WM-Aus

Nach dem WM-Aus: Das sagt ein Wetterauer Nationalmannschaftsfan

Es wurde geschimpft und gehadert mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Doch wie sehen eigentlich die Fans in Russland die Lage? Wir haben mit einem Wetterauer darüber gesprochen.
07. Juli 2018, 16:00 Uhr
Sandro Beutnagel (r.) war gleich zweimal in Russland, um die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM anzufeuern – hier mit Kumpel Marco Walther nach dem 2:1-Sieg gegen Schweden. Beutnagel will die DFB-Elf auch nach dem Vorrunden-Aus weiter unterstützen, sieht aber auch Probleme an der Basis. (Foto: privat)

Gleich zweimal hat sich Sandro Beutnagel auf das Abenteuer Fußball-WM eingelassen. Für die Vorrunde flog er bereits für gut eine Woche nach Russland, fürs Achtelfinale packte er wenige Tage nach seiner Rückkehr wieder die Koffer. Der 33-Jährige Steinfurther ist Mitglied des offiziellen Fan-Clubs Nationalmannschaft und gerade mit Kumpel René Beuler im WM-Gastgeberland unterwegs. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie die deutschen Fulballfans vor Ort das Vorrunden-Aus von Neuer, Özil & Co. wahrgenommen haben, wie sie zur Trainerfrage stehen, und was sie von der Kritik am Umgang des DFB mit der WM halten.

Die Stimmung in der deutschen Öffentlichkeit ist nach dem Vorrunden-Aus schlecht. Wie haben Sie das vor Ort unter den deutschen Fans erlebt?

Sandro Beutnagel: Hier waren zunächst natürlich auch alle maßlos enttäuscht, und der Schock saß bei den Meisten sehr tief. Wir haben uns ja alle seit langer Zeit auf die WM gefreut und die Erwartungshaltung ist als deutscher Fan sowieso grundsätzlich riesig. Umso größer war dann die Enttäuschung. Ich habe einige deutsche Fans getroffen, die ihre Tickets für die K.O.-Phase wieder verkauft haben und nach Hause geflogen sind.

Jogi Löw will trotz des frühen Ausscheidens seiner Mannschaft weitermachen. Wie sieht diesbezüglich das Stimmungsbarometer bei Ihnen und den deutschen Fans in Russland aus?

Beutnagel: Ich bin da zwiegespalten. Auf der einen Seite ist es für mich sehr schwer einzuschätzen, inwieweit der Bundestrainer die Spieler noch erreicht und ihnen nach zwölf Jahren noch neue Impulse geben kann. Andererseits war es nun wirklich das erste erfolglose Turnier seiner Amtszeit. Meiner Meinung nach hat die Mannschaft nach wie vor eine herausragende Qualität, die sie jetzt in den nächsten Monaten unbedingt abrufen muss, damit die Trainerdiskussion aufhört. Der DFB und Löw haben eine Entscheidung getroffen und ich würde mir wünschen, dass man diese nun als Fan mitträgt, und die Mannschaft noch stärker unterstützt. Im Fan-Camp und bei den deutschen Fans hier in Russland wurde das Weitermachen von Löw aber überwiegend kritisch beurteilt.

Ich denke, die Enttäuschung über das frühe Ausscheiden und die Art und Weise, wie es dazu kam, haben bei vielen dazu geführt, jetzt alles infrage zu stellen

Sandro Beutnagel

Auch am Marketing des DFB rund um die Slogans »zsmmn« und »Die Mannschaft wird zurzeit heftige Kritik geübt. Wie sind hierzu Ihre Eindrücke?

Beutnagel: Im Fan-Camp ist das Motto »zsmmn« allgegenwärtig. Das war hier aber überhaupt kein Thema. In den sozialen Netzwerken habe ich auch gelesen, dass die fehlenden Vokale nun das angeblich fehlende Herz der Nationalmannschaft darstellen sollen. Solche Verknüpfungen finde ich ehrlich gesagt ziemlich weit hergeholt. Natürlich muss man aufpassen, dass man den Marketing-Bogen nicht überspannt. Ich denke, die Enttäuschung über das frühe Ausscheiden und die Art und Weise, wie es dazu kam, haben bei vielen dazu geführt, jetzt alles infrage zu stellen. Ich persönlich fühle mich aber unabhängig vom DFB-Marketing nach wie vor als Fan und nicht als Kunde.

Wie war der Umgang mit den Anhängern der DFB-Elf vor Ort im Fan-Camp?

Beutnagel: Der Umgang mit den Fans im Camp war wirklich herausragend. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Fanclub-Mitarbeiter, die übrigens von der Bad Nauheimer Agentur W-Com gestellt wurden, waren super. Alles war perfekt organisiert. Hier stand wirklich der Fan im Vordergrund.

Wenn Sie die Fans anderer Nationen anschauen: Wie ist das Verhältnis zu deren Nationalteams?

Beutnagel: Ich habe unzählige Fans aus allen Nationen getroffen, aber nie gehört, dass andere Länder eine komplette Rundum-Betreuung anbieten. Vorgestern habe ich in St. Petersburg mit einem Schweizer gesprochen, dessen Gruppe von Genf 60 Stunden mit dem Zug angereist ist, weil es keine Betreuung und keine Flüge mehr von der Schweiz aus gab. Die Südamerikaner verdienen durchschnittlich mit Sicherheit weniger Geld als wir, und ein Flugticket kostet ein Vielfaches von dem, was wir von Deutschland nach Moskau zahlen. Dennoch sind diese Fans hier zu Zehntausenden vertreten, tragen mit Stolz und Inbrunst ihre Nationalfarben und feuern ihre Mannschaft lautstark in den Stadien und auf den Fanfesten an. Selbst die Peruaner oder Mexikaner, die bereits ausgeschieden sind, tragen weiterhin ihre Trikots und stehen zu ihrem Land. Die Deutschen trifft man mittlerweile dagegen eher in zivil. Da können wir uns also noch viel abschauen.

Ich bin großer Fan von Eintracht Frankfurt, aber ein noch größerer von unserer Nationalmannschaft. Ich glaube aber, diese Einstellung ist in meinem Alter eher die Ausnahme

Sandro Beutnagel

Hat das Abschneiden in Russland Ihre Einstellung zum Fan-Club verändert?

Beutnagel: Man musste Mitglied im Fan-Club Nationalmannschaft werden, um überhaupt Chancen auf WM-Tickets zu haben. Das war meine Kumpels René Beuler, Marco Walther und mich anfangs ein relativ fragwürdiges Konstrukt, weil mir gar nicht klar war, was ich von der Mitgliedschaft noch habe. Nachdem ich hier aber super betreut wurde, werde ich Mitglied bleiben und hoffe, dass ich auch junge Fans dafür begeistern kann. Es wäre super, wenn sich eine Fanbase wie im Vereinsfußball etablieren würde, um die Stimmung in den Stadien zu verbessern.

Was sind langfristige Veränderungen, die Sie rund um die deutsche Nationalmannschaft für nötig erachten?

Beutnagel: Der DFB wäre gut beraten, verstärkt jüngere Fans anzusprechen und erschwingliche Angebote zu Heim- und Auswärtsspielen zu schaffen. Man sollte die Profivereine mit ins Boot holen und versuchen, die Vereinsfans auch zu Fans unserer Nationalmannschaft zu machen. Ich bin großer Fan von Eintracht Frankfurt, aber ein noch größerer von unserer Nationalmannschaft. Ich glaube aber, diese Einstellung ist in meinem Alter eher die Ausnahme. Und auch im Fan-Camp übersteigt das Durchschnittsalter mich um ein paar Jahrzehnte. Das ist für den Verband eine mittlere Katastrophe.

Werden Sie auch in Zukunft die Spiele der DFB-Elf live im Stadion ansehen?

Beutnagel: Auf jeden Fall. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es sich bei diesem Turnier um einen einmaligen Ausrutscher gehandelt hat. Jetzt gilt es, erst recht Flagge zu zeigen und auch nach einem Misserfolg zusammenzustehen.

Info

Stichwort: Fan-Club Nationalmannschaft

Der Fanclub Nationalmannschaft wurde am 29. März 2003 in Kooperation mit dem »Premiumpartner« Coca Cola gegründet. Die Mitglieder können wie bei der aktuellen Fußball-WM in Russland etwa über den offiziellen Club Eintrittskarten zu Länderspielen während der Vorverkaufsphasen erwerben. Außerdem gibt es Gewinnspiele wie ein Treffen mit Nationalspielern, zudem organisiert der Fanclub Choreographien in den Stadien. Es gibt regionale Betreuer, die Reisen zu Länderspielen oder Fantreffen organisieren. Der Posten für Hessen ist derzeit allerdings vakant. Inzwischen hat der Club über 50 000 Mitglieder.

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