06. Juli 2018, 16:00 Uhr

Talente

Warum es so wenige Gießener Bundesliga-Stars gibt

Jahr für Jahr wechseln viele heimische Jugendfußballer zu Profivereinen. Wir erklären zusammen mit Ex-Profis, warum trotzdem fast nie jemand in der Bundesliga ankommt.
06. Juli 2018, 16:00 Uhr
Potenzielle künftige Superstars oder schlicht junge Sportler, die etwas talentierter als andere sind? Der Grat bei den C-Junioren der TSG Wieseck ist schmal. (Foto: Friedrich)

Wer ist in dieser Saison aus der Region zu Profivereinen gewechselt?

Sechs Spieler verließen die TSG Wieseck in diesem Sommer in Richtung Profiverein, darunter die vier heimischen Merlin Schlosser (Alsfeld, Jahrgang 2002, Borussia Mönchengladbach), Nam Luc (Lich, 2002, VfL Bochum), Linus Ebert (Alsfeld, 2004, TSG Hoffenheim) und Donart Kamberaj (Gießen, 2007, Eintracht Frankfurt). Das ist ein normaler Schnitt, im Jahr 2016 waren es beispielsweise sogar zehn Akteure aus Wieseck, die in Nachwuchsleistungszentren (NLZ) von Erst- oder Zweitligisten gewechselt sind. Trotzdem schafft es von der Vielzahl der Kandidaten nur ganz selten jemand bis in die Bundesliga.

Womit ist diese Diskrepanz letztlich zu erklären?
In den deutschen Nachwuchsakademien gibt es immer mehr Internatsplätze, bei RB Leipzig ganze 80! Die müssen gefüllt werden. »Früher hat man eher nur unsere Superstars geholt, heute auch die Nummer vier und fünf«, sagt TSG-Jugendleiter Deniz Solmaz. So wechseln zwar mehr Spieler aus Gießen und Umgebung in die NLZ’s, die verfügbaren Profiplätze aber bleiben gering. »Man presst die Zitrone immer mehr aus, obwohl nicht mehr drin ist«, sagt Solmaz. Die Spieler werden zu Spekulationsobjekten.

Lesen Sie auch: Ein Gastkommentar von Wiesecks Jugendleiter Deniz Solmaz

Viele Talente überspringen mittlerweile auch Stationen wie Wieseck oder den neuen FC Gießen, weil sie schon mit zehn oder elf Jahren vom Profiverein abgeworben werden. Der Heuchelheimer Harald Gärtner, Geschäftsführer beim Zweitligisten FC Ingolstadt, kritisierte das in dieser Zeitung einst: »Kinder zu früh aus dem gewohnten Umfeld zu reißen, ist kontraproduktiv für die Entwicklung«, da Faktoren wie Heimweh und Pubertät hinzukämen. Trotzdem machen die meisten Profivereine mit, »das System ist verseucht«, meint Solmaz. »80 Prozent der Erwachsenen im Jugendbereich denken an sich und nicht an die Kinder.«

Zuletzt heißt es immer noch nicht viel, wenn man mit 15 Jahren bei einem Bundesligisten spielt. Bis zu den A-Junioren muss man erstmal kommen, die Fluktuation ist hoch. Michael Fink, jetziger Chefscout von Hessenligist FC Gießen und früherer Profi in Frankfurt und Gladbach, sagt: »Jedes Jahr kommen rund 1000 aus der A-Jugend der NLZ’s raus, aber nur ein ganz kleiner Prozentsatz schafft den Sprung.« Fink realisiere, dass die Vorstellung dieser Spieler aus der A-Jugend eine »völlig andere als die Realität« sei. »Sie denken nur an erste oder zweite Liga und nicht daran, vielleicht den Umweg über untere Klassen zu gehen. Sich damit zu arranigeren, ist nicht leicht.«

Was sagt der Ex-Profi zu seinem eigenen schweren Weg in die Bundesliga?

Der 36-jährige Fink musste nach der Jugendzeit beim VfB Stuttgart selbst den Umweg über zweite Mannschaft und Arminia Bielefeld gehen und weiß: »Du brauchst viel Glück. Der Cheftrainer muss jungen Spielern eine Chance und Selbstvertrauen geben. Am besten verletzt sich, so blöd es klingt, ein etablierter Spieler auf deiner Position, du musst top fit sein, es darf im Grunde keinen Entwicklungsstopp geben. Man kann auf eine Profikarriere hinarbeiten, aber sie nicht wirklich planen.« Wer den Traum Bundesligaprofi ernst nehme, komme an einem NLZ heutzutage nicht mehr vorbei. »Aber es ist immer auch ein Risiko.«

Was investieren die Talente heutzutage für den großen Traum?
Sehr viel. Häufig verlassen die Jugendlichen mit 15 Jahren ihre Heimat und ziehen in eine fremde Stadt. So wie der Grünberger Sascha Heil, der mit 16 Jahren nach Paderborn zog und zeitweise nur zweimal im Jahr in seiner Heimat Reinhardshain vorbeischaute. Er sagt: »Der Fußball geht vor Familie oder Freunden. Das, was du investierst, ist viel für eine Chance, die ziemlich klein ist.« Auch Harald Gärtner weiß: »Die Jugendlichen müssen früh erwachsen werden. Normale Hobbys bleiben dabei oft auf der Strecke.«

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es bald wieder ein heimischer Spieler in die Bundesliga schafft?

Gering, das räumt auch Solmaz ein: »Das Einzugsgebiet ist in Gießen einfach nicht so groß. Wir sind nicht Frankfurt, wo viel mehr Menschen wohnen.« Wer von der Bundesliga träumt, sollte sich zudem vor Augen führen, dass 99,97 Prozent der sechs Millionen deutschen Fußballer keine Profis sind.

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