Neuland

Nach dem Aufstieg von Türk Gücü Friedberg: Erfolgsfaktoren und Einzelkritik

Türk Gücü Friedberg hat zum 30-jährigen Bestehen die erfolgreichste Saison der Klubgeschichte abgeschlossen. - Die Hintergründe, Erfolgsfaktoren und die Einzelkritik.
11. Juni 2018, 07:00 Uhr
Am Ziel: Türk Gücü Friedberg hat sich als erster türkischer Klub für die Fußball-Hessenliga qualifiziert. 1300 Zuschauer in Ober-Rosbach sahen den abschließenden und entscheidenden 2:1-Erfolg gegen den FSV Fernwald. (Foto: Froese)

Mit den Trainern Mustafa Fil und Gültekin Cagritekin auf der Kommandobrücke zählten die bereits seit drei Jahren auf dem Sportfeld Eisenkrain in Ober-Rosbach spielenden Kreisstädter auf der Verbandsliga-Bühne zwar vorab zum Kreis der Favoriten, doch Wunsch und Wirklichkeit in Einklang zubringen, ist bekanntlich keine einfache Sache und erweist sich für viele Vereine als aussichtsloses Unterfangen. Türk Gücü Friedberg hat bewiesen, dass Vorschusslorbeeren zuweilen angebracht sein können. »Der Aufstieg ins hessische Fußball-Oberhaus war gewiss nicht planbar und zunächst allenfalls eine verlockende Vision«, sagt Gökhan Satir. Als Sportlicher Leiter oblag es ihm und seinem Mitstreiter Sinan Karanfil, hinter den Kulissen Weichenstellung zu betreiben, »und mit fortschreitender Saisondauer wurde uns klar, es könnte klappen.«

Zwischen Hoffen und Bangen

Obwohl der Saisonmonat August aus fünf Partien vier Siege brachte, unter anderem gegen den Titel-Rivalen FV Bad Vilbel (3:0), dauerte es eine ganze Weile, ehe der Türk Gücü-Express so richtig ins Rollen kam. »Seinerzeit lag die Team-Qualität trotz vieler Erfolge noch lange nicht auf Top-Niveau«, erinnert sich Coach Fil an unzählige Trainingseinheiten, in denen am Feinschliff gearbeitet werden musste. Der September verlief niederschmetternd: Nur ein Dreier (gegen Vatanspor Bad Homburg), aber drei Niederlagen.

Initialzündung

Ausgerechnet die letzte dieser drei September-Pleiten, die 1:3-Heimniederlage gegen den SC 1960 Hanau, habe, so der TG-Übungsleiter, jedoch entscheidende Fortschritte erkennen lassen, »denn in dieser Begegnung hat die Mannschaft erstmals den von uns ausgegebenen Matchplan hundertprozentig umgesetzt.« Klingt merkwürdig, scheint aber tatsächlich so gewesen zu sein, zumal die Friedberger ab Anfang Oktober (4:2-Sieg in Alsbach) bis zum vierten März (6:0-Triumph bei Sandzak Frankfurt) aus zwölf Spielen 32 von 36 möglichen Zählern holten. Als Resultat dieses rasanten Zwischenspurts stand fest: Auf Position zwei rangierend, war zumindest die Aufstiegsrelegation in greifbare Nähe gerückt.

Dessen sicher habe man nach Meinung von Gökhan Satir allerdings erst Ende März sein können, nach dem 2:0-Erfolg beim Rangdritten FC Hanau 93: »Plötzlich lag sogar der ein wenig außer Tritt geratene Spitzenreiter FV Bad Vilbel in Reichweite.« Trotz zwischenzeitlicher Tabellenführung gelang es allerdings nicht, die Brunnenstädter abzufangen. Ursache dafür waren die Mai-Niederlagen gegen Germania Ober-Roden und Rot-Weiß Darmstadt, die das mit 1:0 gewonnene Finalduell gegen den Wetterauer Titel-Konkurrenten zu einer bedeutungslosen Angelegenheit degradierten.

 

Statistische Highlights

Nicht weniger als 95 Türk Gücü-Tore waren in der Verbandsliga Süd einsame Spitze, wobei den Friedbergern in lediglich drei der 32 Spiele ein eigener Treffer versagt blieb. In elf Begegnungen trafen sie viermal oder mehr ins Schwarze. Elf Spiele ohne Gegentor dokumentieren jede Menge Abwehr-Stabilität.

Meister FV Bad Vilbel (3:0/1:0) wurde ebenso wie neun weitere Vereine zweimal bezwungen, nichts zu gewinnen gab’s für den künftigen Hessenligisten lediglich gegen die Usinger TSG (zweimal 1:2) und gegen den SC 1960 Hanau (1:3/2:3). Die besten Saisonspiele? »Das Vorrunden-3:1 gegen Sandzak, der 1:0-Sieg Ende November mit einer stark ersatzgeschwächten Mannschaft in Wald-Michelbach sowie der 2:0-Erfolg Ende März beim FC Hanau 93«, meint Gökhan Satir. »Auch der 6:0-Rückrundensieg bei Sandzak Frankfurt war ein sehr gelungener Auftritt«, ergänzt Mustafa Fil. Komplett versagt habe die Mannschaft nur einmal: »Und zwar Mitte Mai, als wir bei Rot-Weiß Darmstadt nach einer indiskutablen Vorstellung mit 2:4 die Segel streichen mussten.«

Das Umfeld

Türk Gücü Friedberg setzt mit dem 42-jährigen Mustafa Fil und dem ein Jahr älteren Gültekin Cagritekin auf zwei Trainer, die sich aus gemeinsamen Zeiten in Kesselstadt, Kalbach und Oberrad nicht nur bestens kennen, sondern geradezu ideal ergänzen. Fil als zuweilen nicht zu überhörender Heißsporn, Cagritekin als eher ruhig und sachlich bleibender Gegenpol – das passt. Weitere wichtige Funktionsträger sind Gökhan Satir und Sinan Karanfil in der sportlichen Leitung sowie Sercan Kaplan (Spielausschuss). Nicht zu vergessen Klubchef Ramazan Kaplan, ohne den der sportliche Höhenflug kaum möglich gewesen wäre.

Ausblick

Mustafa Fil ist Realist und weiß aus eigener Erfahrung als damaliger Coach in Oberrad: »Die Hessenliga bietet robustere Mannschaften, höheres Tempo und in der Spitze mehr technische Qualität.« Auf ihn, Trainerpartner Cagritekin und Gökhan Satir, der die Verhandlungen mit möglichen neuen Spielern führt, wartet demnach viel Arbeit, um in sportlich anspruchsvollerer Umgebung ausreichend Paroli bieten zu können: »Ich denke, in der aktuellen Besetzung wäre unser Kader Hessenliga-Anforderungen durchaus gewachsen. Dies zu beweisen, geht aber nicht, denn einige Spieler werden uns verlassen«, verrät Satir.

Personelle Ergänzungen sind beim Aufsteiger sozusagen Pflicht. In drei Fällen kann man bereits Vollzug melden: Semun Biber (22 Jahre/Abwehr) kommt von Viktoria Nidda, Luca Grölz (19/Innenverteidiger) vom Oberligisten Sportfreunde Siegen und Ertugrul Erdogan (23/Mittelfeld-Allrounder) vom Mitte-Verbandsligisten SV Zeilsheim.

Die Aufsteiger

Die Einzelkritik

Kamber Koc: 33 Jahre. Torwart. Profi-Einstellung, immer im Training. War nahezu durchgehend die Nummer eins. Wird den Verein verlassen; möglicherweise in Richtung Türkischer SV Bad Nauheim.

Vladan Grbovic: 21 Jahre. Torwart mit großer Perspektive. Stand in der Rückrunde gegen Usingen, Sandzak und Bad Vilbel sowie im Kreispokalfinale und in den entscheidenden Relegationsspielen gegen Sand und Fernwald zwischen den Pfosten seinen Mann. Hat seinen Vertrag verlängert.

Sebastian Weigand: 27 Jahre. Abwehrchef im Zentrum. Überragendes Zweikampfverhalten, kopfballstark. Bei Eckbällen immer im gegnerischen Strafraum zu finden.

Kevin Bassey Effiong: 24 Jahre. In der Defensive auf der rechten Außenbahn eine Bank. Führungsspieler. Hohe Dynamik, gute Technik. Steht dem Klub aus beruflichen Gründen nicht mehr zur Verfügung.

Selim Aljusevic: 33 Jahre. Wechselte im Lauf der Saison mit durchschlagender Wirkung aus dem zentralen Mittelfeld auf die linke Abwehrseite. Vorzügliche Ballbehandlung, immer für überraschende Ideen gut. Stütze des Teams.

Jonatan Tesfaldet: 27 Jahre. Durchgehend die Nummer sechs im Mittelfeld. Sehr laufstark, hohe technische Fertigkeiten. Unverzichtbares Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff.

Alit Usic: 28 Jahre. Allrounder, der links defensiv oder offensiv Akzente zu setzen verstand. Vollgas-Fußballer. Mental immer bis unter die Haarspitzen motiviert. Steigerte sich während der Saison ganz enorm. Sieben Saisontore.

Sergen Bayraktar: 21 Jahre. Kam nach langer Verletzungspause ab März immer besser zur Geltung und erfüllte im Mittelfeld wichtige Aufgaben. Eher unauffällige Spielweise, jedoch hohe Effizienz. Hat bereits verlängert.

Adam El Maimouni: 21 Jahre. Im linken Mittelfeld phasenweise von Beginn an dabei. Pfeilschnell. Wusste zuweilen mit spektakulären Flankenläufen zu gefallen. Talent mit guter Perspektive.

Florian Decise: 30 Jahre. Spielmacher und Kapitän. Kopf der Mannschaft. Ideengeber, der auch in der Hessenliga brillieren möchte und zudem vom Toreschießen eine ganze Menge versteht. Elf Saisontreffer.

Betim Mezimi: 25 Jahre. War speziell in der Vorrunde zusammen mit Decise im zentralen Mittelfeld für den Spielaufbau verantwortlich. Lieblingsspieler von Trainer Mustafa Fil. Kam seit April verletzungsbedingt nicht mehr zum Einsatz und wechselt zum Verbandsligisten FC Hanau 93.

Abdussamed Gürsoy: 21 Jahre. Stürmer. Dribbelkünstler, der vorne auf allen Positionen zu überzeugen vermochte. Erzielte im entscheidenden Relegationsspiel gegen Fernwald die Führung und wird auch in der Hessenliga eine wichtige Rolle spielen. Neun Saisontore.

Massé Bell Bell: 24 Jahre. Stürmer. Willensstark, schneller Antritt. Für den Gegner nur schwer auszurechnen und deshalb stets ein unangenehmer Störfaktor. Elf Saisontore.

Vuk Toskovic: 23 Jahre. Kam in der Winterpause vom Hessenliga-Absteiger FSV Steinbach und fand sich auf Anhieb gut zurecht. Vorne mit dem Blick für den besser postierten Mitspieler viel unterwegs, aber noch ohne eigenen Treffer im TG-Dress.

Luki Matondo: 20 Jahre. Stürmer. Im Angriff eigentlich nur die Nummer fünf. Wuchtige Spielweise. War, wenn er spielte, immer für ein Tor gut. Vier Saisontreffer.

Baris Özdemir: 25 Jahre. Stürmer. 27 »Buden«, die dem vorwiegend über die linke Seite kommenden Torjäger vergönnt waren, sprechen für sich. Tolle Schusstechnik. Spielte jedoch in den Aufstiegsduellen keine Rolle mehr. Seine Entscheidung, zunächst bei Türk Gücü Friedberg zu verlängern und später beim SC 1960 Hanau ohne Wissen der Klubverantwortlichen zu unterschreiben, verursachte Kopfschütteln. Ein Beispiel dafür, wie es nicht gemacht werden sollte.

Ernad Dananovic: 26 Jahre. Abwehrspieler mit der Fähigkeit, auch im defensiven Mittelfeld über genügend Qualität zu verfügen. Ausgesprochen positive Einstellung, obwohl er nur selten zur Start-Elf zählte.

Mohamed Boulahfa: 25 Jahre. Ob im Mittelfeld oder in der Defensive: Gelegenheiten, sich dort zu profilieren, gab es zur Genüge, doch zum Stammspieler reichte es nicht. Er verlässt den Verein.

Fnan Tewelde: 30 Jahre. Galt hinten links mit sicherem Stellungsspiel lange Zeit als feste Größe. Spielte jedoch ab Anfang April laut offizieller Erklärung aus beruflichen Gründen keine Rolle mehr.

Daniel Raczek: 19 Jahre. Mittelfeldspieler. Gelegentliche Einsätze im letzten Saisondrittel zeigten, dass mit ihm zu rechnen ist. Das Problem sind sechs Monate Ausland-Aufenthalt. Der talentierte Youngster fehlt bis zum Jahresende.

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