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Der TSV Butzbach - Hessenmeister im Hallenhandball 1971/72 - mit: (hinten, v. l.) Rolf Hoffmeister, Peter Knorr, Günter Bormann, Helmut Schwarz, Hans Joachim Röhrig, Zdenko Kovac, Spielertrainer Tuni Turkalj, (vorn, v. l.) Manfred Großmann, Günter Werner, Rolf-Dieter Grotegut, Albin Waha und Armin Velten. (Archivfoto: TSV Butzbach/pv)

Handball-Nostalgie

Als 2000 Fans zum Bundesliga-Handball beim TSV Butzbach pilgerten

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Der Wetterau fehlt der höherklassig spielende Anker, an dem sich die heimischen Handball-Vereine orientieren. Diesen Anker gab es einmal: den TSV Butzbach. Erinnerungen an die Bundesliga.

Vor 50 Jahren erfolgte beim TSV Butzbach die Weichenstellung für den späteren Bundesliga-Aufstieg. Grund genug, sich auf eine Zeitreise zu gegeben. Dafür hat sich WZ-Mitarbeiter Peter Hett gemeinsam mit Michael Rüspeler, der Vorsitzende des Vereins, gemeinsam mit Hermann Bang, dem Ehrenvorsitzender, und Reinhard Auer, dem Kassenwart, auf Spurensuche in den Vereinsunterlagen, die im kleinen Mehlwieger-Häuschen in Butzbach archiviert sind. In welche Dimensionen der TSV mit dem Bundesliga-Aufstieg damals vorgedrungen war, verdeutlicht eine Aussage der Verantwortlichen, anlässlich einer Sitzung des Bundesligaausschusses 1973: "Wir sitzen ohnehin schon gebückt in der letzten Reihe. Bei der Rede des allmächtigen Eugen Haas, dem Vater des Gummersbacher Handballs und dem Uli Hoeness unseres Sports, seinen Ausführung und den Zahlen die er nennt, sind wir dann praktisch unter den Tisch gerutscht."

Ein Ritt durch die Bundesliga-Historie des TSV Butzbach

Die Ausgangslage:Ende der 1960er Jahre gewinnt Hallenhandball immer mehr Anhänger. Führender Verein der Region ist der TSV Griedel. Im Nachbarkreis führt Trainer Rudolf Spengler den 1968 aus einer Fusion zwischen Hörnsheim und Hochelheim entstandenen TV 05/07 Hüttenberg in die Bundesliga. Deren herausragender Spieler Josip Milkovic ist Trainer des zu dieser Zeit in der Bezirksklasse beheimateten TSV Butzbach.

Die Weichenstellung:1969 trägt der TSV Butzbach ein Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten BSV Solingen aus. Es kommt zu einer ersten Kontaktaufnahme mit BSV-Spieler Toni Turkalj. Im März fährt eine Butzbacher Delegation zum Endspiel um die deutsche Meisterschaft nach Dortmund. Es kommt zu einer überraschenden Zwischenstation in Solingen, um Turkalj als Spielertrainer zu verpflichten. Das Vorhaben gelingt: Der neue Trainer bringt noch einen jugoslawischen Torwart mit - Zdenko Kovac.

Das Aufstiegsspiel wird zum Highlight für 2500 Zuschauern

Der Weg nach oben:1970 erringt Butzbach die Bezirksmeisterschaft vor dem TSV Dutenhofen mit Rainer Dotzauer. Nach Siegen gegen Eintracht Felsberg (23:13) und TV Flieden (32:9) steigt Butzbach in die Verbandsliga auf. Mit dabei ist der Ober-Mörler Siggi Steffens. Dort gelingt der Durchmarsch in die Oberliga. Mittlerweile spielt Hans-Jürgen "Jogi" Röhrig beim TSV. Zu Beginn der Saison 1971/72 wechselt Helmut "Boogie" Schwarz aus Friedberg nach Butzbach. Auch in der höchsten hessischen Liga gab es einen Durchmarsch. Mit 27:1 Punkten wird der Titel geholt. Relegationsspiele gegen den Rheinhessenmeister TSG Osthofen, den Pfalzmeister TSG Haßloch und den Saarmeister 1.FC Saarbrücken (mit dem jungen Jo Deckarm) werden deutlich gewonnen. Der Aufstieg in die Regionalliga Südwest ist perfekt. 1972/73 wechselt schließlich der Griedeler Klaus Meinecke nach Butzbach. Es entwickelte sich ein Zweikampf mit Borussia Fulda, nach Sieg und Niederlage folgt ein Entscheidungsspiel in Rüsselsheim.

Das Highlight:In der Walter-Köbel-Halle verfolgen 2500 Zuschauer - davon 1000 aus Butzbach - einen Handball-Krimi. Zur Halbzeit steht es 10:10. In der zweiten Halbzeit fallen nur noch wenig Tore. Kurz vor Schluss führt Butzbach mit 14:13. Ein Heber von "Boogie"Schwarz bringt die Entscheidung: Nach dem 15:13-Sieg steigt Butzbach in die Bundesliga auf. "Turkalj hat uns im Training erbarmungslos fit gemacht. Dazu hatten wir eine tolle Kameradschaft, alle haben an einem Strang gezogen. Außer Toni gab es keinen Star im Team", nennt Rolf Grotegut Gründe für das Handball-Wunder.

Nach der zweiten Saison ist Schluss mit Bundesliga in Butzbach

Die Bundesliga:Wendelin Bell (Oppershofen) und Klaus Lind (Södel) wechseln nun nach Butzbach. Die Heimspiele finden in der mit über 1000 Zuschauer pickepackevollen Butzbacher Halle statt. Am Ende steht ein respektabler siebten Platz mit 13:19 Punkten. Vor Beginn der Saison 1974/75 geht Turkalj zurück nach Solingen, Klaus Meinecke wechselt nach Hüttenberg und wird dort Nationalspieler, dafür kommt der junge Harald Ohly aus Langgöns. Neu sind Trainer Hovre Djebic, Dusan Medic und Stipan Djanic. Es reicht jedoch nicht: Der TSV Butzbach wird mit 6:30 Punkten Letzter und steigt ab. Viele prominente Spieler liefen während der Zugehörigkeit zur Bundesliga in Butzbach auf, darunter die Weltmeister Kurt Klühspies, Manfred Hofmann (beide Großwallstadt) und Horst Spengler (Hüttenberg) sowie die Nationalspieler Peter Bucher, Armin Emrich (Göppingen), Simon Schobel (Hofweier), Rüdiger Schmacke (Leutershausen), Herbert Wehnert (Dietzenbach), Josef Karrer (Großwallstadt), Max Müller (Rintheim) und Volker Leggemann (Steinheim).

Der Weg nach unten:Nach dem Abstieg verlassen etliche Spieler den Verein. Das Werben umliegender, aufstrebender Vereine macht sich bemerkbar. "Jogi" Röhrig wird Spielertrainer. Junge Talente wie Claus Luh, Klaus Reitz und die Balser-Brüder ergänzen den Kader. Rainer Jost kommt aus Hüttenberg. Die Klasse wird mit dem neunten Platz gehalten. 1976 spaltet sich der TSV und der HSV Butzbach-Degerfeld wird gegründet. Erneut wird die Klasse mit dem achten Platz gehalten. Zu folgende Saison wechselt Michael Bayer (Oppershofen) nach Butzbach. Doch die Regionalliga ist nicht mehr zu halten. Mit 8:28 Punkten wird der TSV Letzter und steigt ab. Zu Beginn der Oberliga-Saison 1978/79 weist Turkalj eine Anfrage bezüglich einer Rückkehr ab. Eckard Kuchler (Friedberg) wechselt zum TSV. Mit 0:36 Punkten steigt man dennoch erneut ab. In der Verbandsliga ist "Jogi" Röhrig nicht mehr dabei. Neuer Trainer wird Erich Schieferstein. Gegner sind jetzt Münzenberg, Oppershofen und Münchholzhausen. Mit 19:25 Punkten wird die Klasse gehalten. Meister wird aber Münzenberg mit dem jungen Bernd Walter. 1980/81 erfolgt der Abstieg in die Bezirksliga. In der folgenden Saison steigt man mit 11:33 Punkten erneut ab. Es geht weiter nach unten: Nach dem Abstieg in die B-Klasse 2001 geht die TSV-Handballabteilung in der HSG K/P/G/Butzbach auf.

Was am Ende blieb: Zoff, Schulden und schöne Erinnerungen

Was blieb:Nach dem Abstieg aus der Bundesliga gab es viel Zoff zwischen Gesamtvorstand und Abteilungsvorstand. Das Abenteuer Bundesliga war mit einem hohen Schuldenberg verbunden. Um diesen abzutragen, wurde der vereinseigene Sportplatz am Ostbahnhof an die Stadt verpachtet. Es bleiben aber auch viele gute und bleibende Erinnerungen. Die Zeitzeugen, die sich noch heute regelmäßig treffen, sind stolz auf das, was war, was geleistet wurde und welch einen hohen Stellenwert das Projekt dem Handball in der Region verschafft hat.

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