Groundhopping

Warum ein Wetterauer den Urlaub in Fußball-Stadien verbringt

30 Tage. 28 Fußball-Spiele. 27 Stadien. Vier Länder. Groundhopping als Sucht. Manuel Tschenscher aus Bad Nauheim hat in Südamerika den Fußball als Lebensgefühl entdeckt.
14. Januar 2018, 11:08 Uhr
Faszination Fußball: Manuel Tschenscher aus Bad Nauheim hat in Südamerika 28 Spiele in 30 Tagen gesehen; unter anderem im Maracana-Stadion in Rio. (Foto: pv)

Die Excel-Dokument umfasst nahezu 400 Zeilen. Datum, Land, die Begegnung, das Stadion und das Resultat sind aufgelistet. Der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1997. Ein UI-Cup-Spiel im französischen Montpellier findet sich in den Auszeichnungen. 358 Grounds sind seitdem hinzukommen; allein international. In 48 Ländern der Erde hat Manuel Tschenscher Fußballspiele in den höheren Ligen gesehen. In Europa, klar.

Aber auch in Afrika und kürzlich in Südamerika. 28 Spiele in 30 Tagen, bis zu drei Spiele an einem Tag, teils mit 24-stündigen Busreisen durch insgesamt vier Länder. Groundhopping extrem. »Das wird schnell zur Sucht«, sagt der 38-jährige Bad Nauheimer über seine Tour zum Ende des Jahres 2017. »Es reizt mich einfach, so viele Spiele wie möglich so kostengünstig wie möglich in eine solche Reise zu packen.«

 

Mit Interrail-Ticket durch Europa

2005 war Tschenscher das erste Mal länger unterwegs; 24 Spiele in zwölf Ländern binnen 27 Tagen; mit dem Interrail-Ticket durch Europa; bis in die Türkei. Jetzt hatte sich der gelernte Schreiner Südamerika zum Ziel genommen. Und ist begeistert: »Ich möchte auf jeden Fall noch einmal dorthin. Die Atmosphäre und der Fußball sind schon sehr speziell.« Die Finalspiele der Copa Südamericana und der Copa Libertadores, vergleichbar mit der UEFA-Champions- und der Europa League - hat er gesehen (»Spektakulär - je bedeutender das Spiel, desto größer das Feuerwerk bereits vor dem Anpfiff«).

Er war im Estadio Centenario, dem Austragungsort des WM-Finales 1930 in Uruguay, aber auch im brasilianischen Fußball-Tempel, dem Maracana-Stadion, das durch den Umbau zur WM 2014 aber an Faszination eingebüßt habe.

 

 
Fotostrecke: Faszination Groundhopping

 

Neuer Lieblingsklub aus Argentinien

Einen Lieblingsklub hat Tschenscher für sich auch entdeckt: den argentinischen Zweitligisten Quilmes. Dort haben die Fans mit Blinkfeuern für Gänsehaut-Feeling auf den Tribünen gesorgt. Ohnehin sei im Land der Gauchos die Stimmung besser als in Brasilien. In Südamerika habe er den Fußball als »ein Lebensgefühl« wahrgenommen. »Die Menschen bringen auch zu den späten Spielen am Abend die kleinen Kinder mit in den Stadien wollen einfach feiern. Das Spiel ist da manchmal fast zweitrangig.

Da wird man eben von kleinauf mit dem Fußball groß«, sagt Tschenscher, der auch mal drei Partien in einen Tag gepackt. Südamerika so ganz ohne die klassischen touristischen Höhepunkte. »Die Iguazú-Wasserfälle lagen auf dem Weg. Das habe ich mitgenommen. Sonst wäre ich wohl auch zu Hause ausgelacht werden«, sagt Tschenscher.

 

Fußball, Land und Leute

Rund 1700 Euro hat er sich das Fußball-Abenteuer Südamerika kosten lassen und nebenbei auch von Land und Leuten ein ganz neues Bild gewinnen können. Als »zurückhaltend, freundlich und hilfsbereit« beschreibt der Globetrotter die Südamerikaner. Irgendwann - das stehe fest - wolle er wieder dorthin. Bolivien, Chile - zu entdecken gebe es schließlich reichlich.

Eine Reise ohne Fußball-Stadion ist für Tschenscher undenkbar. Er erzählt beispielsweise von einem Urlaub in Marokko; einer Gruppen-Rundreise, in der schon mal auf eigene Faust einen Abend im Stadion verbracht und der Gruppe anschließend hinterhergereist sei. Eine verständnisvolle Partnerin sei Voraussetzung für solche Unternehmungen - und die habe er.

 

Exotische Länder mit Atmosphäre

Als Fan des 1. FC Köln war Tschenscher Ende der 90er-Jahre in die Szene gerutscht. Mehrere Spielzeiten lang hatte er die Domstädter auf deren Weg durch die deutschen Stadien begleitet; und dafür seine eigene fußballerische »Laufbahn« aufgegeben. Im Nachwuchs der JSG Assenheim/Bruchenbrücken hatte er bis zur A-Jugend das Tor gehütet - und den damaligen FC-Keeper Bodo Illgner als Vorbild. Heute zieht es Tschenscher nicht mehr in die Bundesliga (»Zu viel Kommerz. Das ist in Südamerika noch ganz anders und ursprünglich«), sondern auf die Sportplätze und die Hallen in der Region.

Länderspiele finden sich in seiner langen Liste auch deshalb lediglich zwei. Dafür stechen Exoten heraus. In Andorra war er beispielsweise, aber auch in San Marino oder auf den Färöer Inseln. Im Vordergrund stehe stets die Atmosphäre, die Fankultur. Die Eintrittskarten zahlreicher Spiele hat er aufbewahrt, Fanartikel und Souvenirs bringe er nur selten mit.

Seine große Leidenschaft neben dem Groundhopping ist das Laufen. Im Trikot des ASC Marathon Friedberg erreichte er Rang drei der Oberhessen-Cup-Serie im vergangenen Jahr, die Teilnahme am Ultramarathon in Biel, einem 100-Kilometer-Lauf, hat er ins Auge gefasst. Und auf einer solchen Distanz bleibt sicher reichlich Zeit, um neue Reisepläne zu schmieden.

Groundhopping

Grounds und Länderpunkte

Die Idee, Groundhopping organisiert zu betreiben, hatte der Brite Geoff Rose 1974. In der Fußballzeitschrift Football League Review schlug er vor, für Fans, die alle 92 Stadien der vier englischen Profiligen besucht hatten, eine spezielle Krawatte zu produzieren. Der 92-Club wurde dann vier Jahre später, am 2. September 1978, gegründet. Außerhalb Englands hat sich die Bewegung seit den 1990er Jahren vor allem in Deutschland entwickelt. Für viele Fans war die Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien der Anlass, erstmals Spiele im Ausland zu besuchen. Die Vereinigung der Groundhopper Deutschlands (V.d.G.D.) wurde 1993 gegründet. Wer Mitglied werden wollte, musste in den ersten Jahren 100 Stadien in zehn Ländern (Länderpunkte) besucht haben und mindestens 16 Jahre alt sein. 2003 wurden die Regeln verschärft: So muss man jetzt 300 Stadien in 30 Ländern vorweisen. (Quelle: Wikipedia)

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