Der 36-jährige Sebastian Gleim ist seit vergangenem Jahr Cheftrainer des Basketball-Bundesligisten Fraport Skyliners Frankfurt. FOTO: DPA
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Der 36-jährige Sebastian Gleim ist seit vergangenem Jahr Cheftrainer des Basketball-Bundesligisten Fraport Skyliners Frankfurt. FOTO: DPA

Aufgaben werden nicht leichter

  • vonred Redaktion
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Es war eine Saison mit vielen Hürden, die für Sebastian Gleim alles andere als einen leichten Einstieg in das Geschäft als Cheftrainer eines Basketball-Bundesligisten bedeuteten. Und für den 36-Jährigen in Diensten der Fraport Skyliners Frankfurt dürfte es auch in der neuen Spielzeit nicht einfacher werden.

Das Aus kam im Viertelfinale der aufgrund der Coronavirus-Pandemie im ungewohnten Turniermodus ausgetragenen Endrunde der Basketball-Bundesliga: Die Fraport Skyliners Frankfurt mussten sich nach einer desolaten Leistung in beiden Spielen gegen ratiopharm Ulm aus dem Turnier verabschieden - und stehen mehr denn je vor einer ungewissen Zukunft. Lediglich Quantez Robertson (bis 2021), Richard Freudenberg (bis 2022) sowie die jungen Talente Bruno Vrcic, Len Schoormann und Maximilian Begue haben einen Vertrag für die neue Saison, dazu kommen wirtschaftliche Unwägbarkeiten und die nicht enden wollende Diskussion um den Neubau einer Multifunktionsarena in der Mainmetropole.

Kein leichtes Umfeld für Sebastian Gleim, den 36-jährigen Headcoach der Skyliners, der im Interview eine Bilanz seiner ersten Spielzeit als Cheftrainer zieht, in die Zukunft schaut und erklärt, wie er erfolgreich Basketball spielen lassen möchte.

Herr Gleim, was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse und Lernprozesse in Ihrem ersten Jahr als BBL-Headcoach?

Der erste Schritt war, ein Netzwerk aufzubauen, das weltweit gewisse Märkte abdeckt. Das hat enorm viel Zeit in Anspruch genommen. Häufig haben Agenturen nicht nur einen Agenten, sondern bis zu 20 Ansprechpartner für verschiedene Länder. Aber Recruiting ist das A und O, um einerseits das Beste rauszuholen. Der zweite Punkt waren die Abläufe mit dem Spielplan.

Der war ja höchst unterschiedlich vergangene Spielzeit...

Der war definitiv anders als ein Rhythmus mit einem Spiel die Woche. Wir hatten mal vier Wochen nichts, dann drei Spiele in kurzer Zeit - dazu noch mit Verletzten. Der Umgang damit war sehr lehrreich. Genauso wie das Finalturnier mit einem Spiel alle zwei Tage. Und der letzte Punkt war das Improvisieren, Justieren und Kompensieren dieser teils schwierigen Verletzungen.

Dieses Problem hat sich ja die gesamte Saison durchgezogen.

Das fing mit Niklas Kiel an und zog sich dann durch mit immer wieder neuen kleinen und größeren Verletzungen. Es war extrem anspruchsvoll, das immer wieder neu auszurichten, Positionen zu verändern und ohne Point Guard zu spielen. Darauf würde ich gerne nächste Saison verzichten. Am Ende der Runde haben wir nicht so viele Siege geholt, wie wir uns das vorgestellt haben. Trotzdem haben wir es in einigen Spielen geschafft, besser zu spielen - ob mit oder ohne Sieg -, als man das aufgrund unser Personalsituation erwarten konnte. Das mag ein Außenstehender nicht ganz so sehen, ich sehe das aber im Nachhinein so. Ich bin mit dem Abschneiden beim Finalturnier sehr zufrieden.

Lassen Sie uns über Ihre Spielphilosophie sprechen. Was sind zentrale Elemente, auf die Sie Wert legen?

Das zentrale Element wird immer die Verteidigung sein. Das ist die Komponente, mit der man das Spiel am größten beeinflussen kann. Offensiv brauchst du Talent. Du brauchst Spieler, die produzieren, und da ist es ganz klar meine Idee, dass wir aggressiv und schnell spielen und viele Spieler haben, die Pick-and-roll (Blocken und abrollen, Anm. der Redaktion) spielen. Früher haben wir immer gesagt: Du musst deinen Mann stoppen können, du musst deinen Mann ausboxen können und du musst den Ball bewegen können. Ich habe das konkretisiert.

Wie?

Für mich ist ›du musst deinen Mann stoppen können und ausboxen können‹, ein Punkt. Das Zweite ist: Du musst den Ball im Pick-and-roll spielen und bewegen können. Im Basketball musst du Vorteile herstellen können, nicht nur für dich selbst, sondern im Spiel Fünf-gegen-fünf. Der dritte Punkt ist: Du musst dem Team etwas geben - vor allem Dinge, die nicht auf dem normalen Statistikbogen wiederzufinden sind. Für mich steht das Team an erster Stelle. Der vierte Punkt ist, dass man werfen kann. Das sind meine vier Punkte für die Zukunft. Zum einen für die Spielerausbildung, zum anderen für das Spiel in der BBL.

Werden wir nächste Saison also noch mehr Basketball mit kleinen Spielern in Frankfurt sehen?

Länge kostet Geld, und wenn du das nicht hast, brauchst du Physis und Skills.

Was sind Ihre Ideen, damit die Skyliners wieder ein Klub werden, der regelmäßig um die Playoff-Plätze mitspielen kann?

Wenn wir vergangene Saison die sechs Spiele, die wir mit einem Punkt verloren haben, gewonnen hätten, würden wir jetzt alle sagen, die Saison war überraschend gut. Du musst immer deine Aufgabe machen, so gut es eben geht. Wir haben noch kein Budget. Wenn du es hast, musst du es so effektiv wie möglich einsetzen. Wir haben mit Len Schoormann, Bruno Vrcic und Maxi Begue drei Spieler, die langfristig Profis werden und kleine Rollen übernehmen können - wenn sie sich so entwickeln, wie wir uns das vorstellen.

Wie ist das Scouting aufgeteilt?

Ich bin die Schnittstelle zwischen Gunnar Wöbke (Geschäftsführer, Anm. d. Red.) und dem Trainerteam. Ich habe in jedem Land Scouts, mit denen ich mich austausche, die mich als Scout in Deutschland nutzen für Spieler von der Pro B bis zum NBA-Perspektivspieler. Im Gegenzug bekomme ich Infos aus anderen Ligen. Dann verteile ich die Aufgaben an meinen Co-Trainer Klaus Perwas.

Wie konkret sind diese Listen?

Die Zahl der Spieler, die bei uns infrage kämen, liegt ungefähr bei 100. Die Hälfte davon ist komplett analysiert, sprich: Verletzungen, Charakter, Stärken, Schwächen, Ziele. Konkret habe ich mit vier Spielern gesprochen. Das geht jetzt jeden Tag so. Aus der Liste geht dann auch wieder ein Spieler raus und ein anderer rein. Das ist sehr komplex. Du hast zum Beispiel einen Rookie vom College, den du dir angucken willst, aber dessen Agent die Vorstellung hat, dass er in die NBA geht. Dann geht er in die G-League, schafft den Schritt nicht und ist plötzlich ein billiger Bundesligaspieler. Das ist ein Prozess, den man stetig begleiten muss.

Was sind die entscheidenden Statistiken, wenn Sie nach Spielern schauen?

Pick-and-roll-Fähigkeit. Nicht nur auf den kleinen, sondern auch auf den großen Positionen. Die Spieler müssen den Ball bewegen wollen, also einen gewissen Basketball-IQ mitbringen. Das ist das Idealbild. Für mich ist Kreativität nicht, der macht etwas, das künstlerisch endet, aber ineffektiv ist, sondern der Spieler kann etwas kreieren und einen Vorteil herstellen. Und der Spieler muss in der Lage sein, defensiv stabil zu sein. Du kannst dir heutzutage keinen Spieler erlauben, der defensiv im Minus ist. Dann ist mir auch wichtig, gute Charaktere in der Mannschaft zu haben.

Warum werden die Skyliners in der neuen Spielzeit mehr Partien gewinnen als zuletzt?

Ich denke immer positiv. Ich glaube, dass die Liga völlig ungewiss ist. Keiner weiß, wie die Kader aussehen werden. Ich glaube schon, dass wir aus den vergangenen Jahren gewisse Lehren gezogen haben und einfach auch besser spielen wollen. Ich tue mich schwer, nicht, weil ich es wegreden will, zu sagen: Wir bilden Len, Bruno und Maxi aus und gewinnen mehr Spiele. Sie können trotzdem durch Leidenschaft, Willen und kleine Aufgaben auf dem Feld zu jedem Sieg beitragen. Den größeren Anteil, um Spiele zu gewinnen, erwarten wir jedoch von erfahreneren Spielern.

Was sind die Ziele für die nächste Saison?

Im nächsten Jahr wird es eine große Aufgabe sein, erst einmal stabil zu spielen. Wir sind jetzt im Jahr 2020 und nicht mehr 2009. Die Bundesliga hat sich verändert. Die Playoffs wären ein riesiger Erfolg. Dennoch müssen wir andere Wege finden, dieses Ziel zu erreichen. Wir bleiben uns treu, junge Spieler auf BBL-Niveau zu bringen.

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