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Eintracht Frankfurts Timothy Chandler hat seinen Torriecher entdeckt. 

SGE-Außenverteidiger

Timothy Chandler: Stehaufmännchen erfindet sich als Torjäger neu

Im Winter verzichtete Eintracht Frankfurt darauf, einen Neuen für die offensive Außenbahn zu holen. Stattdessen die interne Lösung: Timothy Chandler.

  • Eintracht Frankfurt siegt deutlich gegen den FC Augsburg
  • SGE-Außenverteidiger Timothy Chandler erzielt auf ungewohnter Position zwei Tore
  • Der US-Amerikaner hat sich erneut zurückgekämpft und ist in Top-Form

Der Frankfurter Mittelfeldwühler Sebastian Rode, auch einer, der nicht gerade durch stetiges Toreschießen auffällig geworden ist, hat sich nach der 5:0-Gala gegen den einstigen Angstgegner FC Augsburg noch am Abend gefragt, „welchen Zaubertrank er getrunken“ habe. „Den hätte ich auch gerne.“ 

SGE: Eintracht Frankfurt zerlegt FC Augsburg – danke Timothy Chandler

Dass Timothy Chandler, in Altenstadt vor bald 30 Jahren geboren und seit seinem elften Lebensjahr bei Eintracht Frankfurt am Ball, in einem Spiel gleich zwei Tore würde erzielen können, hatte bis dahin keiner ernsthaft für möglich gehalten. Am wenigsten Timothy Chandler selbst: Normalerweise, sagte er am Freitagabend überglücklich, schaffe er pro Saison zwei Tore, wenn überhaupt. 

Gegen den FC Augsburg war ihm das Kunststück in einem Spiel passiert, in den Minuten 37 und 48, das erste erzielte er nach einem fulminanten Schuss unters Tordach, beim zweiten per raffiniertem Kopfball. „Das zweite Tor war der Schlüssel zum Sieg“, analysierte später Eintracht-Trainer Adi Hütter, FCA-Kollege Martin Schmidt urteilte plakativer: „Das 0:2 hat uns den Stecker gezogen.“ 

Timothy Chandler: Eintracht Frankfurt feiert neuen Torjäger

Zwei Tore in einem Spiel – das war Timothy Chandler in seinem bisherigen Fußballerleben in der höchsten deutschen Spielklasse noch nie vergönnt gewesen. Überhaupt hat der geübte Rechtsverteidiger in 205 Bundesligaeinsätzen lediglich elf Tore erzielt, die beiden jüngsten schon mit eingerechnet. Das ist nicht viel. Jetzt hat der Deutsch-Amerikaner bereits vier Tore allein in der Rückrunde erzielt in vier Spielen, im Pokal gegen RB Leipzig saß er 90 Minuten auf der Bank. In der Liga ist bislang nur Superstar Erling Haaland (mit sieben Toren) erfolgreicher. 

„Heute muss ich mich zwicken, ob das auch alles wahr ist“, sagte Chandler am Flatterband nach „einem perfekten Freitagabend“. Dass Timothy Chandler nun praktisch über Nacht seinen Torriecher entdeckt hat, liegt auch daran, dass er im neuen System von Adi Hütter deutlich weiter vorgeschoben agiert. Chandler spielt vor dem rechten Verteidiger Almamy Touré eine Art verkappter Rechtsaußen, ist folglich deutlich näher vor dem Tor als in der alten taktischen Ausrichtung. Dazu hat der Familienvater („meine Tochter hält mich auf Trab“) im Augenblick auch das, was man einen Lauf nennt: Ihm gelingt fast alles, er steht richtig und immer da, wohin der Ball kommt. 

Eintracht Frankfurt: Timothy Chandler entdeckt Kopfball-Stärke

In Hoffenheim etwa zum Auftakt hatte Chandler nur ganze 25 Ballkontakte, sie reichten aber, um das Siegtor zu köpfen, in Düsseldorf war er darüber hinaus in der letzten Aktion als Linksverteidiger durchgelaufen und hatte den schmeichelhaften Ausgleich markiert. Auffällig auch: Chandler erzielte drei seiner vier Buden per Kopf, was daran liegt, dass er im Sprint von hinten kommt, schwer auszurechnen ist und eigentlich „ganz gut hochspringen kann“, wie er grinsend sagte. Auch gegen Augsburg hatte er vor seinem Führungstreffer eine prima Kopfballchance. Und natürlich kommt bei ihm spät wohl noch das Stürmerblut durch, als Kind spielte Klein-Timmy im Angriff. 

Die Basis für diesen plötzlichen Erfolg in der Rückrunde sei in der Winterpause im Trainingscamp in Florida gelegt worden, erklärt der ewig gut gelaunte Routinier. „Da haben wir sehr, sehr gut gearbeitet.“ Speziell er gehörte zu den Gewinnern dieses Trainingslagers, schon in den USA war ihm im einzigen Testspiel (1:2 gegen Hertha Berlin) das einzige Tor gelungen. „Ich haue mich immer voll rein, versuche stets, mein Bestes zu geben und der Mannschaft zu helfen“, sagt der schnelle Chandler zu seiner Top-Leistung. 

Timothy Chandler ist eine der prägenden Figuren bei Eintracht Frankfurt

Timothy Chandler zählt ohne Zweifel zu den prägenden Figuren bei Eintracht Frankfurt, auch und gerade in der Kabine, immer für einen Spruch gut, ausgeglichen, immer positiv gestimmt. Er ist der gute Laune-Onkel in der Mannschaft, beliebt, anerkannt, sein Wort hat Gewicht. Trainer Hütter hat ihn unlängst als „geilen, coolen Typen“ bezeichnet, als „absolut sympathischen Jungen“, der ihm wegen seiner Fröhlichkeit und Unbekümmertheit manchmal „wie ein kleines Kind“ vorkomme. Er hat das als Kompliment gemeint. 

Dass sich der US-amerikanische Nationalspieler (29 Einsätze/ 1 Tor) mit bald 30 Jahren noch einmal derart prägend zurückmelden würde, war im Grunde nicht zu erwarten gewesen. Die vergangene Saison 2018/19 musste er komplett abhaken, ein Knorpelschaden im Knie hatte sogar leichte Zweifel am Fortgang seiner Karriere aufkommen lassen, aber Chandler, der Kämpfer, kam zurück. „Er hat viel durchmachen müssen, er hat es sich verdient“, sagt jetzt Torwart Kevin Trapp. 

Ohnehin gab es in der Karriere des Dauerläufers, noch bis 2022 an die Hessen vertraglich gebunden, immer wieder Rückschläge, verletzungshalber, das Knie zwickte öfters, vor dem Knorpelschaden musste ein Meniskusriss operiert werden. Chandler kehrte stets zurück. „Wenn auf einen Spieler der Begriff Stehaufmännchen passt, dann auf Timmy“, findet Eintracht-Vorstand Axel Hellmann, der Chandler seit seiner Zeit als Jugendlicher am Riederwald bestens kennt. Und Hellmann kann sich noch gut an Zeiten erinnern, da nicht sicher war, ob der junge Mann überhaupt das Zeug hat zum Bundesligaprofi. 

 Chandler: „Ein, zwei Tore könnten noch dazu kommen“

Lange Zeit stand Chandler ganz klar im Schatten von Sebastian Jung, derzeit Ersatzspieler beim Zweitligisten Hannover 96, an ihm kam er nicht vorbei. 2011 wechselte Chandler deshalb zum 1. FC Nürnberg, in die zweite Mannschaft. Und dort hatte er das Glück, dass Trainer Dieter Hecking und sein damaliger Co Armin Reutershahn, händeringend einen rechten Verteidiger suchten – Chandler war da und nutzte seine Chance, erst 2014 kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Hier fühlt er sich wohl, hier er spürt er das Vertrauen der Mitspieler, des Trainers.

Erst unlängst beendete Coach Hütter ein wenig barsch die Diskussion um die Frage, warum die Hessen sich in der Wintertransferperiode nicht nach einem Rechtsaußen umgesehen hätten, mit dem Hinweis, man habe auf dieser Position keinerlei Bedarf – etwa weil Timothy Chandler dies sehr gut spielen könne. Und der hat nach seinen vier Toren in vier Spielen offensichtlich Blut geleckt. „Ein, zwei Tore könnten noch dazu kommen.“

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