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Die Moskitos Essen (links, Peter Draisaitl) und der EC Bad Nauheim (rechts Tray Tuomie) liferten sich 1999 eine packende Final-Serie. Heute kreuzen sich die Wege der Mit- und Gegenspieler von einst noch immer. Draisaitl hatte zuletzt in Köln gearbeitet, Tuomie zählt zum Trainerstab der Augsburger Panther.

EC Bad Nauheim

Heute vor 20 Jahren: Als dem EC Bad Nauheim ein Tor zum DEL-Aufstieg fehlte

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25. April 1999, 0:1-Niederlage nach Penaltyschießen bei den Moskitos Essen. Nie mehr ist der EC Bad Nauheim dem deutschen Eishockey-Oberhaus so nahe gekommen. Ein Rückblick.

Ein einziges Tor nur. Ein einziger Treffer hatte am Ende den Unterschied im fünften und alles entscheidenden Playoff-Finalspiel der 2. Eishockey-Bundesliga ausgemacht. Nur einer von jeweils fünf Schützen hatte nach 70 torlosen Minuten einen Penalty verwandelt. Enger hätte die Entscheidung über Aufstieg und zerplatzte Träume nicht sein können. Ein anderes, vielleicht weniger dramatisches Ende hätte im 71. Saisonspiel zum Abschluss eines sportlich höchst turbulenten Winters in Bad Nauheim auch gar nicht ins Bild gepasst. Meister ESC Moskitos Essen spielte in den folgenden drei Jahren in der DEL, stieg schließlich am Grünen Tisch ab und hat sich heute in der Oberliga etabliert. Die Roten Teufel klopften 2004 mit hohem wirtschaftlichem Aufwand, aber sportlich glücklos noch einmal an die Erstliga-Tür (Aus im Halbfinale) und sind nach zweimaligem Neustart in der Regionalliga nun in der zweiten Liga etabliert.

Nur Draisaitl trifft: Ex-Nationalspieler Peter Draisaitl – bei den Olympischen Spielen die tragische Figur im Penaltyschießen gegen Kanada – war als erster Schütze im Hexenkessel am Essener Westbahnhof angetreten und hatte gegen Joachim "Bibi" Appel im Tor der Hessen getroffen. Für Bad Nauheim scheiterte an jenem heißen Sonnntagmittag nach Marc West, Tim Regan, Olaf Scholz, Doug Murray schließlich auch Daniel Del Monte an Radek Toth, dem Torwart der Moskitos; ausgerechnet Del Monte, der unmittelbar vor dem Ende der Verlängerung zwei sogenannte "Hundertprozentige" ausgelassen hatte. "Dieses Spiel zählt zu den intensivsten und bewegendsten Momenten meiner Karriere. Auch jetzt, mit so viel Abstand, kommt die Erinnerung immer wieder hoch, wird man immer wieder auf dieses Spiel angesprochen. Ich wünschte, wir könnten diese Partie noch einmal spielen", sagt Dino Felicetti heute. Als "wütend" beschreibt er seine damaligen Emotionen. "Wir waren so nah dran, und wir waren überzeugt, dass wir gewinnen würden."

Essen und Bad Nauheim dominieren: Beide Kader waren zusammengestellt worden, um den Titel zu gewinnen. 15 Punkte lagen bereits nach der Hauptrunde zwischen diesen beiden Mannschaften und dem Tabellendritten, immerhin noch acht waren es vor dem Playoff-Start. In vier Spielen wurde erst Braunlage, dann Düsseldorf geschlagen. Die Roten Teufel schienen die innerbetrieblichen Querelen abgehakt zu haben. Frank Carnevale, der Trainer, war Anfang Februar nach einem Streit mit Jörg Hiemer, der erst fünf Tage zuvor als Geschäftsführer verpflichtet worden war, entlassen worden. Auf Interimslösung Thomas Barczikowski, zuvor Assistent, folgte Miroslav Berek als Trainer. Die Mannschaft – so schien es aber – würde sich selbst coachen. "Wir hatten so viele Typen, so viel Charakter und Routine im Kader. Erst die Serie an der Brehmstraße, dann die Spiele mit Essen. Für mich als junger Spieler war diese Saison wie ein Ausbildungsjahr", erinnert sich Tim Regan, damals gerade 25 Jahre alt, wild und ungestüm, heute Co-Trainer beim DEL-Klub Ingolstadt.

Der Scholz-Check: Beide Klubs – die physisch agierenden Roten Teufel und die technisch versierten Moskitos – hatten ihre ersten beiden Heimspiele der Finalserie gewonnen; jeweils 3:1 und 3:2. Und insbesondere Spiel vier hatte die Emotionen geschürt. Dort hatte Bad Nauheims Olaf Scholz Moskitos-Torwart Toth mit reichlich Anlauf in die Bande gecheckt und war mit einer kleinen Strafe gut bedient gewesen. Eine Szene, die noch heute durch die sozialen Medien geistert. Toth wurde minutenlang behandelt, beendete die Partie mit einer Nierenprellung, wurde aber noch in der Nacht in die Uni-Klinik Essen gebracht, wo er erst am Sonntagvormittag entlassen wurde - und das Spiel seines Lebens machte. "Dieser Check war letztlich der größtmögliche Motivator für uns. Olaf war schon immer ein Schlitzohr. Diese Aktion war aber längst nicht mehr im grünen Bereich", erinnert sich Andreas Keppeler, damals Pressesprecher des ESC Moskitos.

Eier fliegen an den Mannschaftsbus: Olaf Scholz, ein Ex-Essener, war fortan zur Zielscheibe verbaler Attacken, gar von Bedrohungen im Internet geworden. Unter Polizeischutz war der Mannschaftsbus deshalb am Stadion am Westbahnhof vorgefahren, Eier flogen. Im Stadion blieb es dank eines großen Aufgebots an Sicherheitskräften trotz aller Emotionen sehr ruhig, zudem reagierten die ESC-Funktionäre besonnen, öffneten kurz vor Spielbeginn die Stadiontore, als noch immer rund 200 der mehr als 800 Fans aus Hessen vor der ausverkauften Halle standen und die Lage zu eskalieren drohte. Vom "bestbesuchten Heimspiel, das Essen je hatte", spricht Keppler rückblickend. Anstelle der zugelassenen 5500 Zuschauer dürften gut und gerne 7000 Enthusiasten den Eishockey-Krimi verfolgt haben.

Häme noch nach 20 Jahren: Nach 70 torlosen Minuten hatte – so das damalige Regelwerk – ein Penaltyschießen die Entscheidung bringen müssen; das Fernduell zwischen Radek Toth und "Bibi" Appel. "Appel war stark, aber Toth war an diesem Tag einfach überragend", sagt Regan, der auch heute noch immer wieder an jenen Tag erinnert wird. Die Eishockey-Familie ist eben überschaubar; Mit- und Gegenspieler von 1999 sind noch immer im Business verwurzelt. Zuletzt schwelgte Regan mit Siegtorschütze Draisaitl in Erinnerungen. Draisaitl war zu Saisonbeginn Trainer in Köln, wo Regan und sein damaliger Mitspieler Larry Mitchell (heute Sportdirektor in Ingolstadt) zum DEL-Spiel zu Gast waren. "Ja, es gibt auch heute ein bisschen Gefrotzel. Dieses Spiel wird keiner vergessen, der dabei war", sagt Regan.

Info

So haben sie am 25. April 1999 gespielt

ESC Moskitos Essen: Toth - Scerban, Müller-Boenigk, Kienass, Pokorny, Wunsch - Rumrich, Draisaitl, Nedorost, Boris Fuchs, Zajic, Andrej Fuchs, Sejba, Hanlon, Marcoux, Czerwice, Kohmann, Luknowsky. - Trainer: Jan Benda. EC Bad Nauheim: Appel - Wedl, Rentzsch, Reinig, Clarke, Michel, Woodburn, Eckert - Murray, West, Felicetti, Malo, Scholz, Del Monte, Regan, Tuomie, Paschek. – Trainer: Miroslav Berek.

Ein Nauheimer überreicht die Trophäe: Peter Konietzke-Legrand, Mitte der 1990er-Jahre noch Vorstandsmitglied des EC Bad Nauheim, überreichte als Präsidiumsmitglied des Deutschen Eishockey-Bundes den Meisterpokal an Bodo Müller-Boenigk. Vor der Halle hatten der ESC-Vorstand um Thomas Schiemann (heute noch im Aufsichtsrat des Ruhrstadtklub sitzend) flugs bereits am Vortag vorausschauend eine Meisterfeier organisiert. "Dieser Titel ist unbezahlbar. Er hat Moskitos zur Marke gemacht. Davon lebt Eishockey in Essen noch heute", sagt Keppeler. Nur fünf Jahre nach der Klubgründung 1994 war für die Moskitos die "Vision DEL", der Traum vom Pflichtspiel in der Kölnarena, Realität geworden. Früher als geplant. "Der Titel war der größte Erfolg der Essener Eishockey-Historie. Leider ist es nicht gelungen, uns in der DEL zu etablieren."

Die Heimkehr: Der Bus der Teufel fuhr am Finalabend um 22.20 Uhr wieder am Colonel-Knight-Stadion vor. Dort warten 1000 Fans, bereiteten ihrer Mannschaft einen tollen Empfang. Zu vorgerückter Stunde wich dann auch die Enttäuschung der Gewissheit, eine mitreißende Saison gespielt zu haben.

Info

Wie der Vater, so der Sohn: Was der Nachwuchs der damaligen EC-Spieler heute macht

Reinig, Felicetti, Del Monte, Tuomie, Clarke. Namen aus dem 1998/99-Kader des EC Bad Nauheim. Inzwischen sind die Söhne in die Fußstapfen ihrer Väter getreten, schreiben als nächste Generation bereits selbst die Schlagzeilen.

  1. Parker Tuomie ist 23 Jahre alt. Der gebürtiger Haßfurter bestritt kürzlich sein erstes Länderspiel für Deutschland. In den vergangenen drei Jahren spielte der Rechtsaußen für die Minnesota State University in der   National Collegiate Athletic Association (NCAA). Dort war er im Übrigen Teamkollege von Julian Napravnik aus Ilbenstadt.
  2. Aaron Reinig wurde in Bad Nauheim geboren. Der 23-jährige Verteidiger wechselte 2017 aus der Ontario Junior Hockey League nach Deutschland. Nach einer Saison in Kaufbeuren konnte sich der Rechtsschütze beim Oberligisten Hamburg für eine Rückkehr in die DEL 2, nach Deggendorf, empfehlen.
  3. Cameron Clarke ist 22 Jahre alt. Der Verteidiger wurde 2016 von den Boston Bruins in der fünften Runde des NHL-Drafts an 136. Stelle gezogen. Der 1,88 Meter große US-Amerikaner spielt aktuell für die Ferris State University in NCAA.
  4. Ryan Del Monte ist 16 Jahre alt und Mittelstürmer. Bei den Drafts der Ontario Hockey League (OHL), der kanadischen Top-Nachwuchsliga, haben sich die Barrie Colts in der zweiten Runde die Rechte an dem 1,80 Meter große Rechtsschützen gesichert.
  5. Ben Felicetti ist ebenfalls 16 Jahre alt und Stürmer. Das Team Windsor Spitfires hat sich bei den OHL-Drafts in der achten Runde (Position 148) die Rechte gesichert.

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