Olympia-Wunder

Vor 42 Jahren: Die große Olympia-Sternstunde eines Bad Nauheimers

  • Michael Nickolaus
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14. Februar 1976: Deutschland holt Bronze beim olympischen Eishockey-Turnier in Innsbruck - dank des Torquotienten. Eine Bad Nauheimer Legende blickt mit der WZ auf die Sternstunde zurück.

In Innsbruck ist die Mannschaft vor zwei Jahren noch einmal zusammengekommen. Erich Kühnhackl, Alois Schloder, Ignaz Berndanner, Lorenz Funk (verstorben im September 2017), Ernst Köpf, Udo Kießling und wie sie alle heißen. »Das war schon ein guter Haufen«, sagt Rainer Philipp, der nahe Köln zu Hause ist. In der Kabine des Olympiastadions haben sie noch einmal zusammengesessen, und sie waren am Bergisel, dem Schauplatz der Eröffnungsfeier. Der Bayerische Rundfunk würdigte den Triumph mit einem Dokumentarfilm unter dem Titel »0,041 - Das Eishockey-Wunder von Innsbruck«.

0,041 – diese Zahl steht für den letztlich entscheidenden Torquotienten im direkten Vergleich von Deutschland (Torverhältnis 7:6), Finnland (9:8) und den USA, den drei punktgleichen Mannschaften. Mit hängenden Köpfen war die Mannschaft von Bundestrainer Xaver Unsinn nach einem 4:1-Erfolg im letzten Turnierspiel gegen die USA vom Eis geschlichen. Dass dieser Sieg zur Bronzemedaille, zum größten Erfolg in der Verbandsgeschichte, reichen würde, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand.

Hier gibt es die Dokumentation in voller Länge:

Erst später, unter der Dusche, erhielten Philipp und seine Teamkollegen schließlich Gewissheit. »Wir konnten das überhaupt nicht glauben. Die Freude, diese Euphorie – das ist eigentlich unbeschreiblich.«

Präsident riet zum Daheimbleiben

Willy Daume, der damalige Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hatte den Kufencracks zuvor noch ebenso ernsthaft wie öffentlich geraten, lieber zu Hause zu bleiben. In den Testspielen hatte Deutschland unter anderem gegen Polen und Rumänien verloren. Hohn und Spott wurden den Männern mit dem Adler auf der Brust entgegengebracht. »Olympia-Deppen« titelte der Boulevard.

Deutschland aber gewann das Medaillenrunden-Qualifikationsspiel zum Auftakt gegen die Schweiz (5:1), besiegte anschließend noch Polen (7:4), unterlag Finnland (3:5), der Sowjetunion (3:7) und der Tschechoslowakei (4:7) – und hatte vor dem abschließenden Spiel dennoch Medaillenchancen. Alleine ein Sieg gegen die Nordamerikaner galt als Überraschung, ein Unterschied von drei, vier Toren schien utopisch. »Irgendwie haben wir uns immer mehr rein gesteigert.

Normalerweise haben wir ja gegen die großen Nationen immer ordentlich den Säckel voll bekommen«, erzählt Philipp, der mit Schloder auf den Außenpositionen dem deutschen Jahrhundertspieler Kühnhackl in der Mittelstürmerrolle Freiräume schuf. Mit zwei Toren und zwei Vorlagen war der Wetterauer viertbester Scorer seiner Mannschaft.

Bundeskanzler Helmut Schmidt lud zum Empfang

Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt lud im Anschluss zum Empfang, in Bonn wurde das silberne Lorbeerblatt verliehen und bei der Wahl zur Mannschaft des Jahres landete die Eishockey-Nationalmannschaft vor dem FC Bayern München. Nur wenige Wochen nach dem Wunder von Innsbruck rettete Philipp das Nationalteam mit einem Treffer kurz vor Schluss in Kattowitz vor dem Abstieg aus der WM-A-Gruppe.

Heute kommen die alten Recken nur noch ganz selten in größerer Runde zusammen. »Die meisten wohnen in Bayern und stehen den ganzen Tag auf dem Golfplatz«, lacht Philipp, der diesem Sport aus gesundheitlichen Gründen nicht nachgehen kann. Ab kommender Woche werden Philipp und seine Freunde zumindest eines gemeinsam haben: Der Olympia-Mannschaft in Pyeongchang die Daumen drücken.

Steckbrief

Das ist Rainer Philipp

Rainer Philipp wurde am 8. März 1950 in Bad Nauheim geboren. Nach 13 Bundesliga-Jahren beim VfL wechselte er 1979 nach Köln und erfüllte sich fünf Jahre später den Traum von der Deutschen Meisterschaft. Parallel zur sportlichen Karriere eröffnete der gelernte Karosseriebau-Meister einen eigenen Betrieb in Köln. Philipp, der »Flipper« gerufen wurde, bestritt insgesamt 717 Bundesliga-Spiele und erzielte 454 Tore. 199-mal trug er das Trikot der Nationalmannschaft (90 Treffer), nahm an mehreren Weltmeisterschaften sowie zwei Olympischen Spielen teil. Das Eishockey-Museum ehrte ihn mit der Aufnahme in die deutsche Hall of Fame. In Köln wie auch in Bad Nauheim wird die Rückennummer 8, die er in beiden Klubs getragen hatte, nicht mehr vergeben. (mn)

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