08. Januar 2019, 07:25 Uhr

HSG Wetzlar

Dem Druck stand gehalten

Das VIP-Tippspiel vor jedem Heimspiel der HSG Wetzlar macht die hohe Erwartungshaltung an den heimischen Handball-Bundesligisten im siebten Trainer-Jahr von Kai Wandschneider deutlich....
08. Januar 2019, 07:25 Uhr
Von Null auf Hundert im Konzert der Großen: Wetzlars Torhüter Till Klimpke, hier im Duell mit Kiels Niclas Ekberg. (Foto: Bergmann)

HSG Wetzlar


Denn …. 20 von 20 Prominenten tippten oder besser gesagt erwarteten zum Beispiel zuletzt einen Erfolg über den SC DHfK Leipzig. Ist doch selbstverständlich - oder? Eben nicht, wie unsere »Vorrunden«-Analyse belegen soll!

Von einem sicheren 36:33-Sieg der HSG, den Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier erhoffte, bis zum einem hohen 26:20, welches Rittal-Marketingchef Dirk Miller prognostizierte, waren nur Wetzlarer Erfolgsergebnisse gegen Leipzig notiert. Nicht einmal ein Unentschieden wurde für möglich gehalten. Weil es ja nur gegen einen Tabellen-Hintermann ging oder weil es sich einfach nicht schickt, bei entsprechendem Lokalpatriotismus gegen das eigene Team zu tippen? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, vor allem aber darin begründet, dass die Grün-Weißen seit der Saison 2012/13 das Wort Abstiegsangst aus ihrem Sprachgebrauch gestrichen haben. Gilt das auch für 2018/19? Bis zum 31. Dezember auf jeden Fall, denn die wiederholt runderneuerte Mannschaft hat dem Druck, sportlich nicht in Existenznot zu geraten, stand gehalten. Der regionalen Erwartungshaltung nach Abschlussplatzierungen 7, 8 und 6 allerdings nicht. Was aber auch eine neuerliche Sensation gewesen wäre.

U MBRUCH: Der Linden-Cup in der Sommervorbereitung ist alljährlich ein guter Indikator für das Wetzlarer Leistungsvermögen. Die eigentliche Chancenlosigkeit gegen Erstliga-Rückkehrer Bergischer HC machte schon einmal nachdenklich und ließ erahnen, dass die personellen Verluste vor allem von Jannik Kohlbacher, Benjamin Buric, Evars Klesniks und Kasper Kvist diesmal nicht so leicht zu kompensieren sein würden wie die ebenso zahlreichen der Vergangenheit von Michael Müller bis Ivano Balic. Zumal mit dem vom THW Kiel gekommenen Linksaußen Emil Frend Öfors nur ein bundesligaerfahrener Akteur unter den Neuzugängen war. Alle anderen wie Buric-Nachfolger Tibor Ivanisevic, Rückraum-Hüne Lenny Rubin oder Björnsen-Backup Lars Weissgerber auf Rechtsaußen betraten absolutes Neuland.

V ERLETZTENMISERE: Eine derartige Anzahl an Tiefschlägen hat einst nur ein Muhammed Ali wegstecken können. Ähnlich wie der legendäre Box-Weltmeister, ließ sich das Team von Trainer Kai Wandschneider aber selten so richtig zu Boden strecken. Serben-Keeper Tibor Ivanisevic erwischte es gleich Anfang September am Knie, den Norweger Kristian Björnsen Anfang Oktober auch, dessen talentierter Backup Lars Weissgerber wenig später am Sprunggelenk. Doch der Niederschläge nicht genug, erlitt der aus der U 23 aufgerückte dritte (!) Rechtsaußen Tim Rüdiger bei seinem zweiten Einsatz einen Kahnbeinbruch, sodass die Mittelhessen – einmalig nicht nur in deren Klubhistorie - plötzlich ganz ohne rechten Flügel dastanden. Da von Alexander Hermann über Lenny Rubin und Joao Ferraz bis zu Stefan Kneer weitere Leistungsträger nicht ohne Verletzungspausen auskamen, musste das Trainer-Duo Wandschneider/Camdzic permanent an den Stellschrauben eine ohnehin neu aufgestellten Mannschaften drehen.

N ACHVERPFLICHTUNGEN: Als sich Neu-Keeper Tibor Ivanisevic gleich Anfang September schwer verletzte und sich ein Ausfall von drei bis vier Monaten abzeichnete, erinnerte man sich in der Wetzlarer Führungsetage an die guten Erfahrungen, die man einst mit dem spanischen Weltmeister und Olympiasieger Jose Javier Hombrados gemacht hatte und stattete Schweiz-»Pensionär« Nikola Marinovic mit einem Zeitvertrag für drei Monate aus. Der 42-jährige Torsteher verlieh den Grün-Weißen als Nebenmann des jungen Till Klimpke die erhoffte Stabilität und war immer zur Stelle, wenn er benötigt wurde. Im Oktober musste durch den Erlanger Maximilian Lux dann auch für das verletzte Rechtsaußen-Trio Björnsen-Weissgerber-Bürger personell nachgebessert werden. Der 23-Jährige hat einen Vertrag bis Saisonende unterschrieben, wird sich aber darauf einstellen müssen, hinter dem Gespann Björnsen/Weissgerber wenig Chancen auf eine Weiterpflichtung zu haben. Wichtig war im Handball-Spätsommer zunächst aber einmal, dass die HSG Wetzlar positionell überhaupt nachbessern konnte.

T OPS: Dass Till Klimpke seinen Torhüter-Weg gehen wird, dürfte unbestritten sein. Dass der 20-jährige Sohn von Kreislauf-Legende »Wolle« Klimpke aber gleich in seiner Premierensaison als Stammkeeper durchstarten würde, war nicht zu erwarten. Beim 26:21-Triumph gegen Frisch Auf Göppingen und beim 24:19-Coup beim VfL Gummersbach avancierte der Youngster jeweils zum Matchwinner und ließ im Torhüterspiel Woche für Woche deutliche Fortschritte erkennen. Gegen SC DHfK Leipzig gewann er u. a. den Siebenmeter-Poker gegen Philipp Weber.

Mit seinen 82 Feldtoren ist Stefan Cavor als Linkshänder im rechten Rückraum nicht nur der erfolgreichste HSG-Torschütze der ersten 19 Ligapartien, sondern zu einer verlässlichen Größe in Abwehr und Angriff geworden. Der 24-jährige Montenegriner ist einer der Garanten dafür, dass die Wetzlarer ohne größere Abstiegssorgen »überwintern«. Ebenso wie Till Klimpke durfte sich Cavor bei den Erfolgen über Göppingen bzw. in Gummersbach als Matchwinner feiern lassen.

Ein immer wieder unterschätzter Spielmacher Filip Mirkulovski ist für das junge Wetzlarer Team wegen seiner Spielführung und -intelligenz unverzichtbar. Da sich der Schwede Olle Forsel Schefvert doch wohler auf der halblinken Position fühlt als auf der des Spielmachers und Youngster Hendrik Schreiber bei allem Potential vorerst noch als »Aushilfe« gelten muss, lastet in der Spielsteuerung nahezu die gesamte Verantwortung auf den Schultern des 35-jährigen Mazedoniers. Filip Mirkulovski ist wie ein guter Château Haut-Brion: je älter, desto besser.

Ergebnismäßig ließen die Mirkulovski und Co. zwar nicht wie in den Vorjahren mit einer Sensation gegen einen Großen der Liga aufhorchen, betrieben mit dem Heim-25:26 gegen die Rhein-Neckar Löwen sowie dem Auswärts-29:30 bei der SG Flensburg/Handewitt aber Imagewerbung. Dafür gab es zwar keine Punkte, nur Anerkennung; den gerechten Lohn für die geleistete Arbeit fuhr das HSG-Team dafür auswärts beim SC DHfK Leipzig (25:21) und beim VfL Gummersbach (24:19) ein.

F LOPS: In den Wetzlarer Reihen sollten etablierte Akteure wie Joao Ferraz und Stefan Kneer selbstkritisch genug sein, um ebenso wie Kreisläufer-Neuzugang Nils Torbrügge von einer verunglückten Vorrunde zu sprechen. Beide Rückraumspieler hatten zwar auch mit Verletzungen zu kämpfen, aber weder der Portugiese als abschlussschwacher Unsicherheitsfaktor im Angriff noch der Defensivspezialist als fehlende Offensiv-Option konnten mit ihren Leistungen zufrieden sein. Bei Torbrügge muss sich im weiteren Saisonverlauf zeigen, inwiefern er den Wetzlarer Erstliga-Ansprüchen genügen kann.

Die Note »ungenügend« gab es für die gesamte Mannschaft der HSG Wetzlar in den Heimspielen gegen MT Melsungen (26:34) und den Bergischen HC (25:27) sowie auswärts beim HC Erlangen (20:27). Allerdings nur dafür, was die handballerische Qualität anbelangte, denn in punkto Wille und Kampfgeist musste sich das Team in allen bislang absolvierten 19 Partien nichts vorwerfen lassen.

Z USCHAUERSCHWUND: Vom ersten Spieltag an waren die Lücken auf den Rängen unübersehbar. Das hatte vielleicht etwas mit dem lang anhalten Sommer oder den erneut geänderten Anwurfzeiten zu tun. Dass ein Teil der Dauerkartenbesitzer zwar gezahlt, aber nicht bei jeder Partie anwesend war, ist kein neues Phänomen. Dass gegen Teams wie SG BBM Bietigheim, den Bergischen HC oder die Eulen Ludwigshafen nicht alle Sitzplätze restlos vergriffen waren, ist ebensowenig neu. Dass aber über weite Teile der Vorrunde unter den Hardcore-Fans auf der berühmt-berüchtigen Stehplatztribüne viele Reihen gelichtet waren und erst im Weihnachtsheimspiel gegen den SC DHfK Leipzig die Rittal-Arena erstmals ausverkauft war, sollte dazu führen, sich mit dieser Problematik bzw. den Gründen auseinanderzusetzen.

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