01. Mai 2012, 20:08 Uhr

RT-Trainer Frank Carnevale über Reize, Pläne und Ziele

Frank Carnevale verdreht den Roten Teufeln den Kopf - heute noch, wie schon zwischen Dezember 1997 und Februar 1999 während seines ersten Engagements in Bad Nauheim.
01. Mai 2012, 20:08 Uhr
Ein Bild aus vergangenen Tagen: Frank Carnevale an der Bande der Roten Teufel. (Foto: Storch)

Die Rückkehr des impulsiven Italo-Kanadiersan die Bande des Eishockey-Oberligisten hat am Wochenende in der Wetterau eine Euphorie ausgelöst, die den 53-Jährigen auch im über 6000 Kilometer entfernten Toronto erreicht hat. »Ich freue mich unheimlich, dass der Vertrag zustande gekommen ist«, sagt Carnevale im Gespräch mit WZ-Redakteur Michael Nickolaus. Wie der alte und neue Coach die Stimmung in Bad Nauheim aufnimmt, welchen Eindruck er von der Mannschaft und der Liga hat, und welche Rolle der Name Dale Reinig in den Planungen spielt, sagt Carnevale im nachfolgenden Gespräch.

Frank Carnevale, Ihre Unterschrift hat am Wochenende einen regelrechten Hype in der Wetterau ausgelöst. Hatten Sie mit einer derartigen Reaktion gerechnet?

Carnevale: Nein. Das hat mich schon ein wenig überrascht. Natürlich wünscht man sich, dass eine solche Entscheidung mehr positive als negative Stimmen hervorruft. Aber ich habe hier in Kanada alleine gut 150 Mails und Anrufe bekommen. In diesem Maß war das natürlich nicht zu erwarten.

Ihr Name steht in Bad Nauheim für sportlich erfolgreiche Monate und begeisterndes Eishockey. Wie wollen Sie mit dieser Erwartungshaltung umgehen?

Carnevale: Druck und Erwartungshaltungen spürt jeder Coach; bei jedem Klub im professionellen Sport. Ich setze für mich selbst hohe Maßstäbe an. Ich komme nicht, um nur die Playoffs zu erreichen. In meinem Alter wäre das Zeitvergeudung. Natürlich werden wir Spiele verlieren, gerade in der ersten Saisonhälfte, wenn wir vielleicht das eine oder andere ausprobieren und ich die Liga erstmal richtig kennenlernen muss. Aber in den entscheidenden Wochen, wenn’s darauf ankommt, wird die Mannschaft ihr bestes Eishockey spielen. Was nutzen denn Platz eins und Derby-Siege, wenn man das letzte Saisonspiel verliert?

Haben Sie eine Erklärung für Ihre Popularität bei diesen Fans? Sie waren für einen vergleichsweise doch recht kurzen Zeitraum in Bad Nauheim tätig?

Carnevale: Ich hatte mit meinem Stil offenbar den Nerv der Fans getroffen. Und natürlich hoffe ich, dass es erneut gelingt, diese ganz spezielle Bindung von Mannschaft und Fans wiederherzustellen. Die Jungs wussten: Entweder sie spielen, wie ich es sage, oder aber sie spielen gar nicht. Sie waren aggressiv, ich war aggressiv. Das ist bei den Fans offenbar gut angekommen. Ich coache seit nunmehr 25 Jahren. Aber diese 13 Monate damals - das war einzigartig, etwas Besonderes. Das lässt sich nicht erklären. Und ich habe einfach das Gefühl, dass ich meine Arbeit hier noch zum Abschluss bringen muss.

Lässt sich die Zeit denn so einfach zurückdrehen und die Geschichte wiederholen?

Carnevale: Die Zeiten haben sich schon geändert. Ich habe heute beispielsweise einen anderen Eindruck von den Strukturen, alles wirkt viel professioneller. Ich habe jetzt ein Team um mich herum. Von Geschäftsführer Andreas Ortwein habe ich einen sehr positiven Eindruck, er ist vielleicht noch recht jung, aber ist jetzt auch schon ein paar Jahre dabei, hat einen konkreten Plan und ist sehr engagiert. Sicher werden wir auch mal unterschiedlicher Meinung sein. Aber das gehört auch dazu.

Was macht für Sie den Reiz aus?

Carnevale: Damals hatte ich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und exakt dieses Gefühl habe ich heute wieder. Meine wichtigste Aufgabe ist es nun, mir ein Bild von der Leistungsstärke der Mannschaften und der Spieler zu machen. Im Augenblick ist vieles noch auf Spekulation und Vermutung basierend. Ich werde einige Wochen brauchen, um die Liga kennenzulernen. Das war damals aber nicht anders. Nach einem halben Jahr wusste ich, was wir brauchen, und im Sommer hatte ich entsprechend reagiert.

Sie haben nach Ihrer Rückkehr ausschließlich mit dem talentierten Nachwuchs gearbeitet und dies meist heimatnah. Wurde Ihr tempramentvolles, emotionales Auftreten von anderen Klubs nicht geschätzt?

Carnevale: Ich hatte immer wieder Anfragen; speziell aus Deutschland, Österreich und Italien. Meine Kinder waren aber in einem Alter, in dem ich für sie da sein musste. Das gehört dann eben zur Vater-Rolle dazu. Da müssen eigene Interessen hinten an stehen. Jetzt sind die Jungs erwachsen. Natürlich haben wir über das Angebot aus Bad Nauheim gesprochen. Sie haben mich bestärkt, dorthin zurückzukehren, wo ich als Trainer meine beste Zeit hatte.

Ist es von Nachteil, dass Sie in der Vergangenheit ausschließlich mit dem Nachwuchs trainiert haben?

Carnevale: Nein. Viele Spieler, die ich in den letzten Jahren gecoacht hatte, spielen heute in der NHL.

Was sagen Ihnen Namen wie Tim May oder Pierre Wex?

Carnevale: Ich habe die beiden auf Videos gesehen. Und wenn sie zeigen, was ich sehen möchte, dann werden sie auch Eiszeit erhalten. Das ist ein Geben und ein Nehmen. Wenn ein Spieler das macht, was ich ihm sage, dann wird er auch spielen. Gerade in der ersten Saisonhälfte sehe ich keinen Grund, den Leistungsträgern 25 Minuten Eiszeit zu geben. Natürlich will ich gewinnen, aber Niederlagen im September, Oktober und Dezember gehören dazu. An erster Stelle steht, die Mannschaft auf die entscheidenden Wochen vorzubereiten. Und da müssen die jungen Spieler so stark sein, dass sie die älteren Spieler antreiben und diesen ihren Platz streitig machen wollen.

Welchen Eindruck können Videos von der Oberliga vermitteln?

Carnevale: Ich habe Videos von Spielen gegen die Top-Mannschaften gesehen; Dortmund, Duisburg, Frankfurt und Kassel. Die Qualität ist höher als man das zunächst in einer dritten Liga vermutet. Und deshalb werden wir professionell arbeiten. Das fängt schon beim Trainingsumfang an. Ich möchte auch vormittags trainieren. Und das wird auch jedem Spieler klar sein, wenn er in Bad Nauheim unterschreibt.

Kassel und Frankfurt werden aus der letzten Saison ihre Lehren gezogen haben. Werden diese beiden Klubs - allein schon aus wirtschaftlichen Gründen - an Bad Nauheim vorbeiziehen?

Carnevale: Bad Nauheim war im Vorjahr die Nummer eins - und ich werde die Mannschaft hoffentlich verbessern können. Das heißt: Kassel und Frankfurt müssen schon einen sehr großen Sprung machen, um an uns vorbeizukommen. Und wenn ihnen das gelingt, dann verdienen sie meinen Respekt. Mir geht es im Augenblick darum, herauszufinden, was in Bad Nauheim zuletzt falsch gelaufen ist. Die Mannschaft stand nach der Zwischenrunde auf Rang eins. Irgendetwas muss dann passiert sein.

Inwiefern haben Sie das deutsche Eishockey aus der Distanz verfolgt, können Sie Spieler und auch deren Preis-/Leistungsverhältnis einschätzen?

Carnevale: Ich habe viele Kontakte nach Deutschland, nenne beispielsweise mal Larry Mitchell, Ken Latta oder Rico Rossi. Mit ihnen stehe ich im ständigen Austausch. Was wir brauchen, das sind Spieler mit dem richtigen Charakter, Spieler, die auch auswärts die nötige Einstellung haben, wie einst Dino Felicetti oder Marco Rentzsch, die psychisch und physisch stark waren. Die Mannschaft muss - das habe ich auf den Videos gesehen - auswärts ganz anders auftreten.

Sie hatten damals fünf Nordamerikaner im Team, dazu noch eine Reihe Spieler mit kanadischen Wurzeln, aber einem deutschen Spielerpass.

Carnevale: Das ist kein Problem. Die Herkunft ist nicht entscheidend. Zudem arbeiten alle Klubs unter den gleichen Voraussetzungen.

Im Zusammenhang mit Frank Carnevale unvergessen ist die Prügelei mit ihrem Trainerkollegen Greg Poss während eines Playoff-Spiels.

Carnevale: Hatte er das damals nicht auch verdient? Er hatte ein arrogantes Team, und auch er war arrogant. Nach dieser Schlägerei hatte er Respekt bei seinen Spielern verloren. Wir sind am Ende eine Runde weiter gekommen. Aber: Ich werde mich sicher nicht mehr prügeln. Die Zeiten haben sich geändert. In mir brennt noch die gleiche Leidenschaft, aber ich habe meine Emotionen unter Kontrolle. Der große Unterschied zu meinem ersten Engagement in Bad Nauheim ist sicherlich, dass ich einschätzen kann, worauf ich mich einlasse. Damals wollte ich Franz Reindl, der den Vertrag eingefädelt hatte, lediglich einen Gefallen tun. Ich weiß, es wird nicht leicht und ich setze mich hier in ein Hornissennest, aber ich komme und coache, um das letzte Saisonspiel zu gewinnen.

Mit Markus Keller, Kevin Lavallee, Manuel Weibler und wohl auch Tobias Schwab werden Ihnen eine Reihe Schlüsselspieler nicht mehr zu Verfügung stehen.

Carnevale: Der Wechsel von Markus Keller ist sicher schmerzlich. Er hat - was ich gesehen habe - überragend gespielt und Fehler immer wieder ausgebügelt. Manuel Weibler steht für Kampf, Leidenschaft und einen menschlich guten Charakter. Ich hätte ihn gerne im Team behalten. Tobias Schwab habe ich noch nicht abhakt. Ich möchte ihn unbedingt behalten und könnte mir vorstellen, dass das klappt. Was die Kontingentspieler angeht: Ich weiß nicht, ob das unterm Strich ausreichend war. Diese beiden Positionen werden wir zuletzt besetzen. Zunächst müssen wir die Mannschaft aus deutschen Spielern zusammensetzen und anschließend schauen, wo Bedarf herrscht.

Das heißt: Sie planen nicht mit Dylan Stanley?

Carnevale: Ich weiß nicht, ob er solange warten kann, bis wir eine späte Entscheidung treffen.

Sie haben Ende der 90er Jahre in Bad Nauheim mit vorwiegend etablierten Spielern gearbeitet. Wird der Kader in der Saison 2012/13 gleichermaßen strukturiert sein?

Carnevale: Über allem stehen Erfolg und das Budget. Wir können uns nicht gleichermaßen wie Bad Tölz aufstellen. Dafür fehlt das Potenzial. Wenn sich ein junger Spieler für die ersten beiden Reihen aufdrängt, würde ich das begrüßen. Wir brauchen einerseits die Energie und den Enthusiasmus der jungen Spieler, andererseits aber auch Erfahrung. Eine eventuelle Kooperation mit Mannheim müsste so geregelt sein, dass uns Spieler dauerhaft zu Verfügung stehen.

Dennis Cardona zählte einst schon als junger Spieler zu Ihrem Kader und hat auch im vergangenen Jahr noch für Bad Nauheim gespielt.

Carnevale: Ich hoffe, er bleibt dabei. Auch wenn er eingeschränkt zur Verfügung steht. Er wäre perfekt, er weiß, seinen Körper einzusetzen. Er hat in der späten Saisonphase stark gespielt. Ich hatte den Eindruck, das Team war insgesamt zu weich, zu soft. Ein Typ wie damals Dale Reinig hätte der Mannschaft gut getan. Der Gegner muss Angst haben, vor unserem Tor zu stehen. Da muss mehr Aggressivität ins Spiel kommen. Ich denke, dass grundsätzlich im Abwehrbereich anders gespielt werden muss. Die Verteidiger müssen auch in das Offensivspiel eingebunden werden. Und zuletzt waren drei junge Verteidiger im Kader. Ich würde gerne wissen, was ich noch aus ihnen herausholen kann.

Welche Verträge, welche Spieler stehen auf der Prioritätenliste ganz oben?

Carnevale: Lanny Gare. Er ist eine Führungspersönlichkeit. Und Tobias Schwab. Auch ein Janne Kujala ist ein wichtiger Spieler. Und natürlich müssen wir den Abgang von Torwart Markus Keller kompensieren. Viele Spieler wurden uns angeboten. Was wir brauchen, das sind Spieler, die gewinnen wollen, die Ziele haben - keine Weicheier. Ich will Spieler, die sich nicht in den Playoff fragen, ob sie im Falle des Aufstiegs überhaupt eine Zukunft hier haben. Da kommen auch die Fans ins Spiel. Da müssen wir eine Atmosphäre schaffen, die Spieler über solche Fragen erst gar nicht nachdenken lässt. Da müssen Zuschauer und Mannschaft sich gegenseitig mitreißen.

Worauf freuen Sie sich im Zuge Ihrer Rückkehr am meisten? Lässt sich der Erfolg nicht wiederholen, hätte der Name Frank Carnevale seine Magie in Bad Nauheim verloren.

Carnevale: Und genau hier liegt der Reiz. Ein zweites Mal gelingt nicht oft. Das ist meine persönliche Herausforderung. Ich möchte das Gefühl von damals zurückholen, die Begeisterung und das Funkeln in den Augen sehen. Meine Unterschrift hatte nichts mit Geld zu tun. Ich bin in einem Alter, in dem das Leben Spaß machen sollte. Wenn nicht in einem Job, den ich liebe, in einer Stadt, die ich liebe, und mit Fans, die mich in positiver Erinnerung haben - wo und wie sollte das sonst gelingen?

Frank Carnevale kommt zurück zum EC Bad Nauheim

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