Pyrotechnik im Gästeblock trübt die Stimmung beim Großteil der Fans. (Foto: dpa)
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Pyrotechnik im Gästeblock trübt die Stimmung beim Großteil der Fans. (Foto: dpa)

Magische Nacht

Eintracht Frankfurt: So erlebten heimische Fans die magische Nacht von Mailand

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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  • Erik Scharf
    Erik Scharf
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Der 1:0-Sieg bei Inter Mailand wird den Eintracht-Fans noch lange in Erinnerung bleiben. Glückseligkeit, aber auch kritische Momente – fünf heimische Auswärtsfahrer erzählen von der magischen Nacht.

"Es war eine magische Nacht.« Dieser Satz von Steffen Presse aus Nidda fasst zusammen, was 15 000 Fans von Eintracht Frankfurt am Donnerstagabend erlebten. Der Fußball-Bundesligist zog mit einem 1:0-Sieg bei Inter Mailand ins Viertelfinale der Europa League ein. Heimische Auswärtsfahrer erlebten in Mailand Stunden purer Freude, aber auch kritische Momente. Wir fassen die für alle Anwesenden unvergessliche Mailand-Reise aus Sicht der heimischen Eintracht-Fans zusammen.

Die Anreise, geprägt von Vorfreude

Maximilian Heep und Lukas Krufczik aus Gießen reisten am Mittwoch mit dem Zug an. »In unserem gesamten Abteil befanden sich vielleicht drei, vier Leute, die keine Eintracht-Fans waren. Die haben sich schon umgeschaut. Es war die reinste Party.« Um 16 Uhr kamen die beiden Fußball-Freunde an. »Wir haben dann eine Pizza gegessen und uns abends in einer Bar, die fest in Frankfurter Hand war, das Bayern-Spiel angesehen.«

Jörg Wolf, dessen Familie in Bersrod wohnt, fuhr mit sechs Bekannten am Donnerstagmorgen um 5.30 Uhr von Reiskirchen aus los. »Nach dem Gotthard-Tunnel haben wir ausgiebig gefrühstückt, sind später mit dem Multivan sogar ans Stadion gefahren.«

Steffen Presse aus Nidderau und seine Kumpels Markus Bauscher, Tim Theobald und Johannes Weiß sind schon am Dienstag angereist. Die zwei Tage vor dem Spiel nutzten sie zum Sightseeing und Einstimmen auf den Spieltag. Alle zusammen waren auch schon in Rom dabei. "In Mailand war alles viel entspannter, wir haben sogar Scherze mit den Polizisten gemacht. In Rom haben wir eigentlich nur Sirenen gehört.

Fabian Brücher aus Butzbach reiste erst am Spieltag nach Mailand. Der Flieger hob um 14 Uhr vom Frankfurter Boden ab. "In Mailand angekommen ging es schnell ins Hotel in der Innenstadt, bevor wir dann auf den Domplatz gegangen sind. Der Fanmarsch war da schon losgezogen, der Platz aber immer noch voll mit Eintracht-Fans."  

Das Ständchen für Peter Fischer

Am Donnerstagmittag befanden sich Heep und Krufzcik am Piazza del Duomo, »der ab 12 Uhr immer voller und voller wurde«, wie Heep berichtet. Ein Highlight: »Am Donnerstagmittag haben wir Präsident Peter Fischer in der Menge getroffen. Er hatte am Donnerstag Geburtstag, kam gerade aus dem Restaurant und wurde von Hunderten Frankfurtern empfangen. Als ihm ein Ständchen gesungen wurde, kahmen ihm die Tränen. Er lebt die Eintracht.« (zum Video)

Der Marsch vom Mailänder Dom zum Stadion

Um 15 Uhr marschierten zigtausend Eintracht-Fans vom Dom zum rund sechs Kilometer entfernten Stadion. "Das war einfach sagenhaft", sagt Presse. "Alles war friedlich und in voller Vorfreude. Mit so vielen Menschen durch eine Stadt zu ziehen, dazu die Gesänge, das war sagenhaft", sagt Presse. "Die Menschen Mailands haben gestaunt, teilweise wurden die Läden aus Unglaube verriegelt«, erinnert sich Krufczik. (Zum Video)

Brücher und seine achtköpfige Gruppe nehmen die Metro zum Stadion. "In der Bahn haben wir uns ein bisschen mit zwei Inter-Fans unterhalten, das waren gefühlt die einzigen. Als wir vor dem Stadion angekommen waren, war es schon ein irrer Anblick. Das Stadion erschlägt einen. Wir sind dann in einem der Beton-Türme nach oben in den Block gelaufen, das hat sich angefühlt wie im Parkhaus. Oben angekommen war schon alles voll, wir haben uns dann auf der Gegengerade in die oberste Reihe gequetscht."  

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Auch Presse sagt: »Das Stadion hat so eine unfassbare Tradition, es ist alles sehr groß und imposant. Da kriegst du sofort Gänsehaut, wenn du davorstehst.« Dagegen war Wolf vom San Siro nicht begeistert: »Da gibt’s interessantere Stadien«, sagt Wolf. »Vor allem für Frauen ist es wegen der Toilettensituation eine Katastrophe.«

Die kollektive Unterstützung während des Spiels

Die Stimmung im Block aber war herausragend: »So gut wie alle haben beim Gesang mitgezogen«, erinnert sich Heep. Der Butzbacher Brücher schildert die Wucht, die vom Frankfurter Block ausging: »Als das Spiel losging, wurde das berühmte »Hey, Eintracht Frankfurt« nach der Pippi-Langstrumpf-Melodie angestimmt. Alle sind gesprungen und man hat gemerkt, wie die ganze Tribüne, selbst die Betonwand hinter uns, wackelte. Das war einfach nur krank, weil man ja auch nicht wusste, ob die Tribüne das aushält«, erzählt er, halb fasziniert, halb froh, es überlebt zu haben.

Auch Freunde von Presse, die im Bereich hinter dem Tor standen, berichteten davon. Erinnerungen wurden wach an das Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg im Jahr 2012, als Videos zeigten, wie  hüpfende SGE-Fans den Oberrang im Max-Morlock-Stadion beängstigend stark zum Schwingen (hier geht es zum Video)  gebracht hatten.

Heep musste sich mehrmals an den Kopf fassen, als er sah, »wie abgeklärt die Eintracht aufgetreten ist«. Wolf: »Die Spieler gehen an die Grenzen. Das Gejammere von anderen deutschen Euro-League-Teilnehmern ist furchtbar. Ich musste als Polizist auch zig Überstunden kloppen. Da macht es mich schon stolz, wie die Eintracht damit umgeht.« Heep stellt mit einem Lachen fest: »Das ist aber auch eine Doppelbelastung für die Stimmbänder der Fans.«

Der Pyro-Ärger

Der Ärger über die Pyro-Zündler: Kurz vor Spielschluss und nach der Partie wurden aus dem Eintracht-Block Leuchtraketen gezündet. Da die Frankfurter wegen Fan-Ausschreitungen zuletzt eine Bewährungsstrafe erhielten, ist nun von einem Teil- oder Komplettausschluss für das Viertelfinale bei Benfica Lissabon auszugehen. »Das Gros der 13 000 Eintrachtler hat wegen der dummen Pyro-Aktion gepfiffen«, weiß Heep. Die Stimmung sei getrübt, »weil einige Idioten gezündelt haben«, meint Wolf.

»Alle haben sich darüber aufgeregt«, sagt Brücher, das Pfeifkonzert und die »Ihr seid scheiße, wie der OFC«-Gesänge in Richtung der Pyro-Zündler waren auch im Fernsehen deutlich zu hören. »Die Eintracht ist schon auf Bewährung, wir hoffen, dass dies keinen Fan-Ausschluss nach sich zieht«, sind sich Brücher und Presse einig. Inzwischen kursieren sogar Gerüchte, dass die Pyrotechnik von italienischen Fans von Atalanta Bergamo, die mit Inter rivalisieren, gezündet wurde. 

Die Ungewissheit vor Lissabon

Heep und Krufczik haben sich gestern nach der Auslosung bereits einen Flug nach Lissabon gebucht. Sie rechnen mit einem Ausschluss der Gästefans. »Sollte es so kommen, hoffen wir, anderweitig an Karten zu kommen.« Für Presse ist es ein wenig wie die Gretchen-Frage. Einerseits sei Lissabon ein tolles Ziel, andererseits sei ein Ausschluss für die Eintracht-Fans nicht unwahrscheinlich. "Hoffentlich erkennen sie bei der UEFA, dass ein paar wenige Idioten nicht für Tausende Eintracht-Fans stehen. Außerdem ist die SGE so etwas wie das Aushängeschild der Europa-League.Vielleicht hat das ja auch einen Einfluss", hofft er.   

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Letztlich überwog aber die freudige Fassungslosigkeit über das, was die SGE auf den Rasen zauberte. Mit »Arrivederci«-Gesängen wurden die Inter-Fans, die schon Minuten vor Abpfiff das Stadion verließen, verabschiedet. Nach dem Spiel ging es zurück in die Innenstadt, um den Viertelfinaleinzug zu feiern. Presse und Kollegen waren bis vier Uhr früh unterwegs, Reisegruppe Brücher »kurz vor eins zurück im Hotel und ehrlicherweise vom stundenlangen Stehen auch völlig platt«. Platt, aber glückselig.

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