Opfer des Jugendwahns

15. November 2017, 22:32 Uhr
Verteidiger Dennis Seidenberg durchlebt zurzeit bei den New York Islanders eine schwierige Phase. (Foto: dpa)

Inzwischen muss der im Mai noch zum besten Verteidiger der Eishockey-WM gekürte Dennis Seidenberg schon Fragen zu Strandbesuchen bei NHL-Auswärtsspielen beantworten. »Als wir vor drei Wochen in Kalifornien waren, hatten wir auf jeden Fall Zeit, die Sonne und das Meer zu genießen«, sagte Seidenberg im Interview der »Eishockey News«. Zeit zum Eishockeyspielen in der nordamerikanischen Profiliga hätte Deutschlands bester Abwehrspieler dabei reichlich. Doch das darf der Stanley-Cup-Sieger von 2011 bei den New York Islanders derzeit kaum.

907 Spiele hat Seidenberg bislang in der weltbesten Liga absolviert und in den vergangenen Spielzeit nicht nur aus Reindls Sicht »die Saison seines Lebens gespielt«. Dies brachte dem nun 36-Jährigen noch einmal einen Jahresvertrag. In dieser Spielzeit bei den Islanders kamen erst sieben Partien hinzu – bei 17 Saisonspielen für das Team aus Brooklyn.

Dies sei »natürlich nie schön«, meinte der längst in den USA heimische Seidenberg, bleibt sonst aber – typisch amerikanisch – positiv: »Aber wir sind acht einsatzbereite Verteidiger, da muss man geduldig bleiben und auf seinen Einsatz warten. In den letzten Spielen war ich fast immer dabei, ich hoffe so geht es weiter.«

Laut Bundestrainer Marco Sturm – mit 1006 Partien Deutschlands Rekordspieler in der NHL – liegt Seidenbergs schwierige Situation an einer Art Jugendwahn in Nordamerika. »Das ist leider momentan die neue NHL, dass mit vielen jungen Spielern gearbeitet wird. Leider ist es jetzt beim Dennis eben so«, sagte Sturm. Im aktuellen Islanders-Kader ist Seidenberg der mit Abstand älteste Verteidiger.

»Seidenberg nur sporadisch spielen zu lassen, ist unergründlich«, meinte Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). »Ich würde ihn als Trainer 40 Minuten spielen lassen, weil er totale Qualität und Ausstrahlung hat und nicht verletzt ist. Er kämpft, geht jeden Tag motiviert ins Training, spielt wann immer er eingesetzt wird und gibt nicht auf«, sagte Reindl: »Ich kann es nicht nachvollziehen.«

Ähnlich sprach Reindl in den vergangenen beiden Jahren bereits über Christian Ehrhoff. Das Ende der NHL-Karriere für den inzwischen 35 Jahre alten Abwehrspieler begann vor zwei Jahren mit einer ähnlichen Situation wie nun für Seidenberg. Vor Jahresfrist bekam Ehrhoff nach 867 Partien in der NHL keinen adäquaten Vertrag mehr in Nordamerika und wechselte zurück nach Deutschland zu den Kölner Haien.

Ähnliches sieht nun bereits Münchens Nationalspieler Yannic Seidenberg auf seinen großen Bruder zukommen. »Er genießt auch noch die Spiele, weil es bei ihm gegen Ende zugeht«, sagte der 33-Jährige am Wochenende beim Deutschland Cup. Die Verlockung für beide Seidenbergs wäre sicher groß, in der kommenden Saison noch einmal zusammen ein Abwehr-Duo beim DEL-Meister und -Krösus Red Bull München zu bilden. »Das ist schwer zu sagen, für mich steht tatsächlich alles noch offen«, meinte der ältere Seidenberg auf die Frage, ob er sich ein Karriereende in Deutschland vorstellen könnte.

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