27. Juli 2018, 22:59 Uhr

Nach fünf Jahren Schmach getilgt

27. Juli 2018, 22:59 Uhr
Wurden nur zwei Jahre nach dem Bundesligaaufstieg mit den Offenbacher Kickers DFB-Pokalsieger: Der damalige Trainer Alfred »Aki« Schmidt, Präsident Horst-Gregorio Canellas und Mannschaftsarzt Dr. Bernhard. (Foto: imago)

Eine ganze Region feierte 1968 den ersten Aufstieg der Offenbacher Kickers in die Fußball-Bundesliga. Fünf Jahre nach der skandalösen Nichtberücksichtigung bei Einführung der Bundesliga waren die Kickers nach eigener Auffassung endlich dort, wo sie sich zugehörig fühlten. Dafür hatten sie eine harte Aufstiegsrunde in Kauf genommen.

Wer in den Anfangsjahren in die Fußball-Bundesliga aufsteigen wollte, musste einen extrem langen Atem besitzen – auch die Auswahl von Kickers Offenbach, die 1968 den ersten Aufstieg in die Fußball-Bundesliga schafft. Das war fünf Jahre, nachdem die Kickers, die sich selbst immer der Beletage des deutschen Fußballs zugehörig fühlten, bei der Gründung der Bundesliga nicht berücksichtigt worden waren. Die Aufstiegsrunde zur Bundesliga bedeutete für die Kickers-Spieler allerdings: Sommerurlaub ist tabu, erinnert sich Josef »Seppl« Weilbächer.

Der 74-Jährige gehörte als Rechtsverteidiger jenem Team an, das nach zweimaligem Scheitern in den Aufstiegsrunden der Vorjahre endlich die Kickers in die Bundesliga führen sollte. In jene Liga also, die 1963 bei ihrer Einführung ein Offenbacher Trauma infolge der höchst umstrittenen Nichtberücksichtigung durch den Deutschen Fußball-Bund ausgelöst hatte. Doch der Weg zum Glück war hart und steinig. Nach 34 Ligaspielen standen acht (!) Aufstiegsspiele auf dem Programm. In zwei Aufstiegsrunden kämpften bundesweit die beiden besten Teams der fünf Regionalligen Nord, Berlin, Süd, Südwest und West um zwei Plätze im Oberhaus – sieben Spiele, Vier-Tage-Rhythmus. »Eine Konstellation, die heute undenkbar ist«, meint Weilbächer.

In der Regionalliga Süd hatten die längst für die Relegation qualifizierten Kickers am letzten Spieltag durch ein 0:0 beim VfR Mannheim den Titel an Bayern Hof abgeben müssen. Zuvor hielten sich hartnäckig Spekulationen, dass der Tabellenzweite die leichtere Aufstiegsgruppe erwischen würde. Derlei Gerüchte zerstreute der damalige Offenbacher Präsident Horst-Gregorio Canellas nach dem Remis am letzten Spieltag vehement. »Die Kickers brauchen keine Manipulationen, um in die Bundesliga aufzusteigen«, betonte er. Das Szenario traf aber genauso ein: Süd-Meister Bayern Hof wurde Letzter hinter Topfavorit Hertha BSC, Rot-Weiß Essen, SV Alsenborn und Göttingen 05.

Generalstabsmäßig wurde in Offenbach die Aufstiegsrunde geplant. Die Kickers, die am 22. Mai ihr erstes Spiel beim Westmeister Bayer Leverkusen bestritten, bezogen vom 19. bis 24. Mai Quartier in der Sportschule Wedau. Anschließend wechselte das Team von Trainer Kurt Schreiner, der Ende Februar Kurt Baluses abgelöst hatte, in die Sportschule des Landessportbundes in Frankfurt.

Kurios: Gegenüber den Vorjahren senkte der OFC die Eintrittspreise für die Relegation. Haupttribünenplätze gab es für schlappe zehn Mark, Stehplätze für vier, Schüler zahlten zwei Mark. Diese Maßnahme sollte sich auszahlen: Sagenhafte 108 000 Zuschauer verfolgten die vier Heimspiele des OFC.

Vor dem ersten Spiel bei Bayer Leverkusen stapelte OFC-Coach Schreiner noch tief. »Wir sind keine Favoriten in unserer Gruppe«, sagte er. Er hielt den Westvertreter Leverkusen für den stärksten Teilnehmer. »Trotzdem gehen wir nicht ohne Hoffnung (...) in die Qualifikation. Die Mannschaft verfügt über eine gute Kondition und hat sich auch spielerisch verbessert.« Kurios: Schreiner, im Hauptberuf Kinobetreiber, musste für die Aufstiegsspiele seine Reise zu den Filmfestspielen nach Cannes absagen. Entschädigt wurde er mit einer vor allem im zweiten Teil furiosen Aufstiegsrunde.

Die Kickers starteten mit einem 1:1 in Leverkusen. Ferdi Heidkamp hatte 2000 mitgereiste Fans in Extase versetzt. Aber in der Nachspielzeit glich Bayer aus. Die Skepsis in Offenbach nach zweimaligem Scheitern in den Relegationsrunden der Vorjahre hielt sich auch nach dem 1:0-Sieg gegen Arminia Hannover. »Warum so nervös, Offenbacher Kickers«, titelte die »Offenbach Post« nach dem Zittersieg durch ein Tor von Dieter Fern. Ganz anders die Gefühlslage nach dem 0:0 bei TuS Neuendorf vor unglaublichen 28 000 Zuschauern im Koblenzer Stadion Oberwerth. »Wir haben zumindest einen Punkt gewonnen«, freute sich Kapitän Hermann Nuber, der mit dem OFC erstmals die Tabellenspitze übernahm.

In Rieseneuphorie schlug die Stimmung endgültig nach dem 4:1-Heimsieg gegen Tennis Borussia Berlin (Tore: Roland Weida, Egon Schmitt, Josef Weilbächer und Lothar Weschke) und dem 2:1 gegen Leverkusen um. Vor 30 000 Zuschauern am Bieberer Berg hatten Hermann Nuber und Gerd Becker in der Schlussphase den 0:1-Rückstand wettgemacht. Als die Kickers dann auch bei Tennis Borussia Berlin ihre mitgereisten 1000 Fans mit einem 4:1-Erfolg glücklich machten, war für Präsident Horst-Gregorio Canellas die Sache so gut wie durch. »Das war der Aufstieg«, meinte er schon vor dem Heimspiel gegen TuS Neuendorf. Denn der OFC benötigte nur noch ein Remis aus zwei Spielen, um aufzusteigen.

Das ließen sich die Kickers nicht mehr nehmen. Nach dem hart erkämpften 2:0-Erfolg (Tore: Stangel und Schmitt) entlud sich eine Jubelorgie im Stadion. Böller und Raketen wurden gezündet, die Fans stürmten freudetrunken den Rasen. »Jetzt ist alles klar«, sagte ein zu Tränen gerührter Hermann Nuber, der 1968 hinter »Lichtgestalt« Franz Beckenbauer Zweiter bei der Wahl zu Deutschlands Fußballer des Jahres wurde. Fünf Jahre nach der Schmach der Nichtberücksichtigung war der Offenbacher Fußball-Himmel nun endlich in rot-weiße Farben getüncht. Jörg Moll

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