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EC Bad Nauheim: Im Hamsterrad

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Der EC Bad Nauheim spielt seine sechste Saison in der DEL2. Ein Gespräch mit Andreas Ortwein über wachsende Anforderungen, die Stadion-Thematik und das Hamsterrad, in dem die Roten Teufel laufen.

Andreas Ortwein, der Erfolg der Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen mit dem Gewinn der Silbermedaille hat Eishockey in diesem Jahr bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. Konnten sich auch die Roten Teufel diesen Hype zunutze machen?

Andreas Ortwein: Im Nachwuchsbereich hat sich der Erfolg konkret bemerkbar gemacht. Das Interesse, Eishockey zu spielen, ist gestiegen. An den Zuschauerzahlen der DEL 2-Mannschaft lässt sich das nicht ablesen. Der Erfolg der Nationalmannschaft war sicherlich eine unterstützende Maßnahme im Hinblick auf die Auf-und-Abstiegs-Verhandlungen mit der DEL. Dass sich die Gespräche zu einer längeren Hängepartie hingezogen haben, hat dem Verband, der DEL und der DEL 2 aber auch vom Schwung des Medaillengewinns genommen.

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Die GmbH hat in diesem Sommer zwischenzeitlich erstmals zwei Mitarbeiter im Bereich Marketing angestellt. Macht sich dies auch schon in der Kasse bemerkbar?

Ortwein: Vorweg: Laut DEL2-Vorgaben dürfen wir ohnehin nur auf Grundlage der Zahlen aus dem Vorjahr planen. Matthias Mämpel ist im Sommer zu uns gestoßen und hat die Kalt-Akquise begonnen. Das ist ein Prozess, der sich über sechs bis acht Monate zieht. Natürlich würden wir uns freuen, wenn wir für die aktuelle Saison weitere Partner gewinnen, aber grundsätzlich gehen wir nun in die Phase, Unterstützer für die kommenden ein, zwei Jahre zu finden. Eines muss aber auch mal deutlich gesagt werden: Sponsoring bedeutet nicht immer nur Wachstum. Das ist keine Einbahnstraße. Es gibt Branchen, die boomen, und andere, die mit Problemen kämpfen. Man muss deshalb auch so ehrlich sein und sehen, dass es Phasen gibt, in denen Sponsoren mal kürzer treten. Akquise ist oft auch Kompensation und nicht ausschließlich Steigerung.

Zur Saison 2018/19 wurde an der Preisschraube gedreht. Das betrifft die Tickets ebenso wie die Werbepakete. Wie waren die Reaktionen?

Ortwein: Wir haben - bei Fans wie bei Sponsoren - zu 90 Prozent ein positives Feedback erhalten. Wir wollen uns einerseits mit DEL2-Klubs messen, unter anderem mit Frankfurt oder Bietigheim, die ganz andere Rahmenbedingungen haben, da können wir andererseits doch keine Oberliga-Preispolitik betreiben. Das weiß am Ende auch jeder. Wir müssen uns den Gepflogenheiten anpassen. Und ligaweit bewegen wir uns bezüglich der Preisgestaltung im mittleren Segment. Ob wir am Ende wirklich Mehrerlöse erzielen, wird die Resonanz bei den Heimspielen zeigen.

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Sie stehen beim EC Bad Nauheim mit kurzer Unterbrechung seit zehn Jahren in (mit)verantwortlicher Position. Inwiefern hat sich das Sportsponsoring in dieser Zeit verändert?

Ortwein: Massiv. Es ist nicht damit getan, eine Bande anzuschrauben und eine entsprechende Rechnung zu stellen. Ein Partner muss heute ganz anders betreut und einbezogen werden. VIP-Hospitality hat heutzutage eine ganz andere Bedeutung. Soziale Medien, Videowand, Sprade TV - das alles ist nicht mehr wegzudenken. Diesen Gegebenheiten müssen wir uns anpassen. In diesem Jahr haben wir beispielsweise auch dem VIP-Raum einen neuen Anstrich verpasst, ihn aufgewertet. Ein Sponsoring muss leben. Man ist im Austausch, muss die Partner abholen, Netzwerktreffen organisieren und die Partner verknüpfen. Ich denke, wir machen viele Dinge gut. Gleichzeitig sehe ich hier aber auch noch viel Potenzial.

EC Bad Nauheim: Ist die GmbH-Struktur noch zeitgemäß?

Die Gesellschaft setzt sich aus fünf Privatpersonen sowie dem Nachwuchs- und dem Förderverein zusammen. Ist diese GmbH-Struktur noch zeitgemäß vor dem Hintergrund, dass die Vereine nur schwer über größere Investitionen entscheiden können?

Ortwein: Grundsätzlich muss man sehen: Woher kommt der EC Bad Nauheim? Vor zehn, 15 Jahren gab es die klassische Vereinsstruktur, später dann GmbH’s mit Alleingesellschaftern. Das hat den Nachteil, dass in Sachen Meinung, Inhalt und Wirtschaftlichkeit alles von einer Person abhängig ist. Der Schritt in eine mehrgliedrige Struktur vor sechs Jahren war sicher der richtige Weg. Man muss aber auch sagen: Die 2. Bundesliga war eine andere Liga mit anderen Anforderungen als heute. Über diesen Prozess und wie eine Unternehmensstruktur aufgebaut sein muss, damit wir diesem gewappnet sind, wird momentan sehr intensiv gesprochen. Die zentrale Frage: Was sind zum einen die richtigen Unternehmensformen? Die HSG Wetzlar beispielsweise hat eine GmbH und Co KG. Zum anderen beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir weitere Gesellschafter gewinnen können und was diese wirtschaftlich und inhaltlich zu leisten haben. An diesen Punkten wird eine Entwicklung stattfinden müssen. Wenn wir in dieser Liga mit ihrer rasanten Entwicklung mithalten wollen, müssen wir auf der obersten Unternehmensebene sicher neue und weitere Entwicklungsschritte gehen.

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Die Ausgliederung des Caterings in eine GmbH ist parallel sicher ebenfalls ein Schritt in diese Richtung.

Ortwein: Ja. Wir haben die Stadion- und Event-Catering GmbH gegründet, als 100-prozentige Tochter der Spielbetriebs GmbH, die 100 Prozent des Gewinns erhalten wird. Auch dies ist inhaltlich und organisatorisch ein Entwicklungsschritt.

Beim Blick in die Zukunft: Welche Entwicklungen und Herausforderungen für den Standort Bad Nauheim sehen Sie durch die künftige Verzahnung von DEL und DEL 2?

Ortwein: Die Budget-Schere zwischen den in Anführungszeichen normalen Klubs, zu denen ich uns mit sechs, sieben weiteren Vereinen Standorten zähle, sowie den ambitionierten Klubs wird auseinandergehen. Ob dadurch zugleich auch die sportliche Kluft größer wird, würde ich so nicht unterschreiben. Klar. Am Ende schießt Geld auch Tore, aber letztlich kann auch nur einer aufsteigen. Man muss das Ganze mal aus Sicht des Sportes sehen. Es ist für einen Sport-Begeisterten, der nicht unmittelbar mit dem Eishockey verbunden ist, nicht greifbar, warum es keine Verzahnung gibt. Deshalb ist diese Einigung nun so wichtig; auch mit der Vorlaufzeit. Wir in Bad Nauheim können nun unsere Fans, unser Umfeld, unsere Werbepartner vorbereiten hinsichtlich der Frage, was es denn bedeutet, wenn wir dort mitspielen, welche Anforderungen dadurch an uns gestellt werden. Wir können Dinge auf den Weg bringen und auch den Dialog mit der Stadt forcieren. Die Vorlaufzeit gibt uns - wie allen Standorten - die Möglichkeit, uns Schritt für Schritt wirtschaftlich und inhaltlich den Bedingungen anzupassen.

EC Bad Nauheim: Die Philosophie der kleinen Schritte

Welche Perspektive bringt die Verzahnung für Bad Nauheim?

Ortwein: Aktuell geht es doch um die Frage: Wie halten und stabilisieren wir uns im Tabellen-Mittelfeld? Unser Trainer Christof Kreutzer hat aber auch schon öffentlich gefragt: Warum soll es für Bad Nauheim nicht irgendwann einmal möglich sein, wieder nach ganz oben zu schauen? Klar, im Augenblick ist das Utopie. Da bräuchte man einen großen Geldgeber und ein entsprechendes Stadion. Aber, warum sollten wir uns nicht irgendwann dorthin entwickeln? Wir müssen aktuell weiter unsere kleinen Schritte gehen, allein schon um DEL 2 in Bad Nauheim spielen zu können; eben entsprechend unserer Philosophie.

Also, junge Spieler weiterzubilden und diesen eine DEL-Perspektive aufzuzeigen?

Ortwein: Diego Hofland, Eugen Alanov, Nicklas Mannes. Das sind drei Beispiele von Jungs, die sich in Bad Nauheim weiterentwickelt haben und nun höherklassig Fuß fassen. Und wenn Frankfurt in diesem Sommer gleich drei Spieler aus Bad Nauheim holt, dann kann unser Scouting, unsere Transferpolitik, zuletzt nicht so schlecht gewesen sein. Und den Weg mit jungen Leuten beschreiten wir auch jetzt: Garret Pruden haben wir zwei Jahre lang eine Weiterbildung in Köln finanziert. Einen ähnlichen Weg gehen wir jetzt mit Leon Köhler und Jan Wächtershäuser, in der Hoffnung, dass sie irgendwann in die Fußstapfen unserer Lokalmatadoren Jan Guryca und Daniel Ketter treten können. Natürlich überlegt man auch mal, ob man wie andere Klubs Deutsch-Kanadier verpflichtet. Das kommt bei den Fans gleich gut an. Aber das entspricht nicht unserem Denken. Wir wollen Spieler stufenweise heranführen. Und für diesen Weg sitze ich auch in den DEL2-Ausschüssen und Gremien, um darauf einwirken zu können. Denn: Wer sollen denn die Silber-Jungs in den kommenden 20 bis 30 Jahren sein? Da hat in unseren Augen jeder Klub eine Mitverantwortung.

Eine Weiterentwicklung ist untrennbar mit der Spielstätte verbunden. Seit Jahren ist die Stadion-Frage ein Thema. Zeichnen sich auch hier Perspektiven ab?

Ortwein: Die Stadt hat das Thermen-Projekt, ein Mammut-Projekt mit elementarer Bedeutung, auf den Weg gebracht. Das ist insofern wichtig, da nun in den entsprechenden Abteilungen Ressourcen und Möglichkeiten frei werden, sich mit dem Eisstadion und anderen Themen auseinanderzusetzen. Wir werden den Dialog mit der Politik intensivieren. Beiden Seiten ist bewusst, dass zeitnah eine gewisse Summe in die Hand genommen werden muss, um eine zukunftsfähige Perspektive aufzubauen. Daran kommt keiner mehr vorbei. Die Karten haben wir in den vergangenen eineinhalb Jahren während vieler Workshops auf den Tisch gelegt. Wir haben erarbeitet, wie ein Konstrukt aussehen könnte; von der investiven als auch von der betriebswirtschaftlichen Seite. In der nächsten Stufe brauchen wir zwingend ein fachliches Unternehmen, das diesen Prozess begleitet und Unterlagen zusammenstellt, um größere Schritte angehen zu können.

EC Bad Nauheim: Wird das Stadion zum Grab der Roten Teufel?

Kann, sofern nicht zeitnah Perspektiven erkennbar sind, das Colonel-Knight-Stadion auch zum Grab des EC Bad Nauheim werden?

Ortwein: Das klingt schon sehr negativ. Ich laufe jetzt selbst seit 30 Jahre gerne durch den Kurpark. Das Stadion hat unglaubliches Eishockey-Flair, eine tolle Atmosphäre. Über kurz oder lang wird das nicht reichen, um der DEL 2-Entwicklung standzuhalten. Wenn sich die Liga in den kommenden fünf Jahren so rasant entwickelt wie in den letzten fünf Jahren, dann spielen wir 2023 keine DEL 2 mehr. Dabei zweifele ich nicht an unserer Arbeit, sondern sehe ganz einfach, wohin die Reise geht und was aus der Oberliga nachkommen kann. In Rosenheim wird das Stadion für 20 Millionen saniert, in Landshut entsteht für einen ähnlichen Betrag ein Schmuckkästchen. Regensburg hat eine Arena, Hamburg und Hannover haben als Großstädte das entsprechende Potenzial. Hier in Bad Nauheim stehen Gesellschafter, Geschäftsführer, Mitarbeiter, Werbepartner im Hamsterrad - und das seit zehn Jahren. Wir treten mit aller Energie und tun, was wir können, um das zu stemmen. Wenn man dies auf ein Wirtschaftsunternehmen überträgt, ist das kein wünschenswerter Zustand. Die Bedingungen sind, wie sie sind, aber nicht zukunftsfähig.

Hinter Eintracht Frankfurt im Süden und neben der HSG Wetzlar und den Gießen 46ers im Norden erfreut sich der FC Gießen immer größerer Popularität. Ein ernsthafter Konkurrenz im Kampf um Sponsoren?

Ortwein: Mit Blick auf Bestandspartner eher nicht. Die sind oft seit Jahren verwurzelt. Bei Neu-Sponsoren ist der FC Gießen natürlich ein Konkurrent. Man darf die Dichte an hochklassigem Sport in Mittelhessen nicht unterschätzen. Und auch ein Werbepartner kann sein Geld nur einmal ausgeben. Wir sind in einem harten Wettbewerb.

Lebt man in der Wetterau in einer Eishockey-Blase? Oder spüren Sie auch überregional Strahlkraft der Roten Teufel?

Ortwein: Eishockey hatte schon immer überregionale Wirkung. Es muss uns jetzt vielmehr gelingen, die Bad Nauheimer und die Menschen aus der Region zurück ins Stadion zu holen. Woher kamen denn vor 15, 20 Jahren die 4000, 5000 Zuschauer? Da ist Potenzial. Es liegt an uns, die Menschen zu begeistern. Dass dabei die Infrastruktur mit der Parkplatz-Situation, Scheiben, die schon mal beschlagen, und viele andere Dinge eine Rolle spielen, ist uns bewusst. Vielleicht haben wir unter diesen Bedingungen in einigen Bereichen eine Sättigung oder Grenzen erreicht. Wenn wir diese Grenzen überschreiten wollen oder gar müssen, muss es eine infrastrukturelle und wirtschaftliche Entwicklung geben.

EC Bad Nauheim: Die Fans sind ein Segen

Bislang wurde die DEL 2-Zugehörigkeit des EC Bad Nauheim von Ihnen als Erfolg verkauft. In fünf Jahren hat sich die Mannschaft allerdings auch zweimal direkt für die Playoffs qualifiziert.

Ortwein: Wir sagen den Menschen ehrlich, was möglich ist, und was eben nicht. Ich sehe aber auch tagtäglich, was an anderen Standorten passiert. Da muss man das eigene Wachstum in Relation setzen. Riessersee ist ein klassisches Negativ-Beispiel. Da wurde eineinhalb Jahre über den eigenen Möglichkeiten gelebt. In Kaufbeuren wiederum hat die neue Arena einen Boom ausgelöst. 1500 statt 500 Dauerkarten wurde verkauft. Das Stadion ist ein Magnet. Oberste Prämisse ist für uns der Ligaerhalt. Intern formulieren wir natürlich den Anspruch, an den Playoffs teilzunehmen.

Die Identifikation der Fans ist enorm. Rund 80 Fans begleiteten die Mannschaft zu Testspielen nach Österreich und in die Schweiz. Zum ersten Training waren sonntagsmorgens mehr als 300 Interessierte im Stadion. Ein Segen und Fluch zugleich?

Ortwein: Das ist ausschließlich ein Segen. Diese Identifikation, diese Liebe und der Wille, für den Klub alles zu tun, ist ein Alleinstellungsmerkmal in der Region und vielleicht auch in der Liga. Das trägt und beflügelt uns. Und wir müssen das Gen weitergeben. Das macht uns aus. Solche Fans sind etwas Besonderes.

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