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Der Sportliche Leiter Matthias Baldys (Mitte) und Nachwuchstrainer Alexander Baum teilen sich bei Heimspielen der Roten Teufel auf der Pressetribüne die Arbeit. Links: Jannik Weiser, der die offizielle Schuss-, Bully- und Plus-Minus-Statistik mit seinen Kollegen führt. FOTO: CHUC

EC Bad Nauheim

EC Bad Nauheim: 60 Minuten in 400 Clips - wie Video-Analyse das Spiel beeinflussen kann

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In der Drittelpause muss es schnell gehen: Matthias Baldys, Sportlicher Leiter beim EC Bad Nauheim, bereitet Trainer Christof Kreutzer das Spiel mit wenigen Handgriffen auf; das hat den Roten Teufeln schon so manchen Punkt gebracht.

Ein reguläres Spiel dauert 60 Minuten. Für eine Analyse wird es katalogisiert; nach Spiel-Situationen, unterteilt in oft mehr als 400 Video-Clips. Schon in den Pausen hat Trainer Christof Kreutzer vom Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim Zugriff auf die Sequenzen, kann taktisch reagieren und Fehler gezielt ansprechen.

Die Fingerkuppen gleiten wie automatisiert über den Laptop. Matthias Baldys nutzt Tastenkürzel, sogenannte Shortcuts. Und das oft im Fünf-Sekunden-Takt. Der Sportliche Leiter des EC Bad Nauheim verfolgt die Spiele des Eishockey-Zweitligisten zumeist von der letzten Tribünenreihe aus; egal ob zu Hause oder auswärts. Der Auftrag: das Spiel in Video-Sequenzen zusammenzufassen; für eine Analyse während (!) der Drittelpausen. "Wir haben genau deshalb schon Tore erzielt, Gegentore verhindert und Spiele gewonnen", sagt Christof Kreutzer voller Überzeugung.

Als Trainer hatte er die visuelle Begleitung zur Aufarbeitung während der Pause bei den Roten Teufeln eingeführt. In der DEL ist dies längst Standard, in der zweiten Liga mehr und mehr im Kommen. "Das gehört einfach dazu. Man kann einerseits Fehler direkt ansprechen und andererseits unmittelbar reagieren", sagt Kreutzer.

Das Programm "Steva" - ein Branchenführer - ermöglicht eine unmittelbare Zuordnung der Spielsituation in eine lange Liste. Das Verhalten in der defensiven, der neutralen und der offensiven Zone, die Aufstellung beim Bully, taktische Varianten in Über- und Unterzahl, Checks, Konter, Befreiung, Schüsse, Turnover - die Möglichkeiten der gezielten Katalogisierung sind scheinbar unbegrenzt. Durch die unterschiedlichen Tastenkürzel wird der Clip gleich konkret der Spielsituation zugeordnet, kann mit einer ergänzenden Bemerkung versehen und später rasch zugeordnet werden.

Der Clou: Das Programm schneidet eigenständig die Sekunden vor der Aktivierung durch Tastendruck zur Sequenz dazu. Dadurch entsteht ein Gesamtbild. Aus 20 Netto-Minuten pro Spieldrittel entstehen schnell einmal mehr als 100 Clips. Nicht selten ergeben sich mehr als 400 Sequenzen pro Spiel; unterteilt in rund 20 Spiel-Situationen, die einzelnen abgerufen werden können. Vieles, das Meiste, fällt natürlich unter den Tisch. Anderes kann Spiele beeinflussen, mitunter entscheiden.

Wenn die Sirene die 18-minütige Pause ankündigt, muss es schnell gehen. Baldys, der beim Heimspielen von Ex-Profi und Nachwuchstrainer Alexander Baum unterstützt wird, schnappt sich den Laptop, eilt hinunter in die Kabine. Er weiß genau, was Kreutzer und dessen Assistent Harry Lange sehen wollen. Taktisches Verhalten der gegnerischen wie der eigenen Mannschaft in prägenden Situationen, Lauf- und Passwege, ebenso strittige Momente und Entscheidungen. Man ist eingespielt. Die aussagekräftigen Szenen sind schnell gefunden. Rund die Hälfte der Pause ist inzwischen vergangen. Kreutzer holt den oder die betreffenden Spieler zu sich, führt am Laptop vor, was ihm aufgefallen ist. Eine Sache von drei, vier Minuten.

Bevor die Mannschaft auf’s Eis geht, spricht der Trainer noch zum gesamten Team. Baldys kehrt zurück auf seinen Tribünenplatz, legt die Fingerkuppen auf die Tastatur, und das Spielchen beginnt von vorne.

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