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Vor 40 Jahren: Das letzte Heimspiel des VfL Bad Nauheim

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Von: Michael Nickolaus

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Teamvorstellung zu Beginn der Saison 1981/82: Unser Bild zeigt (von links) Hartmut Keller, James Münch, Manfred Müller, Peter Gehrmann, Paul Langner und Jürgen Pöpel vom VfL Bad Nauheim. © Red

Freitag, 19. Februar 1982. Das letzte Heimspiel des VfL Bad Nauheim nach 18 Bundesliga-Spielzeiten. Ein Erstliga-Abschied wohl für immer. Zum 40. Jahrestag blicken wir auf das emotionale Ende des Traditionsklubs.

Auf dem Eis wird im Herbst eine Strohpuppe angezündet, ein Symbolakt, um das Abstiegsgespenst zu vertreiben. Schecks platzen. Die Kasse wird gepfändet. Mit einem Linienbus fährt die Mannschaft in der Vorweihnachtszeit zum Auswärtsspiel nach Landshut. Vereinsführung und Ansprechpartner wechseln binnen weniger Monate gleich mehrfach. Die Saison 1981/82 des VfL Bad Nauheim wird von Chaos und Querelen geprägt. Dem sportlichen Abstieg folgt der Konkursantrag. Manfred Müller und Ralf Pöpel waren Teil der letzten Bundesliga-Mannschaft der Roten Teufel.

Zusammenhalt in wilde Zeiten

Von »wilden Zeiten« spricht Müller heute, 40 Jahre danach. Wie Pöpel ist auch ihm der »Zusammenhalt« in Erinnerung geblieben. »Die Saison hat uns zusammengeschweißt. Und wir wollten das Ding ordentlich über die Bühne bringen; auch wenn jeder wusste, wie es finanziell aussah«, sagt Pöpel.

Am 19. Februar bestritt der VfL das letzte Heimspiel. Nur 1500 Zuschauer kamen in den Kurpark, wo gegen Rosenheim, den späteren Deutschen Meister, ein Remis erreicht werden konnte. Der Abstieg war zu diesem Zeitpunkt bereits besiegelt, zum Abschied ging’s zwei Tage später zum Mitabsteiger nach Freiburg, wo Pöpel beim 3:5 das letzte Bundesliga-Tor des VfL erzielte.

Die Vorentscheidung war zwei Wochen zuvor gefallen. Bad Nauheim traf auf den damals punktgleichen Schwenninger ERC; mit Trainer Peter Ustorf und mit George Fritz. Beide hatten die Wetterau während der Saison in Richtung Schwarzwald verlassen, insbesondere Ustorf, erst wenige Monate zuvor verpflichtet, galt in Bad Nauheim als Reizfigur, nachdem er dem Mitkonkurrenten auch noch einen der erfolgreichsten Stürmer abgeluchst hatte.

Mehr als 6000 Karten wurden verkauft, Getränkekisten und Bierbänke wurden noch hinter der Kurve gestapelt, um einen Blick auf das Eis zu erhaschen. Nie habe er das Stadion so voll gesehen, sagt Pöpel.

»Wir wollten Schwenningen überraschen, wollten entgegen unserer sonstigen Begegnungen eher offensiv spielen, in Führung gehen und dann die Partie herunterspielen«, sagt Müller. Mit »wehenden Fahnen« sei man letztlich untergegangen, ergänzt Pöpel. Die Niederlage glich einem Sargnagel im Abstiegskampf. Ustorf genoss den Triumph an alter Wirkungsstätte, gestikulierte in Richtung der aufgebrachten Fans, zeigte ihnen den ausgestreckten Mittelfinger, was den Hexenkessel zusätzlich aufheizte. »Das gehört sich nicht für einen, der vorher in Bad Nauheim sein Geld kassiert hat«, sagt Müller, der dem Gäste-Trainer noch auf dem Eis einen ordentlich Hieb mit dem Schläger verpassen sollte. Nur mit Mühe konnten beide getrennt werden. Ustorf, der beim Schiedsrichter vergeblich eine Sperre gefordert hatte, blieb der Pressekonferenz fern. »Seine Sicherheit ist hier gefährdet«, erklärte SERC-Abteilungsleiter Dr. Benzing.

Die Luft war nun raus. Zwei Tage später verlor der VfL in Garmisch-Partenkirchen mit 1:13, bevor eine 2:5-Heim-Niederlage gegen den Kölner EC - mit Ur-Nauheimer Rainer Philipp - den Abstieg auch rechnerisch besiegeln sollte.

Die Saison habe von Beginn an unter einem schlechten Stern gestanden, meint Pöpel. Der Kader habe sicherlich Qualität für eine Position zwischen sechs und zehn gehabt, doch schon vor dem ersten Punktspiel wurde deutlich, wie es finanziell um den Verein stand. In Winterberg, im Gasthaus »Zum treuen Bernhadiner«, hatte sich die Mannschaft vorbereitet, Tage später vom geplatzten Scheck erfahren. »Wir dachten nur, wenn es schon so losgeht«, erinnert sich Pöpel. Zunächst hatten nur die Ausländer ihr Geld erhalten, den in Bad Nauheim verwurzelten Spielern wurde vom Vorstand Erpressung nachgesagt, als diese auf Zahlung ihrer Gehälter bestanden hatten.

Mit sechs Niederlagen war der VfL in die Saison gestartet. Die Rote Laterne konnte zwischenzeitlich zwar weitergereicht werden, die innerbetriebliche Unruhe aber blieb. Nach einer 2:13-Niederlage beim SC Rießersee bat Ustorf um Auflösung seines Vertrags. Der Kader war inzwischen ausgedünnt. Johannes Karl, Paul Otto und Thomas Selenka wurde gekündigt, Paul Langner von Ustorf vergrault worden, Tino Brandl zog es zurück nach Bad Tölz, den jungen Peter Olejnik nach Kassel. Gehälter wurden verspätet und nur in Teilen ausgezahlt.

Als Coach kam Vladimir Cechura zurück, der schon in der Saison 79/80 in Bad Nauheim tätig war. Das amtierende und das ehemalige Vorstandspersonal duellierte sich derweil mit öffentlichen Schuldzuweisungen. Vor dem letzten Dezember-Heimspiel kündigte Kapitän Helmut Keller bereits das letzte Spiel auf eigenem Eis an, woraufhin unter den Fans gesammelt wurde. »Wir wollen irgendwie den Klassenerhalt schaffen und haben gehofft, über den Sommer könnte sich die wirtschaftliche Situation entspannen«, sagt Müller. Pöpel ergänzt: »Mit wenigen Ausnahmen waren da nur noch echte oder in Bad Nauheim längst verwurzelte Spieler im Kader. Wir hatten keinen Quertreiber, haben zusammengestanden. Der VfL war schließlich unser Verein. Da konnten wir nicht einfach hinwerfen. Und darauf hat auch der Vorstand gebaut.« Aus den Tageseinnahmen wurde den Spielern hier und da mal ein Tausender zugesteckt.

Das ZDF schickt Kult-Reporter

Neben Torwart Peter Zankl und den Kanadiern Bill Lochead und Mike Zettel sowie Müller, Pöpel und Keller zählten Bernd Schoof, Mike Wehrmann, James Münch, Jürgen Pöpel sowie die Junioren Thomas Barczikowski und Christan Ziesch zum Häuflein derer, die den Klub sportlich zu retten versuchten. Die Fans standen hinter dem Team, bei der Volksbank war gar ein Spendenkonto eingerichtet worden. Das ZDF schickte Kult-Reporter Günter-Peter Ploog und machte den VfL zum Thema in der »Sport-Reportage«.

»Die Niedergeschlagenheit war riesig, bei den Fans wie auch bei uns«, beschreibt Pöpel das Stimmungsbild Ende Februar. Den Klassenerhalt hatte der VfL verpasst, der Konkursantrag war gestellt. Mit offenen Armen wurden Spieler wie Keller, Knihs, Müller und Jürgen Pöpel bei Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Frankfurt aufgenommen. Ralf Pöpel zog es mit Barczikowski, Ziesch und Lochead nach Mannheim, Wehrmann spielte später anschließend für Straubing, Münch für Freiburg, Zettel für Düsseldorf und Zankl für Köln.

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