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Einer der hgoffnungsvollen Neuzugänge: Djibril Sow. 

Eintracht Frankfurt

Perlentaucher vom Main: Wie Eintracht Frankfurt ihren Transferstil erfolgreich verändert hat

Fredi Bobic hat gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen das Transfergebaren von Eintracht Frankfurt revolutioniert. Mit nachhaltigen Auswirkungen.

Frankfurt - Es ist nicht bekannt, dass der Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic ein besonders Verhältnis zu Glaskugeln pflegt oder mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet ist. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, und manchmal bedarf es auch gar keines Hokuspokus‘, wenn man die richtige Strategie im Kopf und die nötige Expertise hat, wenn man mehr richtige als falsche Entscheidungen trifft. Fredi Bobic hat jedenfalls vor gut zwei Jahren gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen eine bemerkenswerte Weitsicht an den Tag gelegt und das Transfergebaren der Eintracht revolutioniert. Mit nachhaltigen Auswirkungen.

„Wir wollen unsere Bilanz verbessern“, hat der frühere Nationalspieler seinerzeit gesagt, was ja im Grunde jeder möchte. „Dabei versuchen wir, Spieler zum Beispiel für fünf, sechs oder sieben Millionen Euro zu verpflichten, die wir nach einiger Zeit für 30, 35 oder 40 Millionen Euro verkaufen können.“ Hörte sich in der Theorie ganz plausibel und erstrebenswert an, doch an der praktischen Umsetzung gab es doch gehörige Zweifel. Wenn es so einfach wäre, würde es ja jeder machen.

Eintracht Frankfurt hat sich selbst übertroffen

Und nun, im Spätsommer 2019? Hat Eintracht Frankfurt sich und Bobics kühne Absicht selbst übertroffen. Luka Jovic kam einst für rund sieben Millionen Euro von Benfica Lissabon – und ging jetzt für 70 Millionen Euro zu Real Madrid. Für Sebastien Haller überwies die Eintracht sieben Millionen Euro an den FC Utrecht – und bekam nun 50 Millionen von West Ham United. Und wenn der AC Mailand den Kroaten Ante Rebic in zwei Jahren fest verpflichten wird, sind rund 30 Millionen Euro fällig. Der nach Milan verliehene Stürmer kam einst für läppische zwei Millionen Euro vom AC Florenz.

Natürlich fließen diese horrenden Summen nicht eins zu eins auf das Geschäftskonto der Fußball-AG, der Fiskus will mit 35 Prozent bedient werden, hinzu kommen Drittbeteiligungen, so kassieren auch die Ex-Klubs der Spieler noch kräftig ab. Und doch bleibt ein erkleckliches Sümmchen hängen – weit mehr als 60 Millionen Euro. Das sind Dimensionen, die vor drei Jahren in unendlicher weiter Ferne lagen.

Die Eintracht versucht nun im nächsten Schritt, die Partizipationen anderer an ihren Spielern bei einem Weiterverkauf zu minimieren. Das geht nur, wenn der Bundesligist bereit ist, höhere Ablösesummen zu bezahlen und dafür selbst mehr Rechte zu bekommen. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten dazu hat sie mittlerweile.

In Eintracht Frankfurt steckt eine ganze Menge Dynamik 

Vor wenigen Jahren herrschten noch andere Zeiten, 2016 konnte Fredi Bobic für gerade einmal 2,7 Millionen Euro einkaufen und hangelte sich mit insgesamt sieben Leihspielern irgendwie über die Runden. Der Kurs war alternativlos, aber natürlich wusste er, dass dieses Modell kein zukunftsträchtiges und für eine fortwährende Entwicklung hinderlich ist. Also entschied sich der Vorstand zu mehr Wagemut, um die neue Ausrichtung mit Leben zu füllen, die sah vor: weniger Leihgeschäfte tätigen, dafür ruhig mehr Geld in Spieler mit Perspektive investieren, in junge, hungrige Burschen, die veranlagt sind und hoch hinaus wollen; Transfers eben, in denen Fantasie steckt. „Wir mussten unsere Risikobereitschaft verändern“, sagt Finanzvorstand Oliver Frankenbach heute.

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Es ging darum, Profis zu holen, „die uns weiterhelfen, die wir aber auch weiterverkaufen können.“ Spieler wie Jovic, Rebic, Haller, aber auch Evan Ndicka, der dem Klub zu 100 Prozent gehört, oder aktuell den blutjungen Dejan Joveljic, der Anlagen hat, aber gewiss noch Zeit braucht. „Dass diese Strategie so schnell aufgeht, war nicht zu erwarten“, sagt Finanzboss Frankenbach, der dieses Geschäftsmodell für einen Verein wie die Eintracht für unabdingbar hält. „Wir werden diesen Weg weitergehen.“ Angeschoben wurde er durch die immens wichtige Finanzspritze der beiden Aufsichtsräte Philip Holzer und Stephen Orenstein, die vor eineinhalb Jahren 15 Millionen Euro in den Verein pumpten.

Diese Strategie bedeutet auch, dass eine ganze Menge Dynamik im Verein ist und die Fluktuation im Segment der Spitzenspieler durchaus hoch sein kann. Aus diesem Grund kam es für die Sportliche Leitung auch nie infrage, die sogenannte Büffelherde als unverkäuflich zu kennzeichnen, sondern die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass womöglich alle drei einen anderen Weg gehen werden. So ist es dann auch gekommen.

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Nur bei Filip Kostic blieb der Klub von Anfang an hart, auch bei Angeboten von 45 Millionen Euro, weil er sportlich viel zu wertvoll und nicht adäquat zu ersetzen ist. Klar ist aber auch, dass die Eintracht den Serben in einem Jahr verkaufen wird, wenn dieser seine exzellente Form kompensieren und diesen Wunsch äußern sollte. Mehr als 50 Millionen Euro wären dann fällig, eine realistische Aussicht, die im Grunde auch eine Absicherung für die Zukunft bedeutet.

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Denn die Frankfurter horten das Geld nicht, sie haben in diesem Sommer schon weit mehr als 60 Millionen Euro ausgegeben, Investitionen, die dazu dienen, den Verein auf die nächste Stufe zu hieven und ihn sukzessive wachsen zu lassen, indem der Mannschaft immer mehr Qualität zugeführt wird. Transfers wie Kevin Trapp, Sebastian Rode, Djibril Sow oder auch Dominik Kohr, vor allem aber die Verpflichtungen von Bas Dost und André Silva wären vor zwei Jahren unmöglich gewesen. Gerade an den Portugiesen Silva, ein Profi durch und durch, werden hohe Erwartungen geknüpft. In zwei Jahren soll der 23-Jährige gekauft werden, die Ablöse würde sich dann in etwa mit der von Ante Rebic amortisieren.

Entscheidend ist natürlich, dass man das Talent der Spieler erkennt und etwas in ihnen sieht, das eine vielleicht gar nicht mal so kleine Anfangsinvestition rechtfertigt. Es gelingt der Eintracht nicht immer, kleine Perlen freizulegen, Marijan Cavar, Andersson Ordonez oder Francisco Geraldes entpuppten sich zwar als reine Flops, aber es gelingt ihr immer öfter. Dass ist zweifellos ein Verdienst von Chefscout Ben Manga, der ein 20 Mann starkes Team anleitet. Der Kaderplaner sieht mehr als andere. Für das Frankfurter Modell ist das unabdingbar.

Von Ingo Durstewitz

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