31. August 2012, 21:13 Uhr

Carnevale: »Wer nicht mitzieht, kann Glühwein trinken«

Frank Carnevale ist zurück. Am Freitagnachmittag kam der alte und neue Trainer des Eishockey-Oberligisten EC Bad Nauheim in der Kurstadt an - und stellte sich sogleich den Fragen des WZ-Redakteurs Michael Nickolaus.
31. August 2012, 21:13 Uhr
Das erste Interview nach der Ankunft in Bad Nauheim: Frank Carnevale (r.) mit WZ-Redakteur Michael Nickolaus. (Fotos: Storch)

Ein kurzer Video-Clip, der seit Tagen in sozialen Netzwerken kursiert, ein T-Shirt mit seinem Konterfei, das im Rahmen der heutigen Saisoneröffnungsfeier (ab 17 Uhr vor dem Haupteingang des Colonel-Knight-Stadions) verkauft werden soll, dazu vereinzelte Fans im Trikot der Roten Teufel, die den Trainer bei seiner Ankunft am Rhein-Main-Flughafen gestern Mittag am Gate begrüßt haben – Frank Carnevale wird in Bad Nauheim mit einer kaum zu noch zu steigernden Erwartungshaltung empfangen, glorifiziert für sein ebenso turbulentes wie sportlich erfolgreiches erstes Engagement in der Wetterau von Dezember 1997 bis Februar 1999. »Ich freue mich unheimlich auf diese Herausforderung«, sagt der 54-jährige Italo-Kanadier, der morgen Nachmittag mit seinem Team in der Sportschule Wedau in Duisburg Quartier beziehen und am Montag erstmals Eis betreten wird.

Überraschend: Der Eishockey-Oberligist aus der Wetterau hat die zweite Kontingentstelle zum offiziellen Trainingsauftakt noch nicht besetzt. »Wir haben’s nicht eilig. Wir wollen die Entwicklung abwarten; in der NHL, wo ein Streik droht; ebenso wie im Trainingslager. Dann werden wir sehen, wo wir Verstärkung benötigen«, sagt Carnevale. »Die
letzten Personalentscheidungen müssen 100-prozentig sitzen. Da habe ich von Anfang an gesagt und bleibe deshalb ganz gelassen. Die Fans sollten sich nicht verrückt machen, wenn’s da ein paar Tage länger dauert. Ich will den Erfolg doch ebenso wie die Leute auf den Tribünen.«

Kevin Napravnik, Patrick Sattler und Julian Reiss aus den eigenen Junioren werden in Duisburg den Oberliga-Kader ergänzen (die Förderlizenzspieler aus Mannheim bestreiten mit ihrem Stammverein ein Trainingslager in Schweden), zudem können zwei Gastspieler begrüßt werden. Eigengewächs Sven Schlicht (zuletzt REV Bremerhaven) darf sich empfehlen, Mitte der Woche stößt obendrein der Deutsch-Lette Eddy Rinke (zuletzt Timmendorf/51 Punkte in 18 Spielen) zum Vorspielen zur Mannschaft. Den 21-Jährigen kennt Carnevale aus dessen Saison in der nordamerikanischen OHL (Sudbury). Der Stürmer wird direkt aus dem Trainingslager eines russischen Erstligisten zum Team aus der Badestadt stoßen.

Die Eröffnungsfeier steigt am heutigen Samstag ab 17 Uhr. Für gute Stimmung sorgt die Band »3ling«. Höhepunkt des Abends ist gegen 19 Uhr die Vorstellung des Teams 2012/13 mit ihrem neuen Coach Frank Carnevale. WZ-Redakteur Michael Nicko-laus hat Carnevale wenige Stunden nach dessen Ankunft zum Interview getroffen.

Frank Carnevale, haben Sie Ihre Vertragsunterzeichnung schon bereut? Sie mussten – entgegen Ihrer Erwartung – den Kader umfassend verändern?

Carnevale (lacht): Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich nicht so schnell unterschrieben. Aber im Ernst: Wir haben den Sommer über viel Zeit und Arbeit investiert, sehr viel telefoniert und haben jetzt die Spieler, die wir haben wollten, zusammen; mit einer Ausnahme vielleicht: Wir hätten Carsten Gosdeck unter Vertrag nehmen sollen. Die Mannschaft wird in diesem Jahr sicher ein bisschen anders spielen; auch mit einer anderen Einstellung. Und es ist auch nicht entscheidend, ob wir dreimal in Folge 10:1 gewinnen. Die Mannschaft muss vielmehr lernen, mit Niederlagen umzugehen, sie muss lernen, enge, wichtige Spiele auf fremden Eis zu gewinnen. Das Vorjahr hat gezeigt, wie wichtig das ist.

Wie und wo fängt man an, einen Kader zu basteln, ohne die Spieler kennen?

Carnevale: Ich habe mir unvoreingenommen durch das Videomaterial ein Bild gemacht. Priorität hatte die Torwart-Position, weil klar war, dass uns Markus Keller verlassen würde. Defensiv haben vor allem Marc Kohl und Andre Mangold Lücken gerissen. Zwei talentierte junge Verteidiger – ich hätte beide gerne behalten. Da werden wir wohl noch reagieren müssen. Offensiv mache ich mir da weniger Gedanken. Wir haben – beispielsweise mit Daniel Oppolzer und Patrick Strauch – Spieler verpflichtet, die wissen, was man braucht, um eine Oberliga-Meisterschaft zu gewinnen.

Immer wieder wird von Ihrer Mission gesprochen, die es zu beenden gebe. Ein Teil der Fans sieht in Ihnen den sportlichen Heilsbringer. Können Sie angesichts des Budgets im Vergleich zu den Ex-DEL-Klubs Frankfurt und Kassel einer solchen Erwartungshaltung überhaupt gerecht werden?

Carnevale: Wir alle müssen mehr machen als im Vorjahr; das fängt im Marketing an, geht über Trainer, Spieler und Zuschauer. Und das braucht seine Zeit. Die Mannschaft muss sich finden, und da akzeptiere ich keinen Bullshit. Wer nicht mitzieht, der kann auf der Tribüne die Spiele anschauen, kann Hotdogs essen und Glühwein trinken. Ich bin hier, um Spaß und Erfolg zu haben. Von Spielerseite geht’s im Sommer immer nur ums Geld. Sie bekommen jetzt ihr Geld, und dann müssen sie auch eine Gegenleistung bringen, sich professionell verhalten. Ich kümmere mich ums Gewinnen, um Medien und Fans, wenn es mal nicht läuft. Sie sollen spielen, und zwar so, wie ich es sage.

Andere Mannschaften bestreiten eine mitunter deutliche länger Vorbereitung auf dem Eis.

Carnevale: Warum sollen wir sechs, acht Wochen trainieren? Das langweilt die Spieler. Okay, angesichts der vielen Neuzugänge hätte uns eine Woche mehr ganz gut getan. Aber im Grunde reicht das aus. Die Spieler kommen heute schon mit Grundlagen zum ersten Training. Das war früher anders.

Ihren Fans sind Sie als emotionaler Hardliner in Erinnerung? Sind Sie mit den Jahren ruhiger geworden?

Carnevale: Die Zeiten haben sich natürlich ein bisschen geändert. Manche Dinge kann man einfach nicht mehr machen. Aber im Grund bin ich noch derselbe und meinen Prinzipien treu. In der Kabine bin ich der Boss, und da habe ich auch keine Angst vor großen Namen.

Die Kaderzusammenstellung lässt darauf schließen, dass die Physis in diesem Jahr eine größere Rolle spielt. Wird der EC Bad Nauheim das Unterzahlspiel quasi Woche für Woche unter Wettkampfbedingungen ausreichend trainieren können?

Carnevale: Wir brauchen ein gutes Unterzahlspiel. Wir werden sicherlich aggressiver spielen als dies die Mannschaft im Vorjahr getan hat, aber mit kontrollierten Emotionen und hoffentlich ohne dumme Strafzeiten. Wobei: Ein Kampf hier und da gehört für mich dazu.

Sie haben Konstantin Firsanov unter Vertrag genommen; zu einem sehr frühen Zeitpunkt schon. Er gilt als Wandervogel, als schwieriger Spieler.

Carnevale: Ich habe mit Leuten gesprochen, die ihn kennen, denen ich vertraue, die mich überzeugt haben. Bei ihm stimmt das Preis-/Leistungsverhältnis für die Rolle, die er einnehmen soll. Wenn’s gut läuft, haben wir einen hochtalentierten Spieler, der intern aufrücken kann; wenn er nicht mitzieht, sitzt er auf der Tribüne und seine Karriere ist beendet. Er weiß, dass er spielen muss, um positiv auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem: Auch im Jahr 1999 hatten wir die sogenannten schwierigen Charaktere – und dennoch Erfolg. Wir brauchen nicht zwangsläufig Spieler, die jeden Sonntag in die Kirche gehen.

Frank Carnevale kommt zurück zum EC Bad Nauheim RT-Trainer Frank Carnevale über Reize, Pläne und Ziele

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