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Mit Stollenschuhen und Blazer

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Tagsüber Geschäftsstelle, abends Fußballplatz: Johanna Straube führt ein Leben für den Sport.	(Foto: Merz
Tagsüber Geschäftsstelle, abends Fußballplatz: Johanna Straube führt ein Leben für den Sport. (Foto: Merz © Nici Merz

Johanna Straube spielte einst in der Frauenfußball-Bundesliga. Heute gibt die 25-Jährige aus Ober-Ofleiden der Geschäftsstelle des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim ein Gesicht.

Sonntags wird es schon mal hektisch. Johanna Straube führt ein sportliches Doppelleben. Zwischen kurzen Hosen und Stollenschuhen sowie Blazer und Bluse. Morgens Torjägerin auf dem Fußballplatz, abends Frontfrau in den Büroräumen im Eisstadion. »Klar, manchmal ist’s etwas stressig. Aber der Sport ist einfach mein Leben.«

Neun Bundesliga-Einsätze absolvierte Straube einst an der Seite von Celia Sasic, der Torschützenkönigin der WM 2015, oder auch der aktuellen Nationalspielerin Lena Goeßling (heute Wolfsburg), ehe sie nach dem Abitur ihre berufliche Ausbildung dem Traum der sportlichen Karriere voranstellte. »Im Frauenfußball können wirklich nur die Besten der Besten vom Sport leben. Und dazu hätte es nicht gereicht. Eine Karriere kann schnell vorbei sein. Jetzt habe ich mein Studium abgeschlossen und diese Entscheidung noch nicht ein einziges Mal bereut.«

Vorbild: Mesut Özil Sportmanagement hat Straube, die Mesut Özil als fußballerisches Vorbild nennt, studiert und bei Eintracht Frankfurt und dem SV Wehen-Wiesbaden in Praktika hinter die Kulissen schauen können, ehe sie im Herbst beim EC Bad Nauheim unterschrieben hat; ohne je ein Eishockeyspiel gesehen zu haben. Ihr Umfeld, privat wie auch die Mitspielerinnen des FSV Hessen, hat sie inzwischen für den Sport begeistern können und längst selbst Feuer gefangen. »Der Sport ist so unheimlich schnell, lebt von Dynamik und Physis. Jeden Moment kann etwas passieren.« Beim Zweitligisten verantwortet sie den Bereich Ticketing/Merchandising. »Als Berufseinsteigerin hätte ich mir nichts Besseres wünschen können. Es gibt gewisse Leitplanken, innerhalb derer habe ich meine Freiheiten. Und ich habe tolle Kollegen, werde beim Thema Fußball unterstützt, so gut es nur geht.«

Freie Zeit? Fehlanzeige Die Sporttasche ist immer gepackt, liegt im Kofferraum. Der Tag ist strikt getickt. Und die Begeisterung für ihre private und berufliche Leidenschaft ebenso groß wie deren Preis. Morgens gegen 8 Uhr pendelt Straube aus Homberg/Ohm die 60 Kilometer nach Bad Nauheim, abends nach dem Training in Wetzlar zurück in den Vogelsberg. Bis zu viermal die Woche. Den beruflichen Freitag-/Sonntag-Rhythmus und die Reisen, teils mit Übernachtung, zu den fußballerischen Aufgaben nicht mal einbezogen. Freie, unverplante Zeit – oft Fehlanzeige, gerade während der Saison. Lange Partynächte – wenn, dann in der Rolle der Fahrerin. Erst im Sommer wird’s ruhiger. Nach Gießen, zentral zwischen Heimat, Beruf und Sport, will Straube dann ihren Lebensmittelpunkt verlagern.

Die Liebe zum Sport, speziell zum Fußball, wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Vater, Mutter, Bruder – am Wochenende zog es die Familie auf den Sportplatz des 1000-Seelen-Ortsteils der Stadt Homberg, wo die Senioren derzeit in der Gruppenliga kicken.

Bis zu den C-Junioren spielte sie mit den Jungs, pendelte später per Zweitspielrecht schon mal gute 70 Kilometer zum TuS Bonbaden in den Lahn-Dill-Kreis, spielte in der Hessenauswahl und erhielt – gerade passend zum Abschluss der zehnten Klasse – die Option, die Oberstufe in der Eliteschule des Deutschen Fußball-Bundes in Ahrweiler zu besuchen. Dort, im Internat Calvarienberg, sollten unter der Regie der früheren Frauen-Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer künftige Erstliga- und Nationalspielerinnen geformt werden und dabei auch von der Nähe zum Erstligisten SC Bad Neuenahr profitieren. »Man lernt früh, selbstständig zu werden. Ich würde es jederzeit wieder so machen«, sagte Straube rückblickend über jene Zeit im Kloster, wo bereits morgens mit dem Ball trainiert und anschließend individuell schulisch unterrichtet wurde.

Zweitliga-Fußball zeitlicht nicht drin Auf dem Fußballplatz läuft’s derzeit »gar nicht rund«, wie Straube sagt. Mit dem FSV Hessen Wetzlar II kämpft sie – inzwischen fast schon aussichtslos – gegen den Abstieg aus der Regionalliga Süd, der spielstärksten der fünf Drittliga-Staffeln. Der jungen zweiten Mannschaft fehle die Konstanz, sagt sie. Mit zwei Treffern in 13 Spielen ist Straube aufgrund ihres Alters, ihrer Übersicht und ihrer Technik eine Leitfigur in der Mannschaft, zudem hinter ihren eigenen Erwartungen geblieben. Aus dem Zweitliga-Kader, der um den Aufstieg spielt und die entsprechenden Lizenzierungsunterlagen beim DFB auch eingereicht hat, musste sie sich aufgrund der beruflichen Belastung zurückziehen, hat in dieser Saison nur zweimal ausgeholfen. »Das ist zeitlich einfach nicht umsetzbar; auch wenn dort meine Freundinnen spielen. Ich kann nicht so trainieren und nicht die Leistung bringen, wie die jüngeren Spielerinnen.« In der Bundesliga würde der FSV Neuland betreten, wäre krasser Außenseiter im Kreis von DFB-zertifizierten Frauenfußball-Hochburgen und Mannschaften von Männer-Bundesligisten mit ganz anderem monetären und strukturellen Background. Eine Situation, die ihr aus Bad Nauheim durchaus vertraut ist.

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