04. September 2018, 10:00 Uhr

FC Gießen

FC Gießen: Neue Qualität im Gießener Fußball

Der VfB 1900 Gießen war in den 1980ern ein fußballerisches Aushängeschild. Doch der FC Gießen muss sich davor nicht verstecken. Eine Einschätzung von Sportchef Ralf Waldschmidt.
04. September 2018, 10:00 Uhr
Vor 3712 zahlenden Zuschauern gewinnt der FC Gießen auch sein viertes Heimspiel im Waldstadion. Nach dem 3:1 gegen den KSV Hessen Kassel bleiben die Rot-Weißen Tabellenführer der Fußball-Hessenliga. (Foto: Harald Friedrich)

Wenn man der Generation 50plus sowie der Sportredaktion dieser Zeitung bereits seit dem 1. September 1977 angehört, darf man vergleichen und Behauptungen aufstellen. Gewagte und weniger gewagte, umstrittene und unstrittige. Ich kann mich an dieser Stelle durchaus einmal gaaanz weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass die nachfolgenden Ausführungen keineswegs allzu gewagt sind. Sie sollen im Spätsommer 2018 aufzeigen, was sich im lokalen Fußball durch den FC Gießen gerade abspielt.

*

Der VfB 1900 Gießen war in der Fußball-Oberliga mit Ottmar Wagner in den 70er/80er Jahren das absolute heimische Aushängeschild. Top! Ansehnlicher Fußball wurde nach dem Abstieg selbst zu Landesliga-Zeiten in den 80ern gespielt, in der Ära von Trainer Willi Wagner und Genius Dietmar Schäfer – nur zur Hessenliga-Rückkehr hat es in heute noch legendären Duellen mit dem RSV Würges, dem SV Wiesbaden oder der SG Hoechst nie gereicht. Stimmt! Die Fußball-Euphorie um Horst Heese/Uwe Bein Mitte der 90er mit über 4000 Hessenliga-Zuschauern gegen Kickers Offenbach war aus wirtschaftlichen Gründen schneller beendet als dem Fußball-Fan lieb sein konnte. Leider! Die Hünlein/Shtyn- und Dechert-Intermezzi waren eher als Dramen, denn als sportliche Glanzlichter zu werten. Abhaken.

*

Auch wer sich am Samstag als Alt-1900er über diesen lange herbeigesehnten Weckruf des Gießener Fußballs freute und sich unter die Darsteller reihte, der sollte nicht verdrängen, dass die Protagonisten des VfB selbst in den letzten zehn, 15 Jahren die größten Verhinderer des Fußball-Aufbruchs in unserer Region gewesen sind und auch deshalb diverse »FSG«-Versuche zur Konzentration der Kräfte scheiterten. Ohne die seit geraumer Zeit im Hintergrund des VfB 1900 weit- und umsichtig handelnden Personen und das beispiellose Engagement von Jörg Fischer würden noch immer Kirchturm- und Vereinsdenken (vor)herrschen. Ärgerlich allein ist, dass nach dem sensationellen Watzenborner Regionalliga-Aufstieg vor zwei Jahren wertvolle Zeit verloren wurde – durch den Umzug nach Wetzlar und durch die Copado-Verpflichtung. Mit dem Waldstadion als Spielstätte und seiner Zuschauer-Wucht hätte 2016/17 schon der Regionalliga-Erhalt realisiert werden können; mit einem akribisch arbeitenden und aufgeschlossenen Trainer wie Daniyel Cimen wäre vielleicht auch schon im Vorjahr die Regionalliga-Rückkehr gelungen.
Die Gegenwart verspricht eine bessere Zukunft, auch wenn schon jetzt klar ist, dass das Fischer-Engagement allein mittelfristig nicht mehr ausreicht, um die gehobenen Regionalliga-Ziele und mehr zu erreichen bzw. zu erhalten. Aber der Fußball und seine Möglichkeiten in Mittelhessen steckt ja auch erst in seinen Anfängen.

*

Und die haben es in sich. Nicht allein der imposanten Zuschauerzahlen wegen, nicht allein der sieben Siege in sieben Hessenliga-Spielen wegen. Wer als Fußball-Interessierter bislang noch keines der vier FC-Heimspiele im Waldstadion verfolgt hat, der hat wirklich etwas verpasst. Ein attraktiverer und niveauvollerer Fußball ist in den vergangenen 40 Jahren in Gießen nicht gespielt worden. Spielstark, technisch versiert, taktisch diszipliniert, lauffreudig, zielstrebig – erfolgreich! Markus Müller und Damjan Marceta machen die Bälle im Sturm in bester Mandzukic-Manier fest und lassen prallen. Das Gegenpressing hat in der 85. Minute das gleich hohe Niveau wie in der fünften Minute. Die Laufbereitschaft von Johannes Hofmann und Brian Mukasa erinnert an einen wie Wunderläufer Haile Gebrselassie. Ein Michael Fink ist ausgestattet mit einer unglaublichen körperlichen Präsenz, die er auch stets einzusetzen weiß. Zur Spielanlage, -kultur und -struktur kann, muss man sagen: Wow! Dazukommen Tempo, Spielwitz und Raffinesse. Was noch fehlt? Der konsequente Abschluss in Anbetracht der Vielzahl gegen tief stehende Teams extrem gut herausgespielter Torchancen. Die Sprintstärke in der Rückwärtsbewegung, die gegen Kassels Sturmass Sebastian Schmeer auf eine harte Probe gestellt wurde.

*

Zu viel der ultimativen Lobhudelei? Keineswegs! Johannes Hofmann, Brian Mukasa und all die anderen FCG-Akteure haben in den jüngsten Heimpartien gegen Fulda und Kassel mehr Laufbereitschaft gezeigt als die stehgeigende deutsche Fußball-Nationalmannschaft in allen drei deprimierenden WM-Vorrundenpartien in Russland zusammen. Und wenn morgen Abend das erste Flutlichtspiel der Gießener Fußball-Geschichte im Waldstadion eine besondere Atmosphäre erzeugen sollte, dann dürfte allein dieses Ereignisses wegen gegen den VfB Ginsheim (20 Uhr) erneut mit einer vierstelligen Besucherzahl zu rechnen sein. Vielleicht sind dann sogar wieder ein paar Zuschauer-Debütanten darunter, die sich von der neuen, noch nie da gewesenen Qualität des Gießener Fußballs überzeugen lassen wollen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Commerzbank Arena
  • Fußball
  • Haile Gebrselassie
  • Hoechst
  • Johannes Hofmann
  • Kickers Offenbach
  • VfB 1900 Gießen
  • Ralf Waldschmidt
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.