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Ein Mann mit Visionen: Andreas Ortwein, Geschäftsführer vom EC Bad Nauheim (rechts), im Gespräch mit WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus.

EC Bad Nauheim

EC Bad Nauheim: Warum die kommende Saison eine besondere sein kann

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Die Stadion-Frage, die GmbH-Umwandlung, das Winter Derby: Geschäftsführer Andreas Ortwein spricht im Interview über die besondere Bedeutung der Saison 2019/20.

Andreas Ortwein sprüht vor Energie und Tatendrang. Vom Anstoß der Stadion-Frage, der Ausrichtung des Winter Derbys und der positiven Entwicklung der GmbH wirkt der Geschäftsführer des EC Bad Nauheim beflügelt. Im Interview spricht der 41-Jährige über die besondere Bedeutung dieser Saison, ein mögliches Wettrüsten und die Zukunft der Roten Teufel.

Andreas Ortwein, die Roten Teufel haben einen Dauerkartenrekord aufstellt und im Bereich Sponsoring die Millionen-Marke geknackt; trotz der eingeschränkten Möglichkeiten, die das Stadion und seine Infrastruktur bieten. Wie ist das möglich?

Andreas Ortwein:Über kleine Schritte. Das Vertrauen im Umfeld ist sukzessive über Jahre gewachsen. Einige Dauerkartenkäufer kommen hinzu, sehr viele bleiben uns über Jahre treu. Es gibt nur ganz wenige, die keine neue Saisonkarte kaufen. Im Bereich Sponsoring sind wir schon nahe am Plan-Etat dran und optimistisch, dass wir während der Saison eine Steigerung erreichen. Das Sponsoring verändert sich. Partner gehen weg von statischen Leistungen, nutzen vielmehr Werbemöglichkeiten in Apps, Social-Media-Kanälen, der Videowand oder bei Sprade TV - das sind Dinge, die im Stadion eben nicht gleich sichtbar sind.

Das Stadion-Projekt wurde angekurbelt, die GmbH umstrukturiert. Zudem hat man den Zuschlag für das Winter Derby erhalten. Warum ist diese Saison von besonderer Bedeutung?

Ortwein:Das Winter Derby kann ein Add-On sein, das uns wirtschaftlich nach vorne bringt. Bei der GmbH und Co KG steuern wir auf die geplanten 50 Kommanditisten hin. Das stärkt die GmbH kaufmännisch und schafft uns ein breiteres Netzwerk. Beim Thema Stadion sind wir mit der Stadt im Gespräch und dem Planungsunternehmen aktiv im Austausch. Ein sportlich erfolgreiches und wirtschaftlich stabiles Jahr mit einem positiven Winter-Derby, das uns auch image-technisch nach vorn bringt - all das kann uns den Schub geben, um ein solch großes Projekt wie das Stadion anzuschieben.

Der EC Bad Nauheim geht in seine siebte DEL 2-Saison. In den vergangenen vier Jahren wurden dreimal die Playoffs erreicht. Sind die Roten Teufel inzwischen ein etablierter Playoff-Klub?

Ortwein:Wir sehen uns als etablierten DEL 2-Verein, nicht als Playoff-Verein. Die Leistungsdichte ist gerade in diesem Sommer enorm gestiegen. Es wäre fatal zu glauben, dass wir die Playoffs sicher haben. Das müssen wir an 52 Spieltagen beweisen. Die vergangene Hauptrunde hat gezeigt, wozu zu viel Selbstsicherheit führen kann. Ich denke da an Kassel oder Dresden, deren Etats weit über unseren liegen. Klar ist: Mit Abstiegskampf dürfen wir nichts zu tun haben. Das ist unser Anspruch. Wenn’s optimal läuft, kommen wir auch wieder unter die Top Sechs. Das Umfeld erwartet das. Das kann ich nachvollziehen. Aber wir dürfen in guten Phasen nicht in Euphorie ausbrechen und müssen in schlechten Phasen dennoch Ruhe bewahren.

Hinter dem Klub liegt die Rekordsaison mit 92 Punkten nach der Hauptrunde. Von hinten drängen Klubs wie Dresden, Kassel, vielleicht auch Bad Tölz nach vorne. Wie gelingt es, die Balance zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu finden?

Ortwein:Ich glaube, die Top-Klubs werden am Ende im Vergleich eher weniger Zähler haben, die Klubs dahinter etwas mehr. Überhaupt glaube ich, dass die Abstände zwischen dem Ersten und dem Letzten kleiner werden. Mit 75 Punkten ist man wohl in den Top-Ten, mit 80 Zählern kratzt man an Platz sechs und mit 85 Punkten an Position vier. Das macht’s doch unheimlich spannend.

Die GmbH wurde neu strukturiert. 50 Kommanditisten waren das Ziel. Und das wurde bereits zum Saisonstart erreicht. Wie geht’s weiter?

Ortwein:Dass wir in dieser kurzen Zeit 50 Kommanditisten akquirieren konnten, ist ein gutes Zeichen, um der Stadt, dem Land, der Politik zu zeigen: Hier in Bad Nauheim gibt’s eine breite, große Zustimmung zum Eishockeysport, Menschen, die bereit sind, sich einzubringen. Egal, ob über einen Förderverein, als Gesellschafter, Kommanditist oder ehrenamtlicher Spieltagshelfer. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen.

Sie sind in der DEL2-Sport- und Wirtschaftskommission tätig. Wie erleben Sie die Entwicklung jetzt, ein Jahr vor der Wiedereinführung von Auf- und Abstieg mit der DEL?

Ortwein:Ich glaube, dass wir gegenüber der DEL aufgeholt haben. Wir sind nicht mehr so weit weg, wie wir es vielleicht vor fünf Jahren waren. Natürlich sind wir entfernt von Mannheim oder München, aber das sind in der DEL auch viele andere Standorte. Wir in der DEL 2 sind Klubs wie Krefeld, Straubing oder Iserlohn nähergerückt. Wir in Bad Nauheim wollen im DEL 2-Konzert mitspielen und unseren Standort zukunftsfähig machen. Wenn dazu auch in der DEL 2 die DEL-Rahmenbedingungen geschaffen werden, müssen wir diesen Weg in unserer Liga mitgehen.

Außergewöhnlich viele etablierte DEL-Spieler sind im Sommer in die DEL2 gewechselt. Hat das Wettrüsten schon begonnen?

Ortwein:Die Konzepte des Deutschen Eishockey-Bundes greifen langsam. Es gibt Ausbildungszentren, nicht nur in Mannheim. Es tut sich was. Das bringt uns hoffentlich irgendwann in die Position, den neunten, achten oder siebten Kontingentspieler in der DEL zu streichen. Dann gibt es auch wieder Jobs für Spieler wie Marc El-Sayed und Manuel Strodel, aber auch für Simon Gnyp und Dani Bindels. In der DEL 2 decken sich die Klub momentan mit den guten jungen Spielern ein, werden sie heranführen, damit sie im nächsten Jahr weiterhelfen können. Wer aufsteigen will, der kann nicht nur mit den Etablierten arbeiten.

Wird es Ihnen nicht angst und bange, wenn Sie an die Saison 2020/21 denken?

Ortwein:Nein. Wenn’s wieder um den Aufstieg geht, dann ist das das Salz in der Suppe. Das bringt Zuschauer und Aufmerksamkeit. Es gibt doch nichts Schöneres als im Viertelfinale einen der Großen rauszukegeln.

Das Wettrüsten könnte einen Top-Klub auch ruinieren?

Ortwein:Diese Gefahr sehe ich nicht so gegeben. Wir haben in der DEL 2 nicht die Diskrepanzen wie in der DEL, liegen nicht mehrere Millionen auseinander. Ich glaube, die zweite Liga ist ein sehr attraktiver Bereich. Da spielt ein DEL-Absteiger plötzlich wieder um die Meisterschaft. Beispiele aus dem Fußball wie Köln und Hamburg zeigen den Rückhalt der Fans an solche Standorten. Klar ist: In diesem Jahr wird man einige personelle Fragen schon frühzeitig klären. Und wir werden nicht schlafen.

Einst wurde der EC Bad Nauheim von einem Vorstand geführt. Inzwischen gibt’s neben einer Spielbetriebs- auch eine Catering und eine Winter-Derby-GmbH. Wohin wird diese Entwicklung noch führen?

Ortwein:Für den Fan sind und bleiben wir der EC Bad Nauheim. Dahinter steht ein Konstrukt, das die bestmögliche Stabilität und Entwicklungsmöglichkeit bringt. Wir haben uns bewusst so aufgestellt, weil wir an diese Organisationsstruktur glauben und darin Potenziale sehen. Wir müssen uns permanent weiterentwickeln, wenn wir auf dem jetzigen Level weiter agieren wollen. Mit unserer Schaffenskraft ist das noch zwei, drei Jahre möglich. Aber ich sehe auch das Ende des Tunnels unaufhaltsam näher kommen. Wir brauchen Veränderungen, und diese Projekte brauchen Zeit. Das Stadion ist ein elementarer Bestandteil für eine weitere Entwicklung. Jeder weiß, dass wir hier reglementiert sind, dass es Grenzen gibt. Wir können vieles kompensieren. Das kostet Energie. Wenn uns die Energie ausgeht und wir keine Entwicklung mehr nehmen, werden wir Rückschritte in Kauf nehmen müssen.

Neben Bundesliga-Handball und -Basketball wird nun in Gießen auch Regionalliga-Fußball angeboten. Ein weiterer Mitbewerber auf dem Sponsorenmarkt?

Ortwein:Es gibt Werbepartner, die von mehreren Klubs Angebote haben. Da haben wir einen klaren Nachteil: unser Stadion. Das punktet mit Charme und Stimmung, aber wir kämpfen mit Kälte und Nässe - und da muss man ehrlich sein. Wir wollen authentisch sein und so präsentieren wir uns auch. Wer sich uns anschließt, der sieht, dass wir das Maximale rausholen und Unterstützung verdienen.

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