+
Björn Szczendzina aus Butzbach-Fauerbach (l.) - hier im Gespräch mit Sportredakteur Philipp Keßler - hat bereits über 200 Dragster-Rennen absolviert.

Dragster-Rennen

Alles für elf Sekunden: Dieser Butzbacher mischt die Szene der Dragster-Rennen auf

  • schließen

Wohl jeder Film- und Motor- sport-Fan kennt die Filme der "Fast & Furious"-Reihe. Im echten Leben werden die Viertelmeilen-Wettfahrten Dragster-Rennen genannt. Sie haben vor allem in den USA eine riesige Community mit Autos jenseits der 10 000 PS. Doch auch in Deutschland gibt es eine Szene. Mittendrin ist Björn Szczendzina aus Butzbach-Fauerbach.

Hinter dem Tor einer Garage in einem Pohlheimer Ortsteil kommt etwas zum Vorschein, was man dort wohl kaum vermutet hätte: 560 PS stark, ein V 8-Motor mit 740 Newton-Meter Drehmoment - Beschleunigung von 0 auf 200 Stundenkilometer in nicht einmal elf Sekunden. Die Dame in schwarz heißt Lucille, ist ein 2012 Chevrolet Camaro und gehört Björn Szczendzina aus Butzbach-Fauerbach, der damit seit 2012 an Viertelmeilenrennen teilnimmt. In diesem Jahr hatte der gelernte Kaufmann in einem Camaro-Forum im Internet Gleichgesinnte getroffen - und sein erstes Rennen gefahren. "Ich bin auf Winterreifen hin- und wieder zurückgefahren. Es war schon Herbst, ich hatte Angst, es ist glatt. Aber schon beim ersten Rennen hat mich der Virus gepackt", erzählt der 38-Jährige. Seitdem sind über 200 Starts vergangen, und Lucille hat sich stark verändert. Die Straßenzulassung ist längst weg.

Björn Szczendzina und seine "Lucille" aus Butzbach fahren seit 2012 erfolgreich Viertelmeilenrennen

 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © Nici Merz
 © 
 © 
 © 

Es kommt nicht immer darauf an, der Schnellste zu sein

Björn Szczendzina hat für seine "Lucille" und sich eigens einen Rennstall gegründet: Clockwork Racing. Das Ziel des gelernten Kaufmanns ist es nicht nur auf diese Weise an Sponsoren für seinen Sport zu kommen, sondern er hat auch vor, unter diesem Namen einen Online-Handel für Autoteile amerikanischer Fabrikate aufzubauen. Außerdem betreibt er inzwischen einen Handel mit Merchandise-Artikeln wie T-Shirts und Pullovern, auf denen nicht nur das Firmenlogo, sondern auch das Abbild von "Lucille" prangt. Der 37-Jährige hofft, eines Tages davon leben zu können – und gleichzeitig seinen Dragster-Sport damit zu finanzieren. Ganz nach seinen Vorbildern aus der US-Fernsehserie "Street Outlaws", in der es um Fahrzeuge mit bis zu 11 000 PS geht, die von ihren Fahrern auf einer Achtel- oder der Viertelmeile zu Höchstleistungen gebracht werden.

Szczendzina hat fast alles an serienmäßiger Ausstattung ausgebaut. Im Innenraum findet sich ein Rennlenkrad, ein digitaler Tacho, eine spezielle Schaltung für das Drei-Gang-Automatikgetriebe, ein Stahlrahmen samt Sicherheitsnetz sowie die Autobatterie - sonst nichts. Die Heckscheibe ist aus Plexiglas, die Auspuffanlage ist weg, dafür hat er einen Fächerkrümmer, einen Kompressor im Motorraum, der 130 PS extra bringt und spezielle Reifen ohne Profil - vorne ganz schmal für möglichst wenig Widerstand, hinten breit für mehr Grip des Hecktrieblers beim Start. Und dennoch sagt Szczendzina: "Das ist im Dragster-Sport noch unteres Niveau. Richtig los geht es erst bei 1500 bis 2000 PS." Er startet in der Klasse ProET, die unterste für Amateurfahrer. Hier wird das sogenannte Bracket-Racing praktiziert. Das bedeutet: Jeder Fahrer setzt sich eine Zeitmarke, an die er möglichst nah heranfahren muss. Gefahren wird im Eins-gegen-eins auf eine Viertelmeile, also auf 402,34 Meter. "Hier kann jeder jeden schlagen, weil es nicht darauf ankommt, der Schnellste zu sein. Man muss Dinge wie den Fahrbahnbelag, das Wetter und seine eigene Reaktionszeit vorher miteinbeziehen. Letztere entscheidet nicht selten alleine das Rennen", erklärt Szczendzina. "Man muss sein Auto einfach sehr gut kennen und natürlich auch etwas Glück haben, denn auch jede Ampelanlage ist anders." 

Dank eines Kompressors bringt es der Motor seiner "Lucille" inzwischen auf 560 PS.

Feinheiten entscheiden am Ende über Sieg oder Niederlage

Stichwort Sicherheit: "Sicherheit geht vor", sagt Björn Szczdzina. Auch aufgrund dieses Leitspruches sei ihm bislang bis auf ein defektes Differenzial noch nie etwas passiert, zumal "in meiner Klasse das Risiko noch relativ überschaubar ist". Die Fahrer brauchen Lizenzen, um an den Rennen teilzunehmen, außerdem vorgeschrieben ist das Tragen eines Helmes sowie einer feuersicheren Schutzjacke. Szczendzina hat zudem in eine entsprechende Hose, Handschuhe und Schuhe investiert, außerdem sein Auto trotz niedriger Anforderungen mit einem Überrollkäfig im Inneren und einem Fangnetz ausgerüstet. Bei 1,6 Tonnen Gewicht, die das Auto aktuell noch hat, machen ein, zwei Kilo nicht viel aus. "Außerdem setze ich bei Motor und Reifen auf Langlebigkeit. Lieber habe ich ein paar PS weniger, kann aber dafür die Saison durchfahren." Getankt wird Aral ultimate mit 102 Oktan. 

Der Start läuft immer gleich ab: Erst wird per Knopfdruck die Vorderbremse festgestellt, um den Burnout mit den Hinterrädern machen zu können. Durch das Durchdrehen werden die Reifen auf die richtige Temperatur gebracht. Anschließend wird mit einem weiteren Knopf Launch-Control und Transbrake eingeschaltet. Erster Gang und Rückwärtsgang blockieren sich nun gegenseitig, das Gas ist durchgedrückt, bei "Grün" geht es auf Knopfdruck los. Das spezielle Getriebe sorgt dafür, dass im exakt richtigen Drehzahlbereich hochgeschaltet wird. "Ich fahre bei der dritten gelben Ampel bereits los, denn bis mein Gehirn das Gesehene an meinen Körper weitergegeben hat, geht es schon los", erklärt Szczendzina seine Reaktionszeiten im Tausendstel-Sekunden-Bereich. "Ich fahre nicht zum Spaß, sondern will immer gewinnen. Da riskiere ich auch mal eine Disqualifikation wegen Frühstarts." Denn Kleinigkeiten machten in seinem Sport den Unterschied. Auch ohne Veränderungen am Motor hat der gebürtige Hanauer seine Bestzeit von 13,2 Sekunden auf inzwischen 10,96 Sekunden heruntergeschraubt. "Der Vorteil ist: Je länger das Auto beinahe gleich bleibt, desto eher kann ich mich darauf einstellen, wie es reagiert", erklärt er. Nichtsdestotrotz wurde neben dem Getriebe und dem Einbau des Kompressors auch das Fahrwerk verändert. Außerdem analysiert Szczendzina all seine Rennen anhand des Time Slips, einem Ausdruck der Renndaten.

Schon Ende Mai geht die neue Saison für Björn Szczendzina los

"Lucille" ist ein 2012er Chevrolet Camaro, die Björn Szczendzina im Laufe der Jahre für den Dragster-Sport umgebaut hat.

Pro Saison gibt er etwa 1000 bis 1500 Euro für die Teilnahme an Rennen aus, die Sponsorensuche sei schwierig, lediglich große Veranstaltungen wie die NitrOlympX am Hockenheimring böten Preisgelder. Kommt Geld in die Kasse, kann weiter ins Auto investiert werden. Das Ziel: eines Tages ein ganz neuer Motor. "Mit 20 000 bis 30 000 Euro extra könnte ich 2500 PS im Auto haben", sagt er. "Denn der Adrenalinkick macht einfach tierisch Spaß. Es ist ein Sport, der dennoch sehr familiär ist, ich habe dadurch viele Bekannte gewonnen. Was mich reizt: Es gibt keine zweiten Chancen. Ein Fehler beim Start holt man auf dieser kurzen Strecke nicht mehr auf." Das erste Rennen steigt Ende Mai in Bad Sobernheim.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare