Anonyme Anzeige und "haltlose Anschuldigungen"

Früh morgens schon hatten sie zusammengesessen; irgendwo in Butzbach, unter sechs Augen. Thorsten Bastian, Markus Mogk und Jürgen Radeck. Der kommissarische Kreisfußballwart, der Kreisschiedsrichterobmann und der Verbandsfußballwart. Viel Zeit blieb nicht.

Missverständnisse und Anfeindungen, die mittlerweile über Wochen hinweg schwelten, waren auszuräumen, ein gemeinsamer Kurs zu finden und damit der drohende fußballerische Gau im Kreis Friedberg zu verhindern. In der Usatalhalle in Ober-Mörlen, wo Bastian, Mogk und Radeck nur knapp 90 Minuten später zur Vorrundenbesprechung von rund 100 Klub-Delegierten erwartet worden waren, hatte längst das Gerücht von einer sofortigen Amtsniederlegung Bastians und einem drohenden Domino-Effekt im Kreisfußballausschuss die Runde gemacht. "Zum Wohle des Fußballkreises haben wir entschieden, zusammenzuarbeiten und dafür Sorge zu tragen, dass der Fußball rollt", gab Bastian schließlich zum Ende der gut zweistündigen Tagung Entwarnung, sodass der Spielbetrieb im Senioren- und im Nachwuchsbereich im August aufgenommen werden kann.

Eine anonyme Anzeige hatte Bastian, der das Amt des Kreisfußballwarts angesichts des Konfliks mit dem Schiedsrichterausschuss ohnehin nur noch kommisarisch leitet, in den vergangenen Tagen ins Grübeln gebracht. Dem ehemaligen Vorsitzenden des Regionalsportgerichts wurde vorgeworfen, Vereinsgelder veruntreut zu haben. Der Gipfel war erreicht. "Solche Vorwürfe beeinträchtigen das Familienleben und auch die Gesundheit", sagt Bastian. Ohnehin schon hatten die Auseinandersetzungen um Manipulationen beim Schiedsrichter-Soll einen immensen Schaden verursacht. Die Vorwürfe gegen Bastian wurden inzwischen nach eingehender Prüfung durch den Verband als "haltlos" angesehen, wie der 47-Jährige aus einem Schreiben des Verbands zitieren konnte.

Fehler, sagt er, seien von allen Seiten begangen worden, und natürlich habe er angesichts der Anschuldigungen erstmal schlucken müssen, doch sehe er auch die "Gesamtverantwortung", nachdem der Fußballkreis bereits im Rechtswesen nur bedingt handlungsfähig sei. "Noch so ein Ding und dann ist für mich endgültig Schluss", machte er unmissverständlich klar. Das Angebot, tiefer gehende Erläuterungen zum "Schiedsrichter-Skandal" zu erfragen, wurde nicht genutzt.

Weiteres Öl wollte angesichts der Brisanz wohl niemand ins Feuer gießen. Thomas Nau, der im Zuge der Manipulationen als Kreisschiedsrichterobmann zurückgetreten war, saß wie auch Rainer Klöpfel, der Unregelmäßigkeiten ebenfalls eingeräumt hatte, zwischen den Vereinsvertretern in der Halle. Das Verfahren aufgrund fehlerhaft eingepflegter Daten ist seitens des Hessischen Fußball-Verbandes noch nicht abgeschlossen.

Bereits zu Versammlungsbeginn hatte Jürgen Radeck, vom Verband gesandt, um auf eine harmonische Sitzung einzuwirken, das Wort ergriffen und seine Hoffnung auf eine "saubere Veranstaltung" zum Ausdruck gebracht. Walter Nebel vom Gruppenligisten SV Nieder-Wöllstadt versuchte anschließend aufgrund seiner praktischen Erfahrungen den Funktionärskollegen die Scheu vor dem elektronischen Spielbericht (mit Beginn der Saison 2012/13 verpflichtend) zu nehmen. Gerald Hengst, der kommissarische Kreisadministrator, berichtete schließlich vom Verbandstag und den Änderungen zur kommenden Saison, beispielsweise im Bereich der Ein- und Auswechslungen. Bastian bedankte sich im Anschluss bei den langjährig tätigen Funktionäre Joachim Hyngar, Reinhold Wolfinger, Horst Gruner und Wolfram Fritz, die allesamt zur anstehenden Saison nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

Die Vereine seien in diesem Zusammenhang aufgerufen, vakante Positionen zu besetzen, wenn der Ball denn auch in Zukunft rollen solle. Trotz aller Unruhen: Spätestens Mittwoch sollen die endgültigen Spielpläne erstellt sein, zeitnah sollen zudem die Klassenleiter eingesetzt werden.

Ende September/Anfang Oktober werden im Rahmen eines außerordentlichen Kreisfußballtages die Ämter durch Wahlen (neu) vergeben. Spätestens dann wird sich auch zeigen, inwiefern die 90 Minuten von Butzbach tatsächlich klärend und von zukunftsweisender Bedeutung waren. Michael Nickolaus

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