13. Dezember 2018, 07:30 Uhr

Eishockey-Modell

Wo Superligen längst Realität sind

Im Fußball wird gerade darüber nachgedacht: Sollten Vereine die Liga ihres Landes verlassen und in einem anderen Land mitspielen? Im Eishockey wird dieses Modell bereits praktiziert.
13. Dezember 2018, 07:30 Uhr
April 2017: Zum zweiten Mal in Folge werden die Tilburg Trappers Meister der Eishockey-Oberliga. In die DEL 2 dürfen sie dennoch nicht aufsteigen, da die Klubs dort den niederländischen Verein nicht wollen. Aus ihrer heimischen Liga waren die Trappers zuvor mangels Konkurrenz rausgegangen. (Foto: imago)

Als die Tilburg Trappers, der beste niederländische Eishockey-Verein, 2015 in die deutsche Oberliga Nord eintraten, eröffneten sie einen Biergarten. Und bestellten Bratwürste. Weil nun nicht mehr Fans aus Heerenveen, Eindhoven oder Geleen kommen würden, sondern aus dem Ruhrgebiet, aus Berlin oder Rostock. Andere Kunden, andere gastronomische und kulinarische Präferenzen. »Und für uns selbst«, sagt Gerdjan Kipping lachend, »haben wir Biergarten und Bratwürste auch eingeführt«.

Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga (DEL), ist skeptisch gegenüber einer supranationalen Liga mit Beteiligung deutscher Vereine. (Foto: dpa)
Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga (DEL), ist skeptisch gegenübe...

Kipping ist von Beruf Jura-Dozent an der Hochschule »und sicher nicht der archetypische Eishockey-Fan«, wie er sagt. Doch die Sportart, die in den Niederlanden nie eine große Rolle spielte, hat ihn seit den 1970er-Jahren und Erich Kühnhackl interessiert. Bei den Trappers, seinem Club, kaufte er meist eine Dauerkarte, auch bis 2015, als die Trappers noch in der Eredivisie spielten. Die Liga schrumpfte, bis sie sich auflöste. Die Übriggebliebenen fanden in der gemeinsam mit Belgien betriebenen BeNeLeague eine neue Heimat, Tilburg wechselte nach Deutschland. »Gegen Duisburg, Essen, Herne, das sind jetzt unsere Derbys«, sagt Gerdjan Kipping. Und weil in den Playoffs die Oberliga Nord sich mit der Oberliga Süd verzahnt, ging die Reise für die Trappers auch in die Traditionsstandorte, die Kipping in der Jugend bewundert hatte: Landshut, die Kühnhackl-Stadt, und Bad Tölz etwa.

Der Schritt in ein anderes Land ist im Eishockey nicht ungewöhnlich. Es gibt viele kleine Märkte, auf denen ein Verein oft weit über den anderen steht, sodass er sich nicht mehr richtig gefordert fühlt. Oft ist es auch so, dass man es zu den Gegnern näher hat, wenn man über die Grenze fährt. Von Tilburg aus ist man in eineinhalb Stunden im Ruhrgebiet. Auch die VEU Feldkirch, die in den 1990er-Jahren unter dem deutschen Trainer Ralph Krueger zu den besten Clubs in Europa zählte, kokettierte mit einem Wechsel von der österreichischen Liga in die deutsche oder schweizerische, denn von Vorarlberg aus war es nach Wien, Villach oder Klagenfurt eine viel weitere Reise als nach Bayern, Zürich, Kloten, Olten oder Davos. Eine Vereinspleite durchkreuzte schließlich die Pläne der Feldkircher.

Auch der EHC München hegte mal Auswanderungspläne. 2010 machte er den sportlichen Aufstieg aus der 2. Liga in die DEL perfekt, im ersten Anlauf wurde ihm jedoch die Lizenz für die höchste deutsche Spielklasse verweigert. Der EHC konnte die geforderten Sicherheitsleistungen nachreichen, doch auch seine Drohung wirkte: Die Münchner erwogen, in die Erste Bank Eishockey-Liga zu wechseln, wo Österreicher, Italiener und Slowenen spielten. Inzwischen ist München dreimal deutscher Meister geworden, der Konzern Red Bull hat den Club vollständig übernommen. Das Eishockeyprogramm der Firma basiert auf dem Prinzip, die internationale Herausforderung zu suchen. Erste und zweite Mannschaft des EC Salzburg spielen in EBEL und der ähnlich strukturierten Alps Hockey League, das Nachwuchsteam der Akademie ist in den Spielbetrieb der tschechischen Junioren-Liga eingegliedert – und beherrscht sie. Zuvor hatte man an der russischen Nachwuchsliga MHL teilgenommen.

Russland geht das Thema des länderübergreifenden Spielverkehrs anders an: Es ist nicht der kleine Verband, der sich an einen großen Partner anlehnt, sondern der Riese, der Expansionskurs eingeschlagen hat. Die Kontinental Hockey League (KHL) war einst als rein russische Liga gestartet, doch hat nach und nach auch Teams aus ehemaligen Sowjetstaaten aufgenommen und inzwischen auch Clubs aus der Slowakei, China und Finnland – mit dem Wunsch, noch Zuwachs zu bekommen.

Gernot Tripcke, der Chef der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), meint: »Offiziell sage ich dazu nichts. Nicht dass noch jemand aus Moskau vorbeikommt.« Das war im September in einer Runde mit Journalisten. Tripcke wurde dann halboffiziell, die Mikrofone liefen ja mit. Das Beispiel Jokerit Helsinki zeige, dass das Modell nicht funktioniere. Finnlands berühmtester Club hatte sich 2014 der KHL angeschlossen, weil seine Halle, die Hartwall-Arena, von Russen gekauft worden war, und weil es schließlich sportlich reizvoll schien, sich mit ZSKA Moskau und SKA St. Petersburg zu messen. Aber Jokerit ist nun zu Hause isoliert, kann kein Derby mehr gegen IFK Helsinki spielen. Die Atmosphäre rund um Jokerit: »Gehässigkeit, verschenkte Tickets.«

Von der Öffentlichkeit unbemerkt, gab es vor einigen Jahren eine Kontaktaufnahme mit der KHL aus einer deutschen Stadt: Stuttgart. Diaspora: Viele Pleiten, nie höher als 2. Liga gespielt – und auch der Deutschland Cup, der anfangs in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle stattfand, konnte den Eissport in der schwäbischen Fußballstadt nicht beleben. Doch ein wirtschaftlich bewanderter Eishockey-Enthusiast schrieb einen Businessplan und stellte ihn Alexander Medwedew, dem damaligen KHL-Präsidenten und Chef des Energieriesen Gazprom vor. Die Liga ließ sich darauf aber nicht ein.

Manchmal bleiben Türen eben geschlossen. Das müssen die Tilburg Trappers aus Holland auch gerade erfahren. Wurden sie anfangs als Bereicherung wahrgenommen, weil sie in die Oberliga Farbe und oft »eine volle Bude« (so Fan Gerdjan Kipping) mit 2500 Zuschauern in den Heimspielen einbrachten, so spüren sie nun öfter den Neid der Gegner. Denn die Niederländer sind zum stärksten Team der dritten deutschen Liga geworden. Trotz ihrer Meisterschaften durften sie nicht in die DEL 2 aufsteigen, verbauen diese Möglichkeit aber anderen Vereinen. Die Konkurrenz sagt nun: Das sind Vollprofis, das Team identisch mit der niederländischen Nationalmannschaft. Tilburg-Kenner Kipping sagt: »Die Spieler gehen alle arbeiten, die Sponsoren sind überwiegend lokal.« Es ist keine Geschichte von Geld und gekauftem Erfolg, sondern: »Die Mannschaft ist über die Jahre gewachsen, es gibt keine großen Wechsel. Ähnlich wie bei Peiting.«

Die Tilburg Trappers haben sich bei der DEL 2 vorgestellt, sie würden gerne aufsteigen. Doch die Clubs der DEL 2 sind gegen die Niederländer. Die werden sich für die kommenden Jahre eine neue Liga suchen (müssen). Eishockey-Insider tippen, es könnte die »Elite League« in Großbritannien sein. An Deutschland blieben Tilburg dann nur die Erinnerungen. An Begegnungen wie die mit den Bad Tölzern. Am Ende ihres Finales 2017 feierten die holländischen und oberbayerischen Spieler die ganze Nacht gemeinsam.

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