Trainer Adi Hütter wagt bei Eintracht Frankfurt die Viererkette. Doch die bringt auch Nachteile mit sich.
+
Trainer Adi Hütter wagt bei Eintracht Frankfurt die Viererkette. Doch die bringt auch Nachteile mit sich.

Die Tücken der Taktik

Hütter wagt bei Eintracht Frankfurt die Viererkette

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
    schließen

Trainer Adi Hütter will bei Eintracht Frankfurt künftig mit einer Viererkette agieren lassen - doch das bringt auch Nachteile mit sich. 

  • Eintracht Frankfurt könnte schon bald mit einer Viererkette spielen
  • Trainer Adi Hütter geht damit ein Wagnis ein
  • Die Taktik bringt auch Nachteile mit sich

Frankfurt - Einmal während des gerade hinter sich gebrachten Trainingslagers in den USA hatte sich Adi Hütter gemeinsam mit zwei seiner Videoanalysten direkt am Übungsplatz auf einem Hubwagen in die Höhe fahren lassen. Der Trainer des Bundesligisten Eintracht Frankfurt wollte aus der Vogelperspektive beobachten, wie sich sein kickendes Personal so verschiebt auf dem Rasen und ob das mit den eigenen Vorstellung auch einher geht. Besonders im Fokus: die Viererkette.

Bekanntlich hat Trainer Hütter die für die Frankfurter Fußballer neue, weil zuletzt eigentlich nie praktizierte Abwehrformation in Florida fleißig üben lassen, eigentlich jeden Tag. Kompakt, kompakt, kompakt - so lautete die Devise des Österreichers, die den Spielern offenbar derart eingetrichtert wurde, dass sie diese in jedem zweiten Satz selbst erwähnten. „Kompaktheit hat uns extrem gefehlt“, sagte zum Beispiel Verteidiger Martin Hinteregger im FR-Interview. Nun erklärte Hütter seinen Ansatz dem Fachmagazin „Kicker“: „Wenn du mit einer Viererkette spielst und einer der Außenverteidiger mitgeht, hast du als Absicherung immer noch drei Abwehrspieler hinten, vorher waren es oft nur zwei, das war teilweise sehr riskant.“ Er sehe gerne Außenverteidiger, die ihren Vordermann hinterlaufen, um auf der Seite Überzahl zu schaffen, so der Coach.

Eintracht Frankfurt: Wer fällt der veränderten taktischen Anordnung zum Opfer?

Überzahl, die dadurch natürlich ganz automatisch in der Mitte flöten geht. Stellt Hütter am Samstag (15.30 Uhr) zum Rückrundenauftakt bei der TSG Hoffenheim tatsächlich die taktische Anordnung um, bietet er also vier Mann auf den Flügeln auf, opfert er dafür einen im Zentrum – aller Voraussicht wäre das der Libero, Makoto Hasebe. Nun spielte der am Samstag 36 Jahre alt werdende Japaner sicher nicht die allerbeste Hinserie, gerade im Vergleich zur herausragenden Saison 2018/19 nicht, und dennoch zählt er nach wie vor zu den besten Frankfurtern im Umgang mit dem Ball. 

Hasebe war und ist ein feiner Techniker, der weiß, wie er die Kugel stoppen, verarbeiten und rasch weiterleiten muss. Im Schnitt 70 Ballkontakte pro Spiel hatte er in der Hinrunde und damit die meisten seiner Mannschaft. Auch brachte er die viertmeisten langen Bälle überhaupt im Bundesligavergleich an den eigenen Mann. Nur Spitzenreiter Thiago vom FC Bayern war in dieser Kategorie deutlich besser. Indizien dafür, wie sehr die Eintracht ihr unter anderem auf Hasebe zugeschnittenes 3-5-2-System verinnerlicht hatte. Diese Automatismen sollen nun innerhalb von knapp zwei Wochen Trainingsarbeit aufgebrochen werden. Zumindest schwierig.

Eintracht Frankfurt will noch häufiger über Außen agieren

Zumal auch in den USA auffällig war, dass es einzig Hasebe – und mit Abstrichen Martin Hinteregger - gelang, von hinten heraus einen flachen, strammen Pass ins Mittelfeld oder bis in die Spitze hineinzuspielen. Die Abwehrkollegen David Abraham, Evan Ndicka oder Almamy Touré trauten sich das gar nicht erst zu.

Ist es also wirklich die Lösung für das aktuelle Dilemma, den für Hasebe quasi maßgeschneiderten Liberoposten zu streichen? Für Hütter offenbar schon. Er sagte: „Für die Flügel haben wir Personal, und unsere Spitzen sind im Strafraum gefährlich.“ Heißt: Künftig soll die Eintracht noch mehr als vorher schon über die Außen agieren. Die Flanken von der Seite sollen noch häufiger hineinsegeln in den Strafraum und dort vor allem Zielspieler Bas Dost treffen.* Im Grunde ein nachvollziehbarer Ansatz, der beim einzigen Test gegen Berlin misslang. Die Flanken segelten zwar, aber wie so oft in der Hinrunde über den Kopf des 1,96-Meter-Mannes hinweg.

Adi Hütter setzt bei Eintracht Frankfurt auf eine defensive Idee

So beruht der Gedanke, sich taktisch zu verändern, weniger auf einer offensiven, sondern eher auf einer defensiven Idee. Ein Ansatz, von dem Hütter in seinen ersten eineinhalb Jahren bei der Eintracht sowie zuvor in Bern oder Salzburg ja recht wenig hielt. Da agierte der Coach lieber mutig. Jetzt sagt er in Anbetracht seiner ersten echten Krise: „Mir ist es lieber, wenn ein Flügelspieler nicht mehr so weit zurück muss.“

Gemeint ist vor allem Filip Kostic auf links, der von Hütter anfangs in die Position des stürmenden Linksverteidigers erfolgreich hineingepresst wurde, sie zuletzt aber eher als ab und an mal verteidigender Linksaußen interpretierte. Die Rückwärtsbewegung fiel Kostic, der offensiv herausragend agierte und nach wie vor quasi die einzig echte Angriffswaffe ist, zuletzt deutlich schwerer. 48 Pflichtspieleinsätze im Jahr 2019 hinterlassen körperliche Spuren und können nicht ständig durch Willensleistungen ausgeglichen werden. So soll Kostic künftig mehr Freiheiten erhalten, um sich auch mal vorne ausruhen zu können. Daher hält es Hütter für akzeptabel, einen gelernten Innenverteidiger auf die Seite zu ziehen, in diesem Fall Evan Ndicka. „Braucht Kostic jemanden, der ihn ständig hinterläuft?“, fragte Hütter rhetorisch und antwortete: „Bei ihm es viel wichtiger, dass er hinten eine Absicherung hat.“

Eintracht Frankfurt: Besetzung auf der rechten Seite alles andere als optimal

Allerdings: Seine berauschenden Läufe kann der Serbe nur dann zeigen, wenn er viel Feld vor sich hat, er sich den Ball vorlegen und hinterher sprinten kann. Ist er weiter vorne platziert, wird der Raum automatisch enger. Hütter liegt aber offenbar viel daran, neue Reize zu setzen. „Die anderen Teams analysieren uns ja auch, sie haben gesehen, dass wir über Filip Kostic bärenstark sind, und machen die Seite gut zu.“ Nun soll Kostic zudem häufiger den Weg in die Mitte finden, um ab und an Platz für den mit nach vorne eilenden Franzosen Ndicka zu schaffen. Sicher nicht optimal.

Nicht optimal, sogar ziemlich ungünstig, ist die Besetzung der rechten Seite. Agierte in der Hinrunde wahlweise einer aus dem Quartett Danny da Costa, Timothy Chandler, Erik Durm und Almamy Touré auf jener Flanke, und das meist nicht besonders prickelnd, muss Hütter für nun gleich zwei Männer für rechts finden. Auch im Trainingslager drängten sich die Kandidaten jedoch nicht auf. Hütter brachte daher Mijat Gacinovic als Alternative ins Spiel, den Mann, der immer so viel probiert und damit fast genauso häufig scheitert. Ein neuer Außenstürmer wäre wohl ratsam. Ob Vorstand Fredi Bobic als zuständiger Chefeinkäufer das ähnlich sieht? Bisher erweckte er öffentlich zumindest nicht diesen Eindruck.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare