Der EC Bad Nauheim hat am Wochenende vor leeren Rängen spielen müssen; ein Szenario, das dem Eishockey-Zweitligisten auch in den kommenden Woche droht. FOTO: CHUC
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Der EC Bad Nauheim hat am Wochenende vor leeren Rängen spielen müssen; ein Szenario, das dem Eishockey-Zweitligisten auch in den kommenden Woche droht. FOTO: CHUC

EC Bad Nauheim

EC Bad Nauheim: Wie sich ein Geisterspiel im Stadion anfühlt

  • Michael Nickolaus
    vonMichael Nickolaus
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Das hatte es in 75 Jahren Eissport in Bad Nauheim noch nicht gegeben. Die Roten Teufel mussten am Wochenende Geisterspiele austragen. Wir waren dabei.

Das Kratzen der Kufen ist zu hören. Dumpf schlägt der Puck in der Bande, laut krachen Schläger und Körper ineinander. Worte sind auf der menschenleeren Tribüne zu verstehen. Was wie ein Training wirkt, ist ein Geisterspiel. Der EC Bad Nauheim hat seine Wochenend-Heimspiele erstmals ohne Zuschauer bestreiten müssen.

Im Kurpark ist es still. Nur wenige Menschen sind am Freitagabend unterwegs. Niemand trägt ein Eishockey-Fan-Trikot. Keiner diskutiert über neue Lieblinge, über Fehleinkäufe oder Playoff-Chancen. Das Colonel-Knight-Stadion bleibt zu den Heimspielen gegen die Kassel Huskies und den Herner EV aufgrund der gestiegenen Corona-Inzidenzzahlen geschlossen.

Die Zufahrt zum VIP-Parkplatz ist frei. Viele Stellplätze bleiben aber unbesetzt. Keiner hat hier Sonderrechte. Nur wer arbeitet, darf auch ins Stadioninnere. Zeitnehmer, Ärzte, das Sprade-TV- und Statistik-Team, Schiedsrichter-Betreuer, Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Medienvertreter - ein überschaubarer Kreis von 15, vielleicht 20 Personen. Alle mit Maske. Der Anblick ist trist. Keine Sprechchöre aus der Kurve, keine Spruchbanner, kein Feierabendbier in geselliger Runde mit Freunden zur Einstimmung auf das Wochenende. Im VIP-Raum sitzt eine Handvoll Gesellschafter der Spielbetriebs GmbH, auch Andreas Ortwein, der Geschäftsführer, steht nicht auf seinem angestammten Platz im Kabinengang, sondern verfolgt das Spiel aus der Partyrent-Lounge. "Es ist schade, dass wir trotz Hygienekonzept ohne Zuschauer spielen müssen. Der Sport - das war die Übereinkunft mit der Politik - solle sich bis Ende Oktober in einer Testphase befinden. Jetzt wurde das Zeitfenster verkürzt, obwohl kein Zusammenhang mit einem Corona-Fall im Stadion bekannt ist. Da hätten wir uns natürlich einen differenzierten Blick gewünscht", sagt er. "Allerdings stellt die Politik auch den wirtschaftlichen Rahmen, der Geisterspiele überhaupt erst möglich macht."

Das Stadion ist nach dem Warmlaufen weitgehend abgedunkelt; wie immer, wenn Stadionsprecher Richard Eberhardt die Aufstellungen vorliest. Auf der Videowand werden die neuen Konterfeis der Profis eingespielt, es läuft ein Videoclip zum einheizen. Hier ist fast alles wie immer. Die Unterbrechungen werden musikalisch begleitet. Selbst das Powerbreak, die Werbe-Unterbrechung in jedem Drittel, gehört zum Geisterspiel, das am Freitag passenderweise von dichten Nebelschwaden auf dem Eis den kompletten Abend über begleitet wird.

Identifikation fehlt

Mitarbeiter der Geschäftsstelle sind bemüht, den TV-Zuschauern durch stetes Wischen der Plexiglasscheiben ein möglichst scharfes Bild bieten zu können. In den sozialen Medien, wo sonst quasi live über das Spiel diskutiert wird, gewähren Internet-User Einblicke in ihre Wohnzimmer, wo das Spiel über die Monitore flimmert.

Die fehlenden Zuschauer-Einnahmen werden durch staatliche Zuschüsse zu einem gewissen Teil kompensiert. Was den Roten Teufeln aber fehlt, sind die Gewinne aus dem Catering. Das wickelt der EC Bad Nauheim als einer der wenigen Klubs der Liga in Eigenregie ab. Geisterspiele werden sich auch in den Merchandising-Umsätzen niederschlagen. Über den Internet-Livestream fehlen Kontakt und Nähe zur Mannschaft. Zuschauer wollen sich mit den Profis identifizieren können, wenn sie Trikots kaufen. Der Gelegenheits-Zuschauer wird sich unter solchen Voraussetzungen schnell entfremden.

In der sechsten Minute des Freitag-Derbys gegen Kassel trifft Kelsey Tessier zur Führung für Bad Nauheim - unmittelbar vor der sonst stimmungsvollen Fankurve stehend. Dort hatte der Kanadier eine Woche zuvor nach einem Treffer die Arme in die Höhe gereckt, den Blick auf die Tribüne gerichtet und sich umjubeln lassen. Jetzt ist die Freude weitaus verhaltener; erinnert an ein Trainingsspiel mit teaminterner Wette als kleinen Anreiz für den Gewinner.

"Ich fand in erster Linie das Warmlaufen anders. Da blickt man eher mal auf die Tribüne, sieht, spürt das Gewusel und die Vorfreude. Stattdessen hat man auf leere Ränge geschaut", sagt Daniel Ketter, der so viele Spiele im Colonel-Knight-Stadion bestritten hat wie kein anderer im Kader 2020/21. "Während des Spiels - da kann ich nur für mich sprechen - habe ich das fehlende Drumherum nicht so wahrgenommen. Da bin ich zu sehr auf das Spiel konzentriert", sagt der Verteidiger und fügt an: "Vielleicht lag’s auch am Nebel, dass man die Zuschauer ohnehin nicht gesehen hätte."

Sportlich hatten die Roten Teufel überzeugen können, wirkten in der Vorbereitung einen Schritt weiter als die Huskies aus Nordhessen. Das Spiel war schnell, war intensiv, hat Lust geweckt. Der Kader hat Potenzial. "Die Trainer hatten uns gut eingestellt. Kassel zählt zu den Top-Klubs, und da will man gut aussehen - Testspiel hin oder her", sagt Ketter. Nach dem 5:2-Erfolg durfte Ketter - wie fast ausnahmslos alle älteren und erfahreneren Spieler - am Sonntag pausieren. Mit einem jungen Rumpf-Kader verlor Bad Nauheim gegen Herne mit 2:3.

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