_3aSPOLSPORT13-B_084215_4c
+
Zwar sind die Sportplätze - wie hier in Fauerbach - nicht mehr grundsätzlich geschlossen, da das Training von Kindern unter 14 Jahren im Freien und unter strengen Hygieneregeln aktuell erlaubt ist, aber der Sport fürchtet neue Einschränkungen durch die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes durch den Bund. ARCHIVFOTO: NICI MERZ

Angst vor neuen Einschränkungen

  • vonDPA
    schließen

Wie lange hält der Sport noch durch? Von der Politik fühlt er sich wenig erhört und anerkannt. Die absehbare Lockdown-Fortsetzung dürfte die Not des organisierten Sports und seiner Mitglieder vergrößern. Ein Schwund von rund einer Million Mitglieder ist also wohl nur der Anfang.

Mit der absehbaren Verlängerung des Lockdowns wächst nicht nur die existenzielle Not im deutschen Sport, sondern auch Unmut, Unverständnis und bei vielen Vereinen die Existenzangst. Die mit 27 Millionen Mitgliedern größte Massenbewegung des Landes fühlt sich in der Pandemie von der Politik mehr und mehr links liegen gelassen. Der Deutsche Olympische Sportbund will nach einem Jahr eingeschränkter Aktivitäten, dass es wieder losgeht und hält sich nun auch mit Kritik an der Politik nicht mehr zurück.

»Dazu brauchen wir eine professionelle Pandemie-Bekämpfung, zeitnahe Impfungen und bei den Entscheidungen zum Ende des Lockdowns eine bestmögliche Berücksichtigung der wichtigen Elemente Gesundheit und Bewegung«, betont Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportverbandes (DOSB). »Kurzum: einen höheren Stellenwert für den Sport.«

Wenn - wie geplant - im Kampf gegen eine dritte Corona-Welle bundesweite Maßnahmen durch die Änderung des Infektionsschutzgesetzes möglich werden, dürfte dies den Sport noch weiter einschränken (siehe Kasten).

»Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass der Sport keine Rolle oder nur eine untergeordnete Rolle bei den Beratungen spielt«, kritisiert Ingo Weiss, Sprecher der Spitzenverbände. Es sei an der Zeit, dass dem Sport endlich die Perspektive geboten werde, die er verdient habe. »Der Sport ist bisher der verlässlichste Partner der Politik, weil er nicht das macht, was andere tun: fordern, fordern, fordern.« Es könne aber bald auch im Sport der Zeitpunkt kommen, dass dies kippe. »Der Sport wird den Lockdown mittragen, aber man muss ihm Perspektiven geben«, sagt Weiss. »Wenn nicht, werden wir ein Problem bekommen.«

Perspektive fehlt

Ostern galt bisher als Schallmauer des Aushaltbaren. Nun dürfte nicht mal um Pfingsten das Ende in Sicht sein. »Ich glaube, diese Grenze ist in vielen Gesellschaftsbereichen erreicht oder überschritten und damit kein Phänomen, dass alleine den Sport trifft«, meint Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Wichtig sei die Aussicht auf »klar terminierte, verlässliche Schritte und Maßnahmen« für die Rückkehr in eine neue Normalität im Breiten- und Wettkampfsport.

Die Lockdown-Verlängerung wird laut Turner-Präsident Alfons Hölzl »noch stärkere negative Auswirkungen« als ohnehin bereits haben. »Ein verlängerter Lockdown im Sport wird diese Situation verschärfen«, sagt er. Aktuelle Zahlen der Landesturnverbände würden auf einen Mitgliederrückgang zwischen sieben und zwölf Prozent in den Vereinen hinweisen. Besonders in den jüngeren Jahrgängen der Kinder seien starke Rückgänge festzustellen: »Die Kinder verlieren den Bezug zu Sport und Bewegung sowie zum Verein.«

Laut einer Erhebung des DOSB für alle seine 90 000 Vereine hat der Mitgliederschwund bereits eine erodierende Dimension. »Nach aktuellem Stand werden wir wohl zum Jahresende 2020 rund eine Million Mitglieder verloren haben und in den ersten Monaten des Jahres könnte nochmals eine ähnliche Größenordnung an Rückgang entstanden sein«, berichtet Hörmann. Angesichts der Verlängerung von strengen Kontaktbeschränkungen befürchtet der DOSB unabsehbare Schäden. »Wer hätte das noch vor Wochen oder Monaten gedacht und wer kann heute solide prognostizieren, welche Folgeschäden das für den Sport und die gesamte Gesellschaft mit sich bringen wird?«, fragt Hörmann.

Andreas Michelmann, Chef des Deutschen Handball-Bundes, sorgt sich vor allem um die Kinder und Jugendlichen, die in dieser Zeit Bewegung und soziale Kontakte bräuchten. »Insofern schadet der Lockdown unseren Kindern. Denn ich fürchte, dass der Bewegungsmangel und der Verlust sozialer Strukturen langfristig schwere physische und psychische Folgen haben wird«, prognostiziert er.

Zuschauer benötigt

Die fortgesetzten Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie gefährdeten trotz aller staatlichen Hilfen auch das wirtschaftliche Überleben der Bundesligisten. »Kurz: Ohne Publikum in den Arenen keine Zukunft für den Profisport«, erklärt Michelmann. Ob sie nach dem Ende der Corona-Krise wieder wie einst in die Arenen strömen werden, bezweifelt Weiss angesichts von Sicherheitsängsten der Fans und der wohl erst schrittweisen Öffnung: »Das wird ein, zwei Jahre dauern.«

Neue Bewegung?

Bewegung in die Debatte einer schrittweisen Öffnung des Sports könnte ein Offener Brief der Gesellschaft für Aerosolforschung an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bringen. Die GAeF kritisiert in dem Schreiben, dass »bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt« worden seien. »Stattdessen werden eher symbolische Maßnahmen wie die Maskenpflicht beim Joggen erlassen, die keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektions- geschehen erwarten lassen«, hieß es. Übertragungen im Freien seien nämlich äußerst selten.

»Die Ausführungen der Gesellschaft für Aerosolforschung bestärken uns einmal mehr in der Position, die wir seit Monaten klar vertreten«, sagt Rainer Koch, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, zum dem Offenen Brief, über den die ARD-Sportschau zuerst berichtet hatte. »Die Angst vor dem Amateurfußball als Corona-Treiber ist unbegründet.«

Christian Dahms, Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen, fordert: »Öffnet die Sportplätze und gebt unseren Vereinen die Möglichkeit, Amateursportlern jeder Altersklasse - zumindest im Freien - wieder ihren Sport zu ermög-lichen.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare