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Alexander Kisselbach vertritt Deutschland in Dublin. Mit Gannan überwindet er vor 30 000 Menschen die Mauer.

2,20 Meter - hoch hinaus auf der Grünen Insel

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Alexander Kisselbach aus Bad Vilbel durfte Deutschland beim CHIO-Mächtigkeits- springen in Irland vertreten. Schon 2017 hätte er auf der Insel starten können. Aber sein Pferd war nicht fit. Zwei Jahre später wird der Traum dann doch noch wahr - mit Gannan.

Die Wiege des Springsports steht in Dublin. Auf der Grünen Insel sollen 1864 die ersten Wettbewerbe über Hindernisse stattgefunden haben. Die pferdeverrückten irischen Händler ließen ihre Tiere über Hürden springen, um deren Qualität zu beweisen. In diesem Jahr zelebrierten sie die 146. Ausgabe der Dublin Horse Show (CHIO), eines der höchstdotierten internationalen Springturniere der Welt. CHIO steht für Concours Hippique International Officiel, ein internationales Pferdesportturnier der Fédération Équestre Internationale (FEI), der internationalen Dachorganisation des Pferdesports. Als einziger Deutscher stellte sich der Bad Vilbeler Alexander Kisselbach der Konkurrenz. Er startet national für den RV Am Pohlheimer Wald und ist zweiter Vorsitzender des Bezirksreiterbundes Oberhessen Mitte. Mit seinem Pferd Gannan reiste er nach Dublin und wurde Zweiter im Mächtigkeitsspringen (S/B-Springen). Ein Interview über seine Spezialdisziplin, die Atmosphäre im Stadion und seinen 13-jährigen Wallach, dessen Fähigkeiten lange unterschätzt wurden.

Herr Kisselbach, wie war es im "irischen Aachen"?

Alexander Kisselbach:Überwältigend. Wenn 30 000 Menschen dir zujubeln, ist das unbeschreiblich. Egal woher du kommst oder wer du bist, sie freuen sich über deinen Erfolg und fiebern mit. Das kann man nicht erklären, das muss man erlebt haben. Es war im Übrigen das bestorganisierte Turnier, bei dem ich jemals geritten bin. Und die Iren sind herzlich, freundlich und neidlos. Etwas, das ich hierzulande oft vermisse. In diesem pferdeverrückten Land wurde noch dazu alles im TV übertragen. Bei der Abreise kannte der Shuttle-Fahrer meinen Namen (lacht).

Wie schafft man es, bei der Dublin Horse Show zu reiten? Was für Voraussetzungen sind zu erfüllen?

Kisselbach:Ein Komitee prüft, ob Reiter und Pferd den Anforderungen gewachsen sind, also entsprechende Platzierungen vorweisen können. Ich hatte mich schon 2017 mit meinem damaligen Pferd Nombrado beworben und auch eine Startgenehmigung erhalten. Leider war Nombrado zu dem Zeitpunkt mental nicht fit. Gerade im Mächtigkeitsspringen ist physische und psychische Fitness aber unabdingbar. Für diese Disziplin brauchen die Pferde eine gewisse Härte; Kampfgeist und Wille sind entscheidend. Also habe ich den Start abgesagt. Ich dachte, ich bekomme nie wieder so ein Pferd wie ihn.

Und jetzt waren Sie mit Gannan erfolgreich am Start...

Kisselbach:Ja, ich bin wahnsinnig stolz auf ihn. Dabei war es eigentlich Zufall, dass wir zusammengefunden haben. Ein Bekannter hatte ihn in Zahlung genommen. Gannan war damals in einem schlechten Zustand. Er wurde viel herumgereicht. Aber ich habe ihm ins Auge gesehen, und da war dieser Wille in ihm. Ich habe mich seiner angenommen: Schmied, Tierarzt, Osteopathie. Ich wurde anfangs dafür belächelt, aber ich war überzeugt von ihm. Wir sind dann einige "normale" Turniere gegangen. Eines Tages auf dem Abreiteplatz sprangen wir ein etwas höheres Hindernis, und ich hatte das Gefühl: Der kann das.

Und konnte er es?

Kisselbach:Und wie. Anfang dieses Jahres hat es bei Gannan "klick" gemacht, da lief schon die Anfrage für Dublin. Ich dachte, wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie. Wir hatten dann drei Siege in Folge und haben 2,15 Meter überwunden. Im Juni kam die Zusage für den Startplatz beim CHIO.

Mächtigkeitsspringen ist eine spezielle Disziplin. Was macht für Sie den Reiz aus?

Kisselbach:Entweder man liebt es oder man hasst es. Mir gefallen der Nervenkitzel und die Stimmung. Mächtigkeitsspringen sind ein Publikumsmagnet. Ich bin dabei immer emotional. Auch für Laien sind die Regeln einfach zu verstehen. Natürlich ist es eine Beanspruchung für das Pferd. Deswegen ist eine gute Vorbereitung so wichtig. Die Relation von Belastung und Erholung muss stimmen. Es ist eine reine Wettkampfdisziplin, zu Hause springe ich gewöhnlich nicht höher als 1,55 m. Und wenn dann alles passt, du das Pferd perfekt vor den Sprung bekommst und abhebst, das macht einfach Spaß.

Welche Anforderungen stellt das Mächtigkeitsspringen?

Kisselbach:Beim S/B sind im Normalparcours zuerst drei Hindernisse zu überwinden: Oxer, Steil und meistens eine Triplebarre. Für mich sind das die Wächter. Danach kommt die Mauer. Sie ist der finale Gegner. Pferd und Reiter brauchen den absoluten Willen, den Kampf aufzunehmen. Es sind spezielle Paare mit ausgeprägten Fähigkeiten. National beginnt die Mauerhöhe bei 1,60 Meter, international bei 1,80 Meter. In Dublin gab es einen Weltrekordversuch. Wohl deshalb hat der Parcourschef im ersten Stechen auf 2,00 Meter erhöht. Das ist schon viel. Eigentlich sollen sich die Pferde langsam herantasten, aber die Atmosphäre reißt dich mit. Danach bin ich mit Gannan erstmals über 2,20 Meter gesprungen. Ein Wahnsinnsgefühl.

Wie hat Gannan sich präsentiert?

Kisselbach:Er war bereit. Das hat er mir schon beim ersten Warm-up gezeigt. Wir sind am Mittwoch angereist. Trotz eines Zwischenstopps in London war es eine anstrengende Autofahrt. Aber als ich am nächsten Morgen um 7 Uhr auf dem Pferd saß, hat er mir sofort seine Bereitschaft signalisiert. Er war cool und hat gebockt (lacht). Gannan kann auch heftig werden, er hat viel Kraft.

War er beeindruckt von der Arena?

Kisselbach:Am Samstag gab es Training in der Arena, allerdings ohne Zuschauer. Ich habe beim Wettbewerb zur Sicherheit die Gerte mitgenommen. Als wir einritten, hat Gannan aber gemeint: Ich bin da, ich bin bereit. Wir sind reingaloppiert und ich habe ihm die Mauer gezeigt. Das Pferd muss unter dem Reiter größer werden in so einer Situation, nicht kleiner. Nach dem zweiten Hindernis warf ich die Gerte weg, weil er so einen Drive hatte, eine innere Spannung. Die braucht er auch für diese Höchstleistung.

Sie sind als einziger Deutscher in Dublin am Start gewesen. Gab es Unterstützung aus der Heimat?

Kisselbach:Allerdings! Ohne mein tolles Team hätte ich es nicht bewältigen können. Meine Partnerin Kira Kirchgessner ist mit mir und Gannan mit Auto und Anhänger gefahren, ihre und meine Mutter sind mit dem Flieger gekommen. Kira hat sich perfekt um das Pferd gekümmert, mir am Abreiteplatz geholfen und mich auch mental unterstützt. Das war super. Außerdem habe ich von der FEI wegen einer Sonderregelung Unterkunft und Verpflegung bezahlt bekommen. Da es ein hohes Preisgeld für meinen zweiten Platz gab, konnte ich die Kosten für die Anreise decken. Aber das ist mir nicht so wichtig. Es war eine große Ehre für mich, dort zu reiten.

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