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Testosteron und Fische

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Von: Ronny Herteux

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In unserer Anstoß-Reihe befassen wir uns heute mit fliegende Fische, testosterongesteuerte Autoraser und einen blank ziehenden Trainer in Finnland.

Gibt es noch ein Leben neben dem Fußball? Bundesliga am Wochenende. 2. Liga am Montagabend. Champions League am Dienstag und Mittwoch. Europa League am Donnerstag. Und am Freitag startet der Kreislauf von vorn, wenngleich in der nächsten Woche der DFB-Pokal an der Reihe ist. Dann heißen die Gegner nicht Celtic Glasgow oder FC Porto, sondern Bayern München und RB Leipzig für Leipzig und München. Das Los wollte es, dass zwei der derzeit drei führenden Bundesligisten schon in der 2. Hauptrunde aufeinander treffen.

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Auch das ist Fußball: Im Gegensatz zu den Vorkommnissen vom Februar bleibt es diesmal ruhig in Dortmund beim Gastspiel der ungeliebten Leipziger, da müssen kurzerhand Hooligans von Eintracht Frankfurt und Hannover 96 in die Bresche springen und sich eine Schlägerei in der niedersächsischen Landeshauptstadt liefern. Als die Polizei eintrifft, flüchten die meisten der rund 80 Hools. Typisch. Zu feige, um für ihr Tun einzustehen.

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Überhaupt, Flüchten scheint stark in Mode. Nicht das Flüchten vor Krieg und Hunger, sondern jenes vor Bußgeld und Strafverfolgung. Den Außenspiegel abgefahren. Na und, in den seltensten Fällen bleibt der/die Verursacher/in stehen und kommt für den Schaden auf. Auf eine perverse Spitze getrieben wird das, wenn wie kürzlich im Gießener Schiffenberger Weg geschehen, zwei Testosterongesteuerte im schwarzen Porsche eine unbeteiligte Person fast in den Tod rasen und dann noch rotzfrech behaupten, der jeweils andere hätte hinter dem Steuer gesessen. Nur keine Verantwortung übernehmen. Da wünscht man sich, dass hier ein Höchstmaß an Strafe zur Anwendung kommt – für beide.

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Unmittelbar mit Fußball hat das natürlich nichts zu tun, wenngleich in der jüngeren Vergangenheit ein aufsehenerregender Prozess gegen einen höchstrangigen Vereinsfunktionär aus der bayerischen Landeshauptstadt für reichlich Wirbel im Blätterwald gesorgt hatte. Mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden, so wie im Fall jener Rostocker Fans, die am Wochenende im Auswärtsspiel in Jena tote Fische in den Fanblock der Carl-Zeiss-Anhänger schleuderten. Wie nicht anders zu erwarten, werden die entsprechenden Aufnahmen dieser widerlichen Aktion bei Youtube hoch- und runtergeladen. Auch wenn der DFB Ermittlungen aufnehmen will, die tote Fische werfenden Dummköpfe werden wohl davonkommen. Mein Vorschlag: 100 Sozialstunden in einer Fischaufzuchtfarm und eine Geldstrafe – ein Prozent des Jahreseinkommens als Spende für eine soziale Einrichtung.

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Ein Prozent vom Gehalt? Da steht zu befürchten, dass nicht viel zusammenkommt. Bei Julian Nagelsmann wäre der Fall natürlich anders gelagert, der Fußball-Trainer vom Bundesligisten 1899 Hoffenheim dürfte wie seine Kollegen gut verdienen. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass Nagelsmann tote Fische auf die gegnerische Trainerbank wirft. Dann würde sogar ich bei Youtube mal vorbeischauen. Nagelsmann hat dies nicht nötig, er spendet ab sofort freiwillig ein Prozent von seinem Gehalt sozialen Projekten und ist der Initiative »Common Goal« beigetreten. »Seien wir ehrlich: Das eine Prozent ist für uns alle, die wir in dieser Branche sehr gut verdienen, kein Problem«, ließ er am Samstag im Interview mit der »SZ« wissen.

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Blank gezogen hat Nagelsmann allerdings nicht, keine Angaben über die Höhe seiner Spende und damit indirekt über sein Gehalt. Da ist Ronny Deila von einem anderen Kaliber geschnitzt. Der Trainer des norwegischen Erstligisten Vålerenga IF hat mal richtig blank gezogen und seine Kabinenansprache im Adamskostüm gehalten. »Die Spieler sollen ihr letztes Hemd geben«, also ist der nackte Deila mit gutem Beispiel vorangegangen und hat den meisten zuvor genannten Personen einiges voraus.

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Der Fußball schreibt doch noch amüsante Geschichten. Damit ist der Anstoß für Optimisten an dieser Stelle beendet. Bitte nicht weiterlesen.

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Wer dem Braten nicht traut, für den zitieren wir gern St.-Pauli-Trainer Ewald Lienen aus der Tageszeitung »Die Welt«: »Wir sind gerade dabei, die Verankerung unseres Fußballs an der Basis zu gefährden durch Aufblähung von Wettbewerben, Zersplitterung von Spieltagen, durch völlig überzogene Finanzexzesse sowohl im Gehalts- als auch im Transferbereich sowie durch die bekannten kriminellen Machenschaften von Topfunktionären, die das Vertrauen in die Verbände erschüttert haben.«

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