08. November 2018, 07:00 Uhr

EC Bad Nauheim

EC Bad Nauheim: Pfiat Di, Harry Lange

Harry Lange hat seine aktive Laufbahn beendet. Vor seinem Abschiedsspiel spricht der 34-Jährige in einem zweiteiligen Interview über seinen neuen Job und den Titelgewinn 2013.
08. November 2018, 07:00 Uhr
Ehrenrunde: Harry Lange zählt in Bad Nauheim zu den Lieblingen der Fans. (Foto: A. Chuc (https://chuc.de))

EC Bad Nauheim


Am 23. März war Schluss. Nach 18 Profi-Spielzeiten. Nach fast 1 000 Partien und nach sechs Jahren im Trikot des EC Bad Nauheim. Harry Lange hat nach dem Playoff-Spiel der Roten Teufel in Kaufbeuren seine Karriere beendet und sammelt nun als Co-Trainer Erfahrungen auf der anderen Seite der Bande. Im zweiteiligen Interview zu seinem Abschiedsspiel am Samstag spricht Lange über den Wechsel der Perspektive und jenen Tag, der die Region in Ekstase versetzt hatte.

Auf dem Eis immer ein Vorbild: Harry Lange
Auf dem Eis immer ein Vorbild: Harry Lange

Eigentlich wollte er gar nicht kommen; und lange bleiben schon gar nicht. Überredungskunst hatte es gebraucht; damals im Sommer 2012. Nach 571 Spielen und zwei Meistertiteln in der höchsten österreichischen Liga wollte Lange etwas anders sehen. Das halbjährige Intermezzo in Dresden hatte ihn nicht glücklich gemacht. Die sportliche Zukunft war ungewiss. Lange hatte sich dann aber doch von Bad Nauheim überzeugen lassen. Frank Carnevale, sein Trainer, und Patrick Strauch, sein Teamkollege, hatten auf ihn eingeredet.

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In der Wetterau ist Lange über die Jahre hinweg zum Sympathieträger geworden. Ein echter Typ eben, geradeaus. Mit den Roten Teufeln hat er die Oberliga-Meisterschaft gewonnen und in den folgenden fünf Jahren etwas Einmaliges geschaffen. Nicht ein einziges der 290 Hauptrunden-, Playoff- und Playdown-Spiele des EC Bad Nauheim hat er verpasst. »Klug war das nicht immer«, sagt Lange.

Ich habe psychologischen Rat eingeholt

Harry Lange

In Teil eins spricht Lange über seine neue Rolle, über Charaktere im Kader und erzählt offen, warum er sich psychologischen Rat geholt hat. Im zweiten Teil lesen Sie am Freitag vom Weg zum Titel 2013, einem Talismann und einen Brauch, den der gebürtige Österreicher aus der Heimat nicht kennt.

Seitenwechsel: Harry Lange assistiert Christof Kreutzer nun an der Bande.
Seitenwechsel: Harry Lange assistiert Christof Kreutzer nun an der Bande.

Harry Lange, Sie sind heute 34 Jahre alt und haben zuletzt Ihre wohl beste Saison in Bad Nauheim gespielt. Wie stehen Sie heute zur Entscheidung, die Laufbahn beendet zu haben?

Harry Lange: Das kam ja nicht von heute auf morgen. Der Prozess ging über zwei, drei Jahre. Was will ich machen, wenn ich nicht mehr spiele? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Eines stand für mich immer fest: Ich alleine entscheide, wann ich aufhöre! Und der Verein hat mir die Entscheidung letztlich auch überlassen. Ich habe mich wirklich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, Szenarien durchgespielt und auch psychologischen Rat eingeholt, weil ich weiß, dass viele Spieler damit Probleme haben. Im Dezember habe ich entschieden, aufzuhören. Es gab Anfragen, als Trainer zu arbeiten. Ich wollte gerne bleiben; als Co-Trainer. Ob das funktioniert, konnte mir damals niemand sagen. Heute, rückblickend, kann ich sagen: Die Entscheidung war absolut richtig. Ich möchte hier lernen und einem erfahrenen Coach über die Schulter schauen.

In einer Profi-Karriere ist die Kabine quasi das Wohnzimmer der Spieler, die diese Atmosphäre nach dem Ende der Laufbahn vermissen. Inwiefern hat Ihnen die Co-Trainer-Position diesbezüglich den Absprung erleichtert?

Lange: Vielleicht ist es einfacher, nicht komplett weg zu sein. Aber man ist als Trainer auch nicht mehr mittendrin, wie man es war. Ich kann jetzt nicht dienstagsabends mal mit ein paar Jungs ein Bier trinken gehen. Ich sehe mich aber als gewisses Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer und kann hineinhören. Es ist ein schmaler Grat, Abstand zu finden und dennoch eine gewisse Nähe zu haben.

Immer wieder hört man den Rat, zu spielen, solange es möglich ist.

Lange: Ja, das kann ich nachvollziehen. Aber: Ich war immer einer, der alles gegeben hat. Und wenn ich weiß, dass dies nicht mehr geht, dass ich nur noch 80 Prozent bringen kann, dann kann ich nicht in den Spiegel schauen. Ich hätte sicher auch irgendwann in die Oberliga gehen können. Aber das hätte mich nicht glücklich gemacht. Mich kennt hier keiner aus meiner Zeit in Österreich. Da war ich auch ein anderer. So, wie es jetzt ist, ist es gut.

Mich wird es auch irgendwann woanders hin verschlagen. Es sei denn, ich werde der Arsene Wenger vom EC Bad Nauheim

Harry Lange

Wie gelingt der Schritt vom Mitspieler zum Co-Trainer? Sie haben mit den meisten schließlich selbst noch gespielt; teils über mehrere Jahre.

Lange: Über diese Frage habe ich am meisten gegrübelt. Ich denke, das hat am Ende auch sehr viel mit Respekt zu tun. Und dieser muss von beiden Seiten kommen. Mir hat es sicherlich geholfen, dass ich als Spieler eine gewisse Respektsperson war und mir schon zur aktiven Zeit zugehört wurde. Letztlich hat das aber auch sehr viel mit Christof Kreutzer zu tun. Ich behaupte mal, dass kein Blatt zwischen uns passt. Es ist wichtig, dass die Spieler merken, dass der Trainer mir vertraut.

Sie haben in vielen Interviews Ihre Heimatliebe zum Wörthersee beschrieben. Jetzt sind Sie im siebten Jahr in Bad Nauheim. Ist’s am Großen Teich im Kurpark denn genauso schön?

Lange: Ich fühle mich in Bad Nauheim sehr, sehr wohl. Ein Wandervorgel war ich aber ohnehin nie. Mit 20 Jahren habe ich Klagenfurt verlassen und war anschließend siebeneinhalb Jahre in Graz. Das war eine schöne Zeit, ich war im richtigen Alter. Klagenfurt ist aber einfach meine Heimat, und die vermisse ich schon. Fakt ist: Mich wird es auch irgendwann woanders hin verschlagen. Es sei denn, ich werde der Arsene Wenger vom EC Bad Nauheim.

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Lange: Das Eishockey betreffend bin ich mit mir absolut im Reinen. Wichtig war, die Frage zu beantworten, ob ich nach der aktiven Zeit etwas finde, dass ich mit der gleichen Leidenschaft angehe wie während meiner fast 30 Jahre als Spieler. Ich weiß, dass ein Leben als Profi endlich ist. Aufstehen, trainieren - tun und lassen, was man mag. Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Leben danach, vor einem geregelten Ablauf. 7 Uhr aufstehen, 17 Uhr Feierabend. Ich habe Sportmanagement studiert und will im im Sommer den A-Schein machen. Ein Leben als Trainer unterscheidet sich zum Leben als Spieler. Da kommst du aus dem Sommer, bekommst einen Zettel auf dem Uhrzeiten stehen, setzt den Helm auf und das war’s. Die Unterschiede sind schon brutal.

Ein neues Stadion allein kann einen Standort nicht retten. Aber es wäre ein Segen für alle, die Eishockey in Bad Nauheim fördern wollen

Harry Lange

Sie haben Ihre Meinung immer vertreten; nach innen wie nach außen. Sterben solche Typen im Profisport langsam aus?

Lange: Einerseits wird nach solche Spielern gesucht, andererseits will man sie dann doch oft lieber nicht in der eigenen Kabine haben. Ich finde es richtig, seine Meinung zu sagen, sofern man sie begründen kann. Da ist der eine eher sachlich, ein andere eben eher emotional. Wichtig ist doch, was vermittelt werden soll. Ich bin seit 2012 hier und kann behaupten, dass ich mit sehr viel mehr Herz als andere an der Sache hänge. Ja, ich musste oft zum Rapport antanzen - aber ich bin gehört worden. Dadurch hat sich vielleicht nicht gleich etwas verändert, aber vielleicht ist auch irgendwas davon hängengeblieben.

Sie sind über den Profi- und den Nachwuchsbereich bundesweit sehr gut vernetzt, kennen die Strukturen an anderen Standorten. Welche Zukunft hat der Eissport mit dem Colonel-Knight-Stadion?

Lange: Keine. Ich verstehe, dass viele Erinnerungen, teils aus der Kindheit dranhängen. Aber die Zeiten ändern sich; wie in allen Bereichen des Lebens. Man muss doch nur einmal schauen, welche Städte in der Oberliga quasi in den Startlöchern stehen und welche Möglichkeiten diese Standorte haben. Rosenheim, Landshut, Ex-DEL-Standorte mit Tradition, geschlossene Stadien, zwei Eisflächen mit ganz anderen Optionen in der Nachwuchsarbeit. Dazu gibt’s Klubs in anderen finanziellen Möglichkeiten, wenn dies gewollt ist. Hamburg oder Hannover beispielsweise. Es gibt sicherlich sieben oder acht Klubs, die - wenn sie aufsteigen - sofort einen höheren Etat als der EC Bad Nauheim hätten. Natürlich: Ein neues Stadion allein kann einen Standort nicht retten. Aber es wäre ein Segen für alle, die Eishockey in Bad Nauheim fördern wollen.

Info

Harry Lange über...

...sein verrücktestes Spiel: Mit Bad Nauheim in der ersten DEL2-Saison zu Hause gegen Bietigheim. Wir haben 0:3 und 2:5 zurückgelegen und am Ende durch ein Tor von Matt Beca in der Overtime gewonnen.
...seinen emotionalsten Moment: Die Oberliga-Meisterschaft.
...sein Tor, das für immer hängenbleibt: Das war für Graz im Derby gegen Klagenfurt. Torhüter war Danny Cloutier, der aufgrund des NHL-Lookouts für Klagenfurt gespielt hatte. Gegen ihn habe ich getroffen.
...seinen unbequemsten Gegenspieler: Da muss ich zwei Namen nennen: Benoit Gratton und Pat Lebeau. Gratton konnte einfach alles, war unglaublich offensivstark. Einer der besten Mittelstürmer, gegen den ich gespielt habe. Und Lebeau hat man auf dem Eis eigentlich nie gesehen, und am Ende hatte er mit drei Toren und zwei Assists das Spiel entschieden.

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