Motor und Krisenmanager: Andreas Ortwein führt seit mehr als zehn Jahren die Geschäfte beim Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim. Links: WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus. ARCHIVFOTO: NICI MERZ
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Motor und Krisenmanager: Andreas Ortwein führt seit mehr als zehn Jahren die Geschäfte beim Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim. Links: WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus. ARCHIVFOTO: NICI MERZ

EC Bad Nauheim

EC Bad Nauheim:Von Wachstum, Corona und dem neuen Eisstadion

  • Michael Nickolaus
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Andreas Ortwein ist beim EC Bad Nauheim Geschäftsführer, Motor und Corona-Manager. Im Interview spricht über über GmbH-Wachstum und die Folgen der Pandemie für den Spielbetrieb und die Stadionpläne.

Herr Ortwein, wie lange können die Roten Teufel ohne Zuschauer spielen?

Es ist sicher möglich, im November ohne Zuschauer zu spielen. Dafür gibt es die Billigkeitsrichtlinien vom Bund, die Zuschauerausfälle im Zeitraum September bis Dezember teilweise kompensieren. Für uns ist es natürlich wünschenswert, möglichst schon ab Dezember - auch im Sinne der Gastronomie-Einnahmen, die verloren gehen - wieder vor Fans spielen zu können.

Die Hilfspakete sind zunächst einmal bis Jahresende befristet. Wie soll der Spielbetrieb der DEL 2 ab Januar aufrechterhalten werden?

Auf Landes- und Bundesebene werden Gespräche über Fördermaßnahmen im Jahr 2021 geführt - für alle Sportarten. Natürlich gibt es noch keine verbindlichen Aussagen. Ziel ist es, diese Dialoge im November abzuschließen, um mehr Klarheit für den Spielbetrieb ab Januar zu schaffen.

Inwieweit hat sich die DEL 2 mit einer Komplett-Absage der Saison beschäftigt?

Natürlich haben wir auch über diese Frage diskutiert. Aber wir wollen unser Produkt aufrechterhalten; wie jedes andere Unternehmen in der freien Marktwirtschaft auch. Schließlich haben wir Angestellte und diesen gegenüber auch eine Verantwortung. Natürlich wurden Sparmaßnahmen getroffen, und natürlich werden wir auch eine elementare Unterstützung durch unser Umfeld benötigen. Da wird es Gespräche geben. Unter Abwägung aller Punkte muss man festhalten, dass eine Absage mehr Schaden anrichten würde als ein Spielbetrieb. Die Hilfsprogramme sind für den DEL 2-Sport sehr gut zugeschnitten und machen es uns möglich zu spielen. Wir wollen die Politik zudem überzeugen, dass unsere Konzepte greifen, wenn es zu Lockerungen kommt, und der Sport sehr verantwortungsvoll mit der Pandemie umgeht. Dennoch bleibt es auch eine Gratwanderung.

Die EC Bad Nauheim Spielbetriebs GmbH & Co.KG steht für eine sehr transparente Kommunikation. Wie fallen Reaktionen von Werbepartnern und Dauerkartenkunden bislang aus?

Ich denke, rund 90 Prozent aller Partner zeigen sich im Moment sehr verständnisvoll. Da ist über die Jahre ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Wir wollen keinesfalls, dass Leistungen - egal, ob für Sponsoren oder Dauerkartenkunden - durch fehlende Spiele wegfallen und werden zu gegebener Zeit entsprechende Regelungen treffen. Ich denke, im Augenblick hat jeder Verständnis, dass es vorrangig ist, den Spielbetrieb unter den veränderten Rahmenbedingungen zu organisieren. Ziel ist es, gemeinsam über Krise hinweg zu kommen und möglichst wenig Schaden nehmen. Dass wir Verluste davontragen, wird keiner von sich weisen. Was der Staat an Unterstützung leistet, ist gut, wird aber die entstehenden Kosten nicht auffangen können. In unserem 75. Jahr wird mehr denn je Zusammenhalt gefordert sein.

Wird sich Profi-Eishockey im kommenden Winter noch so darstellen, wie wir es aus der Vergangenheit kennen?

Ich wünsche mir, dass alle 28 Profi-Standorte gut durch die Krise kommen. Momentan denken wir von Woche zu Woche. Die Phase wird sicher nicht spurlos an den Klubs vorübergehen. Der Markt hat sich bereits im Sommer verändert, und ich denke, auch wenn es Lösungen für die Pandemie gibt, werden die Veränderungen nicht abebben. Viele Klubs in Europa werden einen wirtschaftlichen Aderlass erleiden und auf Jahre beeinflusst werden. Die gut bezahlten Jobs werden rar, und deshalb werden wir den einen oder anderen Spieler aus höheren Klassen in der DEL 2 sehen.

Sie kämpfen nicht alleine, sondern im Verbund mit Teamsport Hessen und Teamsport Deutschland. Inwiefern hilft dieses Bündnis?

Das ist ein absoluter Gewinn. Wir haben einen intensiven Austausch, das bringt Impulse und hilft. Teamsport Hessen beispielsweise ist die Stimme in Richtung Landesregierung und leistet einen elementaren Beitrag, dass wir da stehen, wo wir heute stehen.

Vor rund zwei Monaten wurde Pläne zum Arena-Bau gemeinsam mit der Stadt präsentiert. Seitdem ist es still geworden. Müssen Sie sich angesichts der Pandemie-Lage inzwischen von Traum eines neuen Stadions nicht verabschieden?

Wir hatten in diesem Zusammenhang ungefähr 20 Termine mit Interessengruppen, haben sehr viel Input zu verschiedenen Fragestellungen und wertvolle Erkenntnisse erhalten. Das werden wir nun intern sortieren. Ja, wir sind derzeit eingebremst. Die grundsätzliche Haushaltslage der Stadt ist angespannt, so dass es schwer ist, planerische Mittel jetzt einzustellen. Das wurde uns gegenüber offen kommuniziert. Wir werden nun mit Partnern aus unserem Umfeld und Fachplanern sprechen, um zu sehen, wie wir mit den 190 000 Euro Kosten, die für eine Vorentwurfsplanung im Raum stehen, umgehen. Wir werden ausloten, was machbar ist. Mein Auftrag vom Aufsichtsrat ist es, ein kostenoptimiertes Setup zu finden, das zu stemmen ist. Ebenso wollen wir versuchen, dies zumindest anteilig aus dem eigenen Umfeld zu rekrutieren. Die GmbH & Co.KG selbst kann das in der aktuellen Lage nicht leisten.

Wenn die aktuelle Lage keine Vorentwurfsplanung durch die Stadt zulässt: Wie soll in wenigen Jahren ein Millionen-Betrag zur Verfügung stehen?

Dass im aktuellen Haushalt mit der Thermen-Umsetzung oder den geringeren Gewerbesteuereinnahmen keine Mittel zur Verfügung stehen, ist doch verständlich. Man kann ja beispielsweise keinen Kindergarten schließen, um eine Arena zu forcieren. Das will keiner! Und natürlich könnten wir das Thema Arena jetzt einfach mal ein, zwei Jahre ruhen lassen. Aber wir haben den Ball bewusst wieder aufgenommen, weil wir die aktuellen Probleme und Belastungen in der Stadt verstehen. Wir haben aber auch ein altes Stadion, was ein zeitliches Ende hat. Daher müssen wir weiter an der Lösung arbeiten - das ist existenziell. Heute kann niemand eine Prognose für die kommenden Haushalts-Jahre abgeben - nirgendwo. Für eine Beschlussvorlage in der Stadt brauchen wir ohnehin eine vertiefte Vorplanung; immer im Konsens mit der Politik und der Fragestellung, was gewollt ist. Im Augenblick erfordert dies etwas Zeit und Geduld.

Die Zahl der Gesellschafter wächst kontinuierlich. Inzwischen sind mehr als 50 Kommanditisten registriert. Mit Dag Heydecker konnte zudem die Geschäftsleitung erweitert werden. Werden die Teufel durch die Krise nun ausgebremst?

Das Wachstum, die Neustrukturierung der GmbH als KG, das Winter-Derby - all das bringt uns voran und gibt Selbstvertrauen, das Gefühl und die Strukturen, ein solches Projekt wie das Stadion überhaupt angehen zu können. Mit Dag Heydecker und einem erweiterten Umfeld haben wir neue Ressourcen, Netzwerke und clevere Ratgeber, die uns Impulse geben. Inwieweit die Krise kurz-, mittel- und langfristig Fans und Sponsoren beeinflusst, ist noch nicht abzuschätzen. In gewisser Form wird es Rückschritte geben. Das wirft uns in der Entwicklung zurück, nicht aber im Wettbewerb, denn das trifft auf andere Klubs ebenso zu. Wenn man Partner verliert, tut das weh und dauert, bis man diesen oder einen anderen wieder im Boot hat.

Am Standort Bad Nauheim scheint man dennoch bislang vergleichsweise gut durch die Krise gekommen zu sein.

Wir haben eine Organisationsstruktur, die sicherlich am Anschlag agiert und keine leichte Aufgabe hat, sich auf täglich wechselnde Verhältnisse einzustellen. Aber ja, wir wissen, was wir tun, und haben gute Leute, die immer wieder auf das Konstrukt mit draufschauen und dies bewerten. Viele sprechen von einem Blindflug. Das sehe ich anders. Wir wissen, wohin die Reise geht, wir wissen nur nicht, wie viele Wolken- und Nebelfelder wir durchfliegen müssen. Klar ist auch: Es war lange nicht mehr so unsicher, wie in diesem Jahr. Dessen sind wir uns alle bewusst und gehen entsprechend verantwortungsvoll damit um.

Das Land Hessen räumt Profisportvereinen bis zum 31. Dezember 2020 die Möglichkeiten zu einem Liquiditätskredit ein. Werden die Roten Teufel darauf zurückgreifen?

Darüber haben wir auch im Aufsichtsrat gesprochen. Wenn es die Lage erfordert, werden wir auch dieses staatliche Mittel in Erwägung ziehen. Bislang war dies dank der großen Unterstützung aus dem Umfeld nicht nötig. Wir haben bisher nur die Bundesmittel für die Ticketing-Zuschüsse beantragt und auch bereits genehmigt bekommen.

Mit jedem Geisterspiel verliert der Fan die Identifikation zur Mannschaft. Es fehlen Geselligkeit und Emotionen im Stadion. Wie wollen Sie den Zuschauern die Nähe zum Eishockey, zu den Roten Teufeln erhalten?

Geisterspiele sind natürlich nicht das, was wir wollen. Dennoch haben wir auch Verständnis. Eishockey ist nur ein kleiner Part bei den großen Problemen der Pandemie. Wir werden jede Form der Kommunikation nutzen, versuchen, die Menschen zu erreichen und die Verbundenheit zu erhalten. Wir werden das Maximale tun und haben Ideen in der Pipeline. Aber natürlich gibt es auch die Rest-Angst, Menschen zu verlieren.

Eissport in Bad Nauheim steht vor seinem 75-jährigen Jubiläum. Inwiefern kann dies gefeiert werden?

Wir haben einige Dinge in der Schublade, die wir auspacken, wenn sich der Horizont auftut, diese Sachen auch umzusetzen. Was umsetzbar ist, gehen wir aktuell aber auch an und wir werden zeitnah auch einige positive Projekte veröffentlichen.

An manchen DEL 2-Standorten wird von Importspielern gesprochen, die unter normalen Umständen wohl nicht zu haben gewesen wären. Sehen wir die stärkste DEL 2 aller Zeiten?

Die Liga hat durch die sehr kuriose Transfermarktsituationen sicher sportlich noch mal einen Sprung gemacht. Ich sehe darin aber nur eine Fortsetzung der vergangenen Jahre. Wir nähern uns der DEL immer mehr an.

Wo wird sich der EC Bad Nauheim am Ende der DEL 2-Hauptrunde wiederfinden?

Wir haben eine Mannschaft mit Charakter und Arbeitsmoral; eine geschlossene Truppe, die über Höhen und Tiefen einer Saison gehen kann. Wenn wir umsetzen, was im Kader steckt, werden wir unter die ersten Acht kommen.

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